Berlinale im Finale: Juliette Binoche als Tochter einer an Demenz erkrankten Mutter

Politik war großgeschrieben auf der diesjährigen Berlinale, allerdings nicht so, wie es sich die Festivalleitung unter Tricia Tuttle gewünscht hätte. Vom ersten Tag an dominierten Debatten über die Positionierung der Berlinale zum Krieg in Gaza das Geschehen und kulminierte in einem offenen Brief, in dem über 80 Filmschaffende – darunter Tilda Swinton und Javier Bardem – die angebliche Meinungseinschränkung des Festivals anprangerten. Diese fruchtlosen Debatten könnten dem Festival nachhaltig schaden, wenn etwa in Zukunft Filmemacher davor zurückschrecken, mit ihren Arbeiten an der Berlinale teilzunehmen und dort womöglich unter Gesinnungsdruck zu geraten. Ein weiteres Dauerthema, das Beobachter des Filmfestivals durchgehend beschäftigte: Der zunehmende, mediale Bedeutungsverlust der Berlinale angesichts der großen Konkurrenz in Cannes und Venedig und dem damit einhergehenden Mangel an „großen Namen“ auf dem roten Teppich. Immerhin verschlug es einen internationalen Popstar wie die Britin Charli xcx nach Berlin, wo sie ihren gewitzten, neuen Film „The Moment“ vorstellte. Neben dem Jammer um die Abwesenheit von Hollywood-Glamour gerät auch der Wettbewerb um den Goldenen Bären immer wieder in die Kritik: Dort würden sich im Reigen des gehobenen Arthouse-Kinos zu wenige herausragende Arbeiten finden. Rituale Tatsächlich aber boten insgesamt 22 internationalen Beiträge immer wieder spannende Produktionen, die sowohl durch formale Strategien, als auch ihre erzählerische Strahlkraft bestachen – wie etwa der österreichische Wettbewerbsbeitrag „Rose“ von Markus Schleinzer mit Sandra Hüller in einer Hosenrolle (der KURIER berichtete). Zu den herausragenden Beispielen im Wettbewerb gehört auch der dreistündige, experimentell erzählte Film „Dao“, in dem der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis eine Hochzeit in Paris mit einer Gedenkzeremonie in Guinea-Bissau verzahnt. Gleich zu Beginn zeigt er den Casting-Prozess, bei dem die Darsteller für seine fiktive Filmfamilie ausgewählt und besetzt werden. In einem hypnotischen Hybrid aus Drama und Dokumentation, Schauspielern und Laien, inszeniert er in loser, ausufernder Form die Feiern in Frankreich und Westafrika. Durch Rituale, Gesänge und Tänze stiftet er überraschende Gemeinsamkeiten zwischen den Familienmitgliedern und wirft dabei Fragen zur kulturellen Identität, Exil und Erinnerung auf. Identität und Deutungsmacht über die eigene Geschichte im Herzen Europas verhandelt die deutsche Filmemacherin Eva Trobisch in ihrem Wettbewerbsbeitrag „Etwas ganz Besonderes“. Nach „Alles ist gut“ und „Ivo“, wendet sie sich in ihrem dritten Spielfilm einem Familienporträt aus drei Generationen zu. Nichts Besonderes In Greiz, einer Kleinstadt in Thüringen, wird die 16-jährige Lea aufgrund ihres Gesangstalents für eine Castingshow ausgewählt. „Was ist das Besondere an dir?“, fragt der Moderator – übrigens gespielt von dem Österreicher Thomas Schubert – die verblüffte Teenagerin. „Nichts“, lautet ihre lakonische Antwort. Regisseurin Eva Trobisch nutzt den Anlass der Castingshow, um tiefer in die ostdeutsche Familie und deren Befindlichkeiten einzudringen. Ein Museum hat unter der Leitung von Leas Tante in Greiz eröffnet und erzählt die Geschichte des Schlosses – von der feudalen Vergangenheit über die DDR-Zeiten hindurch bis in die Gegenwart. Doch wer hat das Recht, DDR-Geschichte zu erzählen? Wie geht es mit dem angeschlagenen Gasthausbetrieb der Familie weiter? Vom Rechtsruck in der Provinz ganz zu schweigen? Eva Trobisch streift diese Fragen wie nebenher, während sie die verflochtenen Beziehungen ihrer Figuren zueinander – von der Enkelin bis zur Großmutter – in den Blick nimmt. Dadurch legt sie mitreißend eine multiperspektivische Gemengelage zwischen Politik und Privatem frei, ohne sich vom Korsett des Themenfilms einschnüren zu lassen. Großes Schauspielkino Auch wenn sich vielleicht nicht die größten Hollywoodstars in Berlin blicken ließen, so fand man dennoch tolles Star-Schauspiel im Kino. Herausragend in dem Zusammenhang war das Demenzdrama von US-Regisseur Lance Hammer, dem die Frage zugrunde liegt: Kann eine Person mit fortgeschrittener Demenz in sexuelle Handlungen (mit ihrem Ehemann) einwilligen? Juliette Binoche spielt die Tochter einer an Demenz erkrankten Frau und gerät dabei schwer in die moralische Bredouille. Sowohl ihr einfühlsames Spiel, als auch die nuancenreiche Darstellungen von Anna Calder-Marshall als erkrankte Mutter und Tom Courtenay als ihr hingebungsvoller Ehemann fallen in die Kategorie großes Schauspielkino.