"Spring Awakening" an der Volksoper: Lieber nicht noch einmal jung sein

Okay, diesen Lateinunterricht kann man wirklich vergessen. Stupide müssen die Schüler Verse aufsagen, bei Widerspruch gibt es eine Ohrfeige. Schulreform, jetzt! Nicht nur, aber insbesondere auch für die gequälten Schüler im Musical „Spring Awakening“ an der Volksoper . Oder überhaupt gleich: Gesellschaftsreform, wenn nicht gar Menschenreform. Seit Jahrtausenden kommen wir nämlich nicht über die stumpfsinnige Idee hinaus, dass die Jungen von heute schlechter sind als wir damals. Und ebenso lang werden die Heranwachsenden von den Eltern und allen anderen im Stich gelassen. Nicht nur mit Latein. Es brennt Wie sehr die Jugend brennt, wie dunkel die Täler zwischen jenen grellen Gipfeln sind, die man so mit zwölf, dreizehn zu erspähen beginnt, wie selbstherrlich die Eltern vergessen haben, dass sie selbst auch vor Kurzem noch so intensiv gelebt und gefühlt haben – das beschreibt Frank Wedekinds Stück „Frühlings Erwachen“ (1891) eindringlich. Und ja, das zeigt die Premiere von „Spring Awakening“: Der innere Drang und der darauffolgende Sturm junger Menschen sind auch hervorragende Thematiken für aufbegehrende Powerballaden – und damit ein mustergültiger, bewegender Musicalstoff. Das Leben ist nämlich, wie – unter Verwendung eines sehr passenden B-Worts – auf Englisch gesungen wird, hart. In einer Gerüstkonstruktion wie bei einem Rockkonzert (Bühne: Agnes Hasun) entspinnt sich das dunkle Spiel um den bitteren Vogel Jugend; die siebenköpfige Band unter der Leitung von Christian Frank sitzt wie ein Kurorchester auf einem Podest, inmitten von Frühlingsblumen. Dort, von oben herab, werden am Ende auch Wendla (Paula Nocker) und Moritz (Til Omeloh, beide toll) singen, nachdem sie beide an den Klippen des Erwachsenwerdens zerschellt sind. Was er den Engeln erzählen werde über die schöne Zeit auf Erden, sinniert Moritz, bevor er sich – von der Schule gedemütigt, vom Vater erniedrigt, an aufkeimender Lust verzweifelt – eine Kugel in den Kopf jagt. „Ich weiß es nicht“, schreit Wendla, als die Mutter sie fragt, was sie getan hat. Schwanger war sie, vom Freigeist Melchior (hervorragend: Paul Aschenwald); dass vom Sex die Kinder kommen, hat ihr die verklemmte Mutter aber vorher nicht erklären können. „Lass mich nicht allein“, ruft sie, bevor sie zur heimlichen Abtreibung in den Keller geschickt wird. Und stirbt. Man muss sich schon sehr selbst vergessen haben, um hier nicht die Tränen runterzuschlucken; sich in jener Zeit nämlich, als alles riesengroß und unüberwindbar schien, was nun Erwachsenenroutine ist. Das Musical von Duncan Sheik (Musik) und Steven Sater (Text) führt einem all das noch einmal vor Augen, den Ennui angesichts der Schule, die Hilflosigkeit, was die eigene Stellung in der Welt betrifft, all diese Gefühle, die da plötzlich explodieren. Gegenwehr Diese Zeit ist drastisch, das macht „Spring Awakening“ zu einem Unikum. Kindesmisshandlung und -missbrauch, nicht nur das wird selten in einem Musical thematisiert. Die Inszenierung von Frédéric Buhr findet hier starke, beklemmende, aber nicht überschießende Bilder; einzig die behelfsweise Entledigung der ersten Lust wird vielleicht etwas ausführlich vorgeführt Im zweiten Teil funktionierte der Klang viel besser, dann hörte man die grandiosen jungen Stimmen – zu nennen sind jedenfalls Hannah Severin (Ilse) und Isabel Saris (Martha) – vor gebührendem Hintergrund. Sie intonieren hinreißende Powersongs über jenen Moment, an dem man weiß, dass man ein Riesenproblem hat, oder den Traum von einem anderen Leben. Jugendliche Energie, Leid und Liebe – man verlässt die Volksoper in der Hoffnung, dass wir das alles irgendwann besser machen.