Tödliche Lawine: Warum auch bei geführten Touren ein Risiko bleibt

Eines der wichtigsten Ziele des Alpenvereins ist die Förderung der Sicherheit im Bergsport . Umso tragischer ist es, dass am Wochenende im Salzburger Pongau in Großarl ausgerechnet bei einem Ausbildungsprogramm unter Leitung einer 41-jährigen Bergführerin vier Mitglieder der Gruppe bei einem Lawinenunglück ums Leben kamen. Gegen die Kursleiterin, die das Unglück überlebte, ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung . Die Teilnehmer waren selbst durch die Bank erfahrene Tourenführer. Dass sich unter diesen Vorzeichen ein derart folgenschwerer Lawinenunfall ereignen kann, wirft naturgemäß Fragen auf. Ein anderes Bild „Ich halte gar nichts davon, wenn Experten unmittelbar nach einem Unfall zur Frage der Haftung oder Leichtsinnigkeit Beurteilungen abgeben. Denn nach sorgfältiger Erhebung des Sachverhalts kann sich ein anderes Bild ergeben“, mahnt Robert Wallner , der mehrere Jahre in Innsbruck als Alpinstaatsanwalt tätig war und als langjähriges Expertenmitglied das Kuratorium für Alpine Sicherheit in juristischen Fragen berät. Zu einem schnellen Urteil hat sich nach dem Unglück Richard Freicham, Landesleiter der Salzburger Bergrettung , hinreißen lassen. Er kritisierte die Entscheidung, eine Tour zu den am Samstag herrschenden Bedingungen zu unternehmen. „Touren über der Waldgrenze an Hängen über 30 Grad sind zu gefährlich“, meinte er. Dem gegenüber hielt wiederum der Bezirksstellenleiter der Pongauer Bergrettung, Gerhard Kremser, am Montag im ORF -Interview komplett konträr fest: „Die Gruppe hat dort nichts riskiert.“ Anklagen sind selten Bei tödlichen Lawinenunfällen im Rahmen einer geführten Tour werden selbstverständlich Ermittlungen aufgenommen und Sachverständige mit Gutachten zur Unfallursache beauftragt. Ein Rückblick in die jüngere Vergangenheit zeigt: Dass es zu Anklagen gegen Bergführer – das gilt auch im Bereich anderer Alpinsportarten – kommt, ist eher die Ausnahme. „Das ist selten. Noch seltener sind Verurteilungen“ , weiß Wallner. Der Experte für Alpin- und Skirecht weist in diesem Zusammenhang darauf hin: „Es gibt ein gewisses erlaubtes Risiko auch bei geführten Touren. Daher kann es sein, dass man auch mit einem Bergführer voran zu Schaden kommt und diesen unter Umständen kein Verschulden trifft. Das gehört zum Bergsport dazu.“ Im langjährigen Schnitt gibt es bei Führungstouren in verschiedensten Alpinsportdisziplinen elf Todesopfer pro Jahr . Bittere Erinnerungen Der aktuelle Fall in Salzburg erinnert an ein Unglück, das den Alpenverein 2015 massiv erschüttert hat. Bei einer Skitour im Zuge eines Ausbildungsprogramms für junge Alpinisten in Frankreich wurde die gesamte Gruppe von einer Lawine mitgerissen. Drei der Teilnehmer starben. Gegen zwei österreichische Bergführer nahm die lokale Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Letztlich kam die Behörde zum Schluss, dass den beiden Männern kein fahrlässiges Verhalten vorgeworfen werden konnte. Das Unvorhersehbare Vier Tote forderte 2017 ein Lawinenabgang im Tiroler Schmirntal bei einer von einem Schweizer Bergführer geleiteten Skitour. Auch hier wurde das Verfahren eingestellt. Das Unglück sei nicht vorhersehbar gewesen. APA/ZEITUNGSFOTO.AT/ZEITUNGSFOTO.AT, ZEITUNGSFOTO.AT Vier Menschen starben 2017 unter Schneemassen in diesem Kessel im Schmirntal „Nicht zu rechnen“ war laut Staatsanwaltschaft Innsbruck auch mit einer Lawine im Tiroler Ötztal im Frühjahr 2024 , die drei Mitglieder einer 17-köpfigen Skitourengruppe aus den Niederlanden in den Tod riss. Die Ermittlungen gegen mehrere einheimische Bergretter wurden eingestellt. Speziell bei Lawinen gebe es die Problematik, dass man die Gefahr „wahnsinnig schwer einschätzen kann und selbst Profis sich schwertun“, erklärt Wallner. Er sieht die österreichische Justiz grundsätzlich „sehr gut gerüstet, solche Fälle gut zu bearbeiten“. So selten es auch Anklagen nach solchen Unfällen gibt, ist für ihn aber klar: „Auf der anderen Seite gibt es Tote und Angehörige, die Fragen haben . Denen ist man es schuldig, dass man so einen Unfall genau aufarbeitet.“