US-Angriff auf den Iran? Militärexperte schätzt die Kriegsgefahr ein

Vor dem Iran haben die USA eine große Armada und riesige Luftstreitkräfte aufgebaut. Für einen Angriff auf den  Mullah-Staat sei „alles bereit“, wird kolportiert. Walter Feichtinger , Militäranalyst und Präsident des Center für Strategische Analysen, sieht die Lage differenziert und warnt vor einem möglichen Flächenbrand. KURIER: Was ist von Meldungen zu halten, wonach ein US-Angriff auf den Iran in den nächsten Tagen bevorstehen könnte? Soll Verwirrung geschaffen werden oder steckt tatsächlich etwas dahinter? Walter Feichtinger: Man könnte das als Doppelstrategie sehen: Einerseits werden in Genf die Gespräche zwischen USA und Iran geführt. Auf der anderen Seite wird der Druck erhöht, um politische Zugeständnisse von Teheran zu erzielen. Die USA haben eine gewaltige Luftstreitmacht rund um den Iran aufgebaut. Die Drohkulisse ist also schon da. Aber es gibt doch einen gewissen Zeitdruck. Diese Militärstreitmacht können die USA nicht monatelang in der Region stehen lassen. Flugzeugträger können schon längere Zeit dort verweilen. Wichtig war zunächst, dass die US-Stützpunkte in der Region mit Luftabwehrkapazitäten entsprechend verstärkt wurden. So wurden etwa Patriot-Einheiten hin verlegt, damit die Basen nicht auf dem linken Fuß erwischt werden: Diese Verstärkungen kann man ohne größere Probleme monatelang aufrechterhalten. Iraner sind erfahrene Verhandler, es wäre doch erstaunlich, wenn das Regime in ein, zwei Monaten zu Zugeständnissen bereit wäre. Da bin ich mir nicht so sicher. Dem Regime steht das Wasser schon bis zum Hals. Und es weiß, dass es an der Reizschwelle der USA steht. Ein Zuschlagen der USA hängt davon ab, welches politische Ziel Washington verfolgt. Zuschlagen heißt nicht einfach zu bombardieren, , sondern es orientiert sich an einem Ziel und richtet das Vorgehen danach aus. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, welche Ziele die USA verfolgen können. Was wäre das Minimalziel? Das Minimalziel wären Bestrafungsschläge. Das bedeutet, gezielt Einrichtungen anzugreifen, die einen hohen Symbolcharakter haben, etwa eine Zentrale der Revolutionsgarden, TV-Sender, Funkanlagen, einzelne Sender oder vielleicht auch noch einmal eine Atomanlage. Man würde so demonstrieren: Wir können zuschlagen, und wir können auch noch stärker zuschlagen. Wenn die Verhandlungen in Genf nicht wirklich vorankommen, wäre es denkbar, dass die USA solche Bestrafungsschläge durchführen, um zu zeigen: das kann euch alles blühen, wenn ihr nicht bereit seid, euch zu bewegen. Solch ein Angriff würde wahrscheinlich nicht lange dauern, oder? Das wäre kurz und prägnant, es könnte sich über ein, zwei Tage erstrecken. Dann evaluiert man, ob es politisch Bewegung gibt und wie die Reaktionen im Lande sind. Eine zweite Zielsetzung wäre eine materielle Schwächung des Sicherheitsapparates und der Führungseinrichtungen: In diesem Fall könnte man etwa Kommandozentralen der Revolutionsgarden ins Visier nehmen. Man könnte überdies landesweit Kommunikationszentralen sowie Kasernen angreifen. Und die USA könnte versuchen, die Raketenproduktion zu treffen und wieder in größerem Stil gegen die Atomanlagen loszuschlagen. Könnte so eine Operation einen Aufstand gegen das Mullah-Regime initiieren? Die dritte Möglichkeit eines Angriffs wäre, einen Regimewechsel anzustreben. Dann bräuchten die USA aber jemanden, der das im Iran umsetzt. Ein Vakuum wie im Irak damals, 2003, darf nicht entstehen. In Venezuela ist kein Vakuum entstanden, weil die USA gar nicht darauf abzielten, das Regime zu ändern. Im Iran wäre mit der Entführung des obersten Religionsführers - sofern das überhaupt möglich wäre, was ich höchst bezweifle, -  noch nicht viel getan. Denn die eigentlichen Träger des Systems sind die Revolutionsgarden. Das heißt: Man müsste im Lande eine breite Bewegung haben, die politischen Druck ausübt,  einen Umsturz einleitet und auch zentrale Aufgaben des Staates übernehmen kann. Und das ist höchst zu bezweifeln, ob das gelingen kann. Die Kräfte im Iran haben es über viele Jahre geschafft, das ganze System unter Kontrolle zu bringen.  Daher ist nicht erwartbar, dass man dieses Regime so leicht stürzen kann. Könnte das Regime, wenn es denn angegriffen würde, sich auf zwei Fronten wehren? Militärisch gegen die USA und im Inneren gegen das eigene Volk? Das sehe ich als absolut realistisch an: Es wäre ein Luftkrieg, und darauf sind sie vorbereitet. Das könnte der Iran bis zu einem gewissen Grad bewältigen. Aber das ist nicht das Entscheidende – das ist vielmehr die Kontrolle am Boden. Wie wir bei der Niederschlagung der Aufstände und der Demonstrationen gesehen haben, ist das System unglaublich ausgeklügelt und extrem stark, dass es Widerstandeinfach niederprügelt. Wie weit hat sich der Iran auf einen möglichen Militärschlag der USA vorbereitet? Dafür braucht es keine Truppenzusammenziehung, sondern es geht darum, die Luftabwehr entsprechend zu verstärken. Offenbar hat China im Vorjahr Luftabwehrsysteme geliefert, Russland nicht, denn es benötigt seine Systeme im eigenen Land. Wir haben auch letztes Jahr gesehen, dass der Iran noch immer zu Gegenschlägen fähig ist. Teheran hat bereits gedroht, dass es die Straße von Hormus sperren könnte, amerikanische Posten in der Region angreifen und natürlich auch Israel wieder ins Visier nehmen würde. Zuletzt gab es sogar Meldungen, wonach der Iran Besitztümer von Trump und Kushner in der Region ins Fadenkreuz nehmen könnte. Deswegen warnen die Partner der USA in der Region; von Jordanien beginnend über den Irak und Saudi Arabien, dass die USA sich zurückhalten sollen. Denn es kann ganz schnell ein Flächenbrand entstehen. Welchen Kompromiss könnte Teheran eingehen, um einen Angriff noch zu vermeiden? Selbst bei den Verhandlungen gibt es noch einen gewissen Spielraum: Der Iran könnte die ca. 400 kg hochangereichertes Uran abgeben, aber sein Atomprogramm mit einer Minimalanreicherung für zivile Zwecke behalten.. Und das Raketenprogramm könnte auf Geschosse mit bis zu 300 kM reduziert werden. Der Iran hat kein Interesse an einer großen Eskalation. Aber als schwach dastehen - das ist für das Regime nicht akzeptabel.