Sonderschule: Warum der Sonderweg von NÖ für Streit sorgt

Die Frage, wie Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen unterrichtet werden sollten, wurde in Österreich immer wieder diskutiert. Mit dem Bekenntnis zur UN-Behindertenrechtskonvention und der Förderung inklusiver Klassen schien die bildungspolitische Richtung vorgegeben. Nun kehrt das Thema Sonderschule wieder zur Debatte – auch in NÖ. Kinder mit körperlichen, psychischen oder sensorischen Beeinträchtigungen besuchten lange Zeit gesonderte Schulen. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Wunsch nach gemeinsamer Bildung von Kindern mit und ohne Behinderung lauter. In den 1990er-Jahren setzte ein grundlegender Wandel ein: Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) erhielten das Recht, zwischen Sonderschule und Beschulung an regulären Schulen zu wählen. Ein Paradigmenwechsel, der sich 2008 mit der Verpflichtung Österreichs zur UN-Behindertenrechtskonvention und zum Abbau segregierender Strukturen verfestigte. Der völkerrechtliche Vertrag gibt zwar kein konkretes Schulmodell vor, inklusive Bildung soll aber der Regelfall sein. Föderales Spannungsfeld Trotz dieses Bekenntnisses ist die Sonderschule bis heute ein tragendes Element im Bildungssystem. In NÖ besuchen rund 119.000 Schülerinnen und Schüler die allgemeine Pflichtschule – darunter über 6.000 mit SPF . Etwa die Hälfte davon besucht reguläre Bildungseinrichtungen, die andere Hälfte wird an gesonderten Einrichtungen beschult. Zuletzt haben sich ÖVP und FPÖ für den Erhalt und die Stärkung von Sonderschulen ausgesprochen, mit unterschiedlichen Akzenten. Helmut Fiedler, Bildungssprecher der FPÖ, sieht in der Sonderschule den besten Weg für viele der Kinder mit Förderbedarf. Wer besondere Hilfe brauche, habe Anspruch auf Spezialisten, nