Für die Wienerin Franzi ging es mit den Stickern los: ablösbare Bilder von den flauschigen, niedlichen Heldentierchen, die sie nach dem Kindergarten in ihrer Lieblingsserie verfolgte und in ihr Pokémon-Sticker-Buch klebte. Bei Pokémon werden „Pocket Monster“ prinzipiell eingefangen und trainiert, um sie gegen andere Pokémons kämpfen zu lassen. Dass die haustierartigen Wesen in der Serie einem Menschen zugeordnet und – ähnlich wie Philipp Pullmanns Daemonen – mit ihm verbunden sind, hat etwas Beruhigendes für ein Kindergartenkind, dem die Welt groß und unbezwingbar erscheint. Heute, mit 30 Jahren, sind die kleinen Tierchen in Franzis Wohnung immer noch präsent. Weniger in Stickerform, sondern als Spielkarten, fein säuberlich in einer Kartenmappe sortiert. Doch wie gelingt es einem Spiel, das kommende Woche ebenfalls 30 Jahre alt wird, Menschen vom Kindergarten bis hin ins Erwachsenenalter zu begeistern? Schnapp sie dir alle! „Die Langlebigkeit von Pokémon ist das Ergebnis einer bemerkenswert stabilen kulturellen Architektur“, erläutert Lisa Gotto , Professorin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien. Seit der Japaner Satoshi Tajiri die Erstversion von Pokémon am 27. Jänner 1996 für Nintendo aus der Taufe hob, operiere es nach einem Prinzip der iterative Serialität : „Es verändert sich permanent, aber immer nur so weit, dass es sich vertraut anfühlt.“ Zum anfänglichen Computerspiel kommen mittlerweile Brettspiele, Sammelkarten, eine Anime-Serie, Kinofilme, Merchandise: „Jedes Medium verstärkt das andere.“ Zentral sei dabei das Motiv des Sammelns. „ Der Slogan ,Gotta catch ‘em all’ (dt. Schnapp sie dir alle, Anm.) ist mehr als Marketing“, erläutert Lisa Gotto. „Er ist ein kulturelles Versprechen auf Vollständigkeit in einer fragmentierten Welt .“ Hier harkt Psychotherapeut Bernhard Hungsberger vom Tiroler Landesverband für Psychotherapie ein: „ Es beruhigt uns, wenn eine komplexe Welt übersichtlich wird. Das befriedigt unser psychologisches Bedürfnis nach Ordnung und nach Kontrolle.“ Wie viele Menschen das Sammelfieber mittlerweile gepackt hat, wurde erst wieder vergangenen Juni im französischen Parc de Sceaux offensichtlich, als 10.000 Spielbegeisterte zur neunten Auflage des Pokémon Go Festivals pilgerten und beim Spaziergang durch die Landschaft gebannt aufs Smartphones blickten – in der Hoffnung, dabei ein virtuelles Pokémons zu entdecken. Wachstum und Wandel Doch das Sammeln alleine macht den Hype nicht aus. Pokémons haben gemeinhin drei Entwicklungsstufen (etwa: Pichu-Pikachu-Raichu). Durch Training und Erfahrung steigen sie im Level und werden stärker. Ein kleines, scheinbar schwaches Wesen entwickelt sich zu einer komplexeren, mächtigeren Form . „Dieses Modell“, meint Bernhard Hungsberger, „ spiegelt unseren natürlichen Entwicklungsprozess : Wachstum, Wandel, Transformation.“ Die Erkenntnis für Kinder, dass man sich ausprobieren, dass man aus vermeintlichem Scheitern wachsen kann, steigert das Selbstbewusstsein. Es sei zudem, meint Bernhard Hungsberger „eine freundliche Fluchtwelt“, die sich dem Spieler präsentiert. In der es weniger um Adrenalinkicks als ums Entdecken, Geduld und Verantwortung geht. Ein bisschen erinnert es damit an das Tamagotchi , das elektronische Haustier im Ei-Format . Auch wenn man Pokémons nicht füttern, sauber machen oder Schlafen legen muss, weckt das Spiel doch unser Fürsorgesystem. Es überrascht Lisa Gotto nicht, dass beide Spiele aus Japan kommen. Harmonie statt Held „Während westliche Heldengeschichten oft auf radikale Individualität setzen, betonen japanische Erzählformen Koexistenz, Harmonie und relationale Identität “, sagt die Professorin. In Pokémon ginge es nicht um die Rettung der Welt durch eine isolierte Heldenfigur, sondern um Beziehungen : Trainer und Pokémon, Freundschaft, Teamarbeit. Gleichzeitig, ergänzt Gotto, spiele das japanische Naturverständnis eine Rolle. „In der Shintō-Tradition (der ursprünglichen spirituellen Tradition Japans, Anm.) haben auch scheinbar unbelebte Dinge eine spirituelle Qualität. “ Vor diesem Hintergrund wirke es selbstverständlich, dass eine elektrische Maus oder ein pflanzenartiges Wesen nicht bloß als Fantasieprodukt, sondern als eigenständiges Gegenüber mit Handlungsmacht erscheint. Einen Sticker hat die 30-jährige Franzi aus ihrer Kindergartenzeit noch. Flamara , ein grau-orangefarbener fuchsähnlicher Pokémon mit feuriger Mähne und Flammenwerfer-Fähigkeiten. Eine vermeintlich niedliche Füchsin mit gefährlichen Feuerkräften : eine Kombination, die ein Kindergartenkind begeistert und eine Erwachsene tröstet.