Massiver Einschnitt für Betroffene: Stadt Wien spart bei Inklusion

Michael Wagner kann heute seinen Kalender selbst führen, Termine ausmachen und seinen Arbeitgeber anrufen, wenn er zu spät oder zu früh kommt. „Es ist auch das erste Mal, dass Michael etwas erzählt, wenn ich dabei bin“, sagt seiner Mutter Waltraud Wagner-Müller. Eigenschaften, die ihr 30-jähriger Sohn erst entwickelt hat, seit er Teil des Projekts „Pilot“ ist, das vom Fonds Soziales Wien (FSW) finanziert wurde. Bis die Stadtregierung genau dort den Sparstift angesetzt hat: Mit Jahresende wurde das Projekt gestrichen. „Diese Entscheidung hat der FSW nicht leichtfertig getroffen. Sie basiert auf einer Gegenüberstellung von Kosten sowie Kennzahlen zur Wirksamkeit der einzelnen Projekte“, heißt es vom FSW. Zudem würden 14 Projekte der Berufsqualifizierung bzw. Berufsintegration auch 2026 weiterhin gefördert. 33 Menschen unterstützt Beim Projekt „Pilot“ wurden seit Beginn vor zehn Jahren 33 Personen mit Beeinträchtigungen betreut. Die Zielgruppe umfasst Menschen „mit hohem Unterstützungsbedarf und mehrfachen Vermittlungshemmnissen“. Selbstvertrauen als Ziel Es geht darum, den Klientinnen und Klienten Stabilität, arbeitsrelevante Kompetenzen und Selbstvertrauen mitzugeben. So lautet das Konzept des Vereins. Für viele Betroffene ist es zu Projektbeginn auch noch nicht möglich, einer Beschäftigung nachzugehen. Michael hingegen hat schon einiges an Erfahrung vorzuweisen. Der 30-Jährige hat in den vergangenen zehn Jahren verschiedene Praktika und Arbeitsversuche gestartet, die aber ungenügend vorbereitet, begleitet und nicht nachhaltig waren, sagt seiner Mutter. „Gut betreut war Michael da nie. Ich will jetzt nicht sagen, dass diese Institutionen das nicht gut gemacht haben, aber die haben auch nicht die Kapazität. Zu wenig Personal, zu wenig Betreuung, zu wenig Feedback.“ Ihr Sohn habe in den vergangenen zehn Jahren nicht so viel gelernt wie in dem einen Jahr bei „Pilot“. „Und deshalb macht es mich auch so grantig, dass sie das Projekt einfach so eingespart haben. Hier gibt es einen Betreuungsschlüssel von eins zu vier und anderswo war es eins zu 18“, betont Waltraud Wagner-Müller. Keine Therapie, keine Medikamente Bei der Entscheidung, das Projekt einzusparen, sei viel zu wenig über die Auswirkungen für die Betroffenen und ihre Angehörigen nachgedacht worden. „Alle, die durch dieses Projekt gehen, haben Freude an der Arbeit. Michael war das letzte Jahr nie krank, und ich weiß von vielen anderen, dass dadurch eine Therapie nicht mehr nötig war und auch Medikamente reduziert werden konnten.“ 13 Klienten arbeiten nun Von den 33 Personen, die betreut wurden, haben mittlerweile 13 Personen eine Teilzeit- bzw. geringfügige Anstellung. So auch Michael. Er ist dafür zuständig, dass die Büros eines Universitätsgebäudes mit Wasserkaraffen und Kaffee ausgestattet sind. „Ich arbeite neun Stunden, würde aber gerne Teilzeit arbeiten“, sagt der 30-Jährige. Durch die Rahmenbedingungen, die von der Universität festgelegt wurden, ist es für Menschen wie Michael aber nicht möglich, die Stundenanzahl aufzustocken. Seine Mutter kämpft nun – mit anderen betroffenen Eltern – in Form einer Petition um die Weiterfinanzierung des Projekts. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Kinder, sondern die gesamte Familie. „Nach der Einsparung ist nämlich wieder die verstärkte Begleitung durch Eltern notwendig. Diese kann aber nie die professionelle Begleitung des Pilot-Projektes ersetzen.“