Wetterumschwung: Warum viele jetzt diese Symptome spüren

Von minus vier auf plus 14 Grad in wenigen Tagen: Solche starken Temperatursprünge sind zwar ein Vorgeschmack auf den Frühling , sie bedeuten für den Körper aber auch Stress. Manche reagieren stark, andere spüren fast nichts. Woran liegt das – und was hilft bei der Umstellung? Wetterfühligkeit, Wetterempfindlichkeit: Wo liegt der Unterschied? „Man muss hier drei Dinge unterscheiden“, erklärt Hans-Peter Hutter, Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin an der MedUni Wien: normale Wetterreaktion , Wetterfühligkeit und Wetterempfindlichkeit . Normale Wetterreaktion: Sie betrifft alle Menschen. Der Körper hält die Temperatur nahe 37 Grad – im Sommer durch Schwitzen, im Winter durch Wärmehaltung. Wetterfühligkeit: Betroffene nehmen Wetteränderungen stärker wahr. Hutter spricht von einer „erniedrigten Reizschwelle“ des vegetativen Nervensystems. Wetterempfindlichkeit: Besonders ältere oder chronisch kranke Menschen sind betroffen. Bei ihnen können schnelle Wechsel zusätzliche Beschwerden verstärken. Laut einer Allensbach-Umfrage im Auftrag von Umweltbundesamt und Deutschem Wetterdienst halten sich etwa 50 Prozent der Bevölkerung für wetterfühlig. Frauen sind drei Mal häufiger betroffen als Männer. Was Temperatursprünge im Körper auslösen – vor allem im Herz-Kreislauf-System Für Risikogruppen sind abrupte Temperaturwechsel besonders belastend, weil dem Körper Zeit zur Anpassung (Akklimatisation) fehlt. Dann gerät vor allem das Herz-Kreislauf-System unter Druck. Bei Kälte verengen sich die Blutgefäße. Dadurch steigt der Blutdruck, wird es warm, weiten sich die Gefäße wieder – und der Blutdruck kann sinken. Die Umweltmedizinerin Daniela Haluza (MedUni Wien) erklärt das so: "Während der kalten Jahreszeit konzentriert sich unser Blut auf den Kern des Körpers – also im Herz- und Kopfbereich. Wenn sich bei Wärme die Gefäße erweitern, besonders in Händen und Füßen, kommt es zu einer Umverteilung. Und das dauert eine Weile.“ Studien zeigen, dass sowohl Hitze als auch Kälte den Organismus in einen Stress- und Anpassungsmodus versetzen. Extreme Temperaturen und rasche Wetterwechsel können das Herz-Kreislauf-System zusätzlich belasten und gehen in Studien mit Veränderungen von Blutdruck, Gefäßfunktion und Entzündungsprozessen einher. Solche Bedingungen können insbesondere bei vorbelasteten Menschen das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse erhöhen. Typische Symptome bei Wetterumschwung Die Beschwerden reichen von leicht bis deutlich spürbar. Rund jede zweite Person gibt an, auf Wetterveränderungen zu reagieren. Die Intensität reicht von leichten Befindlichkeitsstörungen bis zu deutlich spürbaren Beschwerden. Am häufigsten genannt werden: Kopfschmerzen und Migräne Müdigkeit Abgeschlagenheit Gelenkschmerzen „Aber auch Schlafprobleme oder Narbenschmerzen werden häufig genannt“, sagt Hutter. Eine Hauptrolle spielt das vegetative Nervensystem, das lebenswichtige Funktionen wie Herzschlag, Atmung, Blutdruck und den Stoffwechsel reguliert. Fallen etwa Temperatursprünge stärker aus, desto eher reagiert der Körper mit Anpassungsvorgängen. Migräne: Warum Luftdruck und schnelle Temperaturwechsel eine Rolle spielen Gut untersucht ist der Zusammenhang zwischen Wetter und Migräne . „Es geht hier sicherlich auch