Wenn die Küche zu sprechen beginnt: "Die progressiven Nostalgiker" im Kino

Der wichtigste Moment im Leben einer Frau? Die Anschaffung einer Waschmaschine! Diese Antwort hatte Vinciane Millereau nicht erwartet, als sie ihre Großmutter nach dem bedeutungsvollsten Augenblick ihres Lebens fragte. Sie hatte eher an „Als ich deinen Großvater traf“ gedacht. Tatsächlich aber nannte Millereaus Oma den Einzug der modernen Waschmaschine in ihren Haushalt als großen Wendepunkt ihrer Biografie. Vorbei die Mühsal des Wäschewaschens im Keller mit Waschbrett, Bürste und Wringmaschine. Ab jetzt alles auf Knopfdruck! Dementsprechend wichtig ist die Waschmaschine auch in Vinciane Millereaus sehr lustiger Komödie „Die progressiven Nostalgiker“ (ab Donnerstag im Kino): Sie funktioniert als Zeitreisemaschine und katapultiert ein Vorzeigepärchen aus den 1950er-Jahren direkt in unsere digitale Gegenwart. Im Jahr 1958 sind Hélène und Michel die braven Eltern zweier Teenager in einer französischen Provinzstadt. Sie ist die adrette Hausfrau, die – immer in Stöckelschuhen – zu Hause kocht und putzt, während er ihr lässig auf den Hintern haut und dann im Büro verschwindet. Als Hélène bei einem Preisausschreiben eine Waschmaschine gewinnt, bricht ein Streit zwischen ihnen aus, die Waschmaschine reißt einen Kurzschluss – und das Ehepaar findet sich im Jahr 2025 wieder. Hélène und Michel verstehen die Welt nicht mehr: Die Zahnbürste beginnt im Mund zu surren, die Küche spricht und das Auto parkt sich quasi von allein ein. Und was, bitte, ist ein Handy? Aber es kommt noch viel schlimmer: Der Sohn hat lange Haare und geht praktisch im Schlafanzug zur Schule, und die Tochter heiratet – eine Frau! Apropos Frau: Hélène findet sich plötzlich als Chefin einer erfolgreichen Firma wieder, während Michel von Beruf Hausmann ist und Hemden bügelt. Eigentlich ist die Zukunft doch nicht so schlecht, findet Hélène. IMAGO/Future Image/IMAGO/Manfred Behrens Zurück in die Zukunft: Regisseurin Vinciane Millereau. Die Französin Vinciane Millereau, Schauspielerin und Drehbuchautorin, schrieb ihr witziges Langfilmdebüt „Die progressiven Nostalgiker“ mit ihrem Partner Julian Lambroschini. Eine Prise Magie Die Diskussionen, die sie mit ihren beiden Kindern im Teenageralter allabendlichen führen, flossen ins Drehbuch ein – ganz besonders über die Beziehung zwischen den Geschlechtern: „Ich wollte über Themen sprechen, die mir am Herzen liegen, aber auf lustige Weise“, sagt Vinciane Millereau im KURIER-Gespräch: „Geschichten über die Mann-Frau-Beziehung hat man schon Hunderte Male gesehen. Da kam die Idee mit der Zeitreise und der Waschmaschine gerade richtig. Ich bin mit dem Kino der 1980er-Jahre aufgewachsen – mit ,E. T.‘ und ,Zurück in die Zukunft‘ und wollte immer Filme mit einer Prise Magie machen.“ Was den Kampf mit KI-Assistenten wie Alexa und die Steuerung von Smart-House-Geräten anbelangt, ließ sich Millereau von eigenen Erfahrungen mit wildgewordenen Haushaltsmaschinen in Ferienhäusern leiten, die sie am Ende alle ausstecken musste: „Wir als Zuschauer lachen an dieser Stelle, aber für die Personen in meinem Film ist es der Horror, weil sie die digitale Welt und deren Verbindungen nicht verstehen.“ Filmladen Was, bitte, ist ein Handy? Didier Bourdon in "Die progressiven Nostalgiker". Unglaublich amüsant als ungleiches Ehepaar sind die beiden Hauptdarsteller Elsa Zylberstein und Didier Bourdon: Während er daran arbeitet, in seine Pascha-Rolle zurückzukehren, beginnt sie die Freiheiten des feministischen Fortschritts zu genießen: „Es ging mir nicht darum, eine Epoche gegen die andere auszuspielen“, beteuert die Regisseurin: „Gerade in Hinblick auf Kommunikation war die Zeit vor der Erfindung des Smartphones viel direkter.“ Auch die Sprache funktionierte anders: „Damals gab es keinen Slang, man hat Schriftfranzösisch gesprochen. Ich habe meine Schauspieler mit der richtigen Aussprache gequält“, erzählt Vinciane Millereau vergnügt: „Am Ende waren sie richtig angespannt vor Ärger: Das hat ihnen beim Spielen geholfen.“