Popcornduft liegt wieder in der Luft. Während in Hollywood die Vorbereitungen für die Oscars im März laufen und die Berlinale bis morgen ihre Premieren feiert, zeigt sich die Zukunft des Kinos nicht auf dem roten Teppich, sondern auf deutlich kleineren Leinwänden: zwischen den Lederlounges im Schikaneder , unter der klassischen Anzeigetafel des Burg Kinos am Ring , im 60er-Jahre-Ambiente des Gartenbaukinos und auf den besonders bequemen Sitzen im kleinen, feinen Admiral . Das Geschäft läuft, in Wiens Independent-Kinos . Und zwar so gut, dass selbst Häuser, die vor einigen Jahren schließen mussten, zurückkehren. Das Bellaria Kino soll im Frühjahr wieder aufsperren. Das überrascht Kollegen nicht. „Gerade in den vergangenen zwei Jahren hat sich die Besucherzahl massiv gesteigert“, berichtet Sabine Anders , Leiterin des Admiral Kinos, das mit dem Stadtkino im Künstlerhaus verbunden ist. Wiktoria Pelzer , Geschäftsführerin beider Lichtspielhäuser, ergänzt, dass die Zahlen im Vergleich sogar besser ausfallen als in den vergangenen zehn Jahren. Man kann also wirklich von einer Renaissance des Kinos sprechen. Und das ist kein Zufall. Hinter dem Boom steckt Arbeit und Strategie. Ein Abo als stärkster Hebel Das Nonstop-Kinoabo für kleinere Kinobetreiber gibt es seit 2023. Für 24 Euro im Monat (22 Euro für Unter-26-Jährige) kann man damit so viele Filme sehen, wie man möchte. Das Abo habe das Publikum stark verjüngt . Gleichzeitig führe es zu spontanen Kinobesuchen – oft auch zu Filmen, die man sonst nicht gewählt hätte. „Nach 17 Jahren bin ich immer noch überrascht, welche Filme gut ankommen“, sagt Norman Shetler , Leiter des Gartenbaukinos. Selbst Produktionen abseits des Mainstreams, die sonst keinen Verleih finden würden, funktionieren mittlerweile sehr gut. Das beobachtet auch Stefan Schramek , Geschäftsführer des Burg Kinos: „Der Geschmack ändert sich. Bei uns sind europäische und vor allem asiatische Filme viel stärker gefragt als früher.“ Darauf reagieren die Kinos mit einem klaren Profil. Sie schaffen sich ihre eigene Nische, ihre eigene Persönlichkeit. „Für ein qualitativ hochwertiges Programm, mit dem man sich identifizieren kann, lässt man sogar Filme aus, die kommerzielles Potenzial hätten, aber nicht zur Linie passen“, sagt Schramek. So findet sich im Programm auch der aktuelle Lieblingsfilm des Kinochefs („Silent Friend“ von Ildikó Enyedi) – selbst wenn er kein klassischer Kassenschlager ist. „Man setzt seine Akzente – und das schätzen unsere Besucherinnen und Besucher“, sagt Schramek. Independent Kinos verkaufen ja keine Ware, merkt Wiktoria Pelzer vom Stadtkino an. „Wir verkaufen ein Kultur-, ein Gemeinschaftserlebnis. Kino bringt Menschen zusammen.“ Darauf setzt das kultige Schikaneder Kino. „Es ist ein gesellschaftlicher Treffpunkt, wo sozialer Austausch stattfindet und aktuelle gesellschaftspolitische Themen repräsentiert werden“, sagt Kinobetreiber Johannes Wegenstein , der heuer 30-jähriges Jubiläum feiert. „Lange hieß es, Streaming würde das ablösen, aber nein. Es ist nach wie vor kein Ersatz für einen Abend im Kino.“ Vielfalt fördert man unter anderem mit Studierenden, die dort günstig den Saal mieten und ihre Filmprojekte präsentieren können. "Eine Bühne für junges, unabhängiges Filmschaffen ist die Hauptmotivation des Schikaneders. In dieser Hinsicht sind unabhängige Kinos unverzichtbar", sagt Wegenstein. Und das Publikum kommt längst nicht mehr nur für das Programm. Kinos sind mehr als nur ein Spielplan Schon 1996 schrieb die renommierte Filmkritikerin Susan Sontag : „Wenn das Kino wiederbelebt werden kann, dann nur durch die Entstehung einer neuen Art der Kino-Liebe.“ Nach der Corona-Pandemie ist genau diese neue Form der „Cine-Love“ entstanden. Warum? „Kinos haben nach den Lockdowns früher aufgesperrt als Clubs und Bars. Sie sind zu einem wichtigen Treffpunkt geworden“, erklärt Stefan Schramek vom Burg Kino das Phänomen. Kino wurde (wieder) zum Event, zu einem Erlebnis, das über das reine Filmschauen hinausgeht. „Wir fragen uns ständig, was wir noch machen können, damit die Leute zu uns kommen“, sagt Admiral-Leiterin Sabine Anders. Veranstaltungen wie „Kino für Hunde“ oder die " Feminist Week" und „Needles and Crime“, bei dem das Publikum Krimis schaut und dabei strickt, sollen dabei helfen. „Es tut sich viel und wir arbeiten ständig daran, dass es mehr wird“, sagt sie. Auch im Filmcasino und im Filmhaus , geleitet von Nadine Oucherif , setzt man auf Mittanzkinos, Musikeinlagen, Film & Gespräch-Veranstaltungen, sowie Kooperationen mit dem Slash Festival, Cine Latino und Queer Frames. Für die Kinos steht dabei eines im Vordergrund: nicht unbedingt die Gewinnmaximierung, sondern der Zugang. „Kino ist ein Kulturgut und soll für alle erschwinglich und niederschwellig bleiben“, betont Sabine Anders. Das zeigt sich auch bei den Ticketpreisen. In den vergangenen zehn Jahren haben sie sich kaum – im Fall von Schikaneder gar nicht – geändert. Der Eintritt liegt zwischen 8,50 und 10,50 Euro. „Das gemeinsame Erleben von Filmen auf der großen Leinwand ist es, was Kino für uns ausmacht“, sagt Nadine Oucherif. Ein Anspruch, den offenbar auch das Publikum teilt. „Es gibt eine Ernüchterung gegenüber Streaming. Stattdessen ist das Interesse da, sich bewusst für einen Film zu entscheiden, gemeinsam in einem Saal zu sitzen und das Erlebnis zu genießen“, beobachtet Norman Shetler, Leiter des Gartenbaukinos. „Möge es nie weggehen.“