um die Luftdruckschwankung“, sagt Hutter. Eine systematische Übersicht über mehr als 30 Studien zeigt: Vor allem rasche Wetterwechsel – etwa bei Luftdruck und Temperatur – können Anfälle auslösen; entscheidend ist dabei weniger der absolute Wert als die Dynamik der Veränderung. schnelle Temperaturanstiege Luftdruckschwankungen , etwa bei Föhn Frühjahrsmüdigkeit: Gibt es sie wirklich? Die klassische „Frühjahrsmüdigkeit“ ist wissenschaftlich umstritten. Zwar geben in Umfragen rund 40 Prozent der Menschen an, im Frühling müder zu sein. Eine aktuelle Studie der Chronobiologin und Schlafforscherin Christine Blume (Zentrum für Chronobiologie, Universität Basel) findet jedoch keine klaren saisonalen Schwankungen. In einer Online-Untersuchung wurden Teilnehmende neunmal über das Jahr hinweg zu Energie, Müdigkeit und Schlaf befragt. Das Ergebnis: In den Frühlingsmonaten waren sie nicht müder als zu anderen Zeiten.  Blume vermutet deshalb einen kulturellen Effekt – vor allem im deutschsprachigen Raum. Wenn der Begriff ständig präsent ist, werden unspezifische Symptome schneller „Frühjahrsmüdigkeit“ zugeschrieben - eine Fehlzuordnung. Hinzu kommt ein psychologischer Widerspruch: Draußen ist es schön, aber man fühlt sich trotzdem schlapp – "das kann als  kognitive Dissonanz erlebt werden", so Blume. Trotzdem klagen viele Menschen bei Wetterumschwüngen über Müdigkeit. Haluza spricht von einer Hormon-Umstellung, außerdem könne ein Vitamin-D-Mangel nach dem Winter eine Rolle spielen. Klimawandel: Warum abrupte Wetterwechsel zunehmen Hutter beobachtet  außerdem, dass eine Anpassung schwieriger wird, weil Wetterextreme häufiger auftreten, als Folge des Klimawandels. Früher gab es längere Übergangsphasen im Frühling und Herbst, heute folgen auf Kälte und Schnee teils sehr schnell ungewöhnlich warme Tage. Solche Sprünge häufen sich – und die Zeit zur Anpassung wird kürzer. Die gute Nachricht: Es gibt Strategien, die helfen: Bewegung an der frischen Luft „Körperliche Aktivität ist das A und O“, sagt Haluza. Bewegung an der frischen Luft wirke wie Lichttherapie. „Wenn mehr Sonne ist, produzieren wir Glückshormone wie Dopamin. Das wirkt im Körper, als würden wir Schokolade essen." Die UV-Strahlung verbessere zudem die Vitamin-D-Versorgung. Kältereize bewusst setzen (wenn man gesund ist) Hutters Tipp: Nach dem warmen Duschen für 30 Sekunden bis eine Minute kalt abduschen. Das kann das Herz-Kreislauf-System trainieren, um auf Veränderungen besser zu reagieren." Wer Herzprobleme hat, sollte das vorher ärztlich abklären. Geduld mit dem Körper Die Anpassung passiert nicht „auf Knopfdruck“. Wer fit ist, stellt sich meist leichter um – trotzdem kann es Tage dauern. Auch die Einstellung hilft: Wer den Frühling aktiv nutzt (Licht, Bewegung, Routinen), kommt oft besser durch die Übergangsphase. "Wer sich über den Frühling oder erste Blumen freut und über die Möglichkeit, wieder hinauszugehen, dem fällt es deutlich leichter, sich umzustellen", so Haluza. Wann ärztlicher Rat sinnvoll ist: Für gesunde Erwachsene ist ein Sprung von Minus- auf hohe Plusgrade zwar spürbar, aber meist nicht gefährlich, sagt Hutter. Wer jedoch zu Risikogruppen gehört oder  Symptome hat, sollte das medizinisch abklären lassen. Wetter macht nicht automatisch krank – es kann bestehende Beschwerden aber deutlich verstärken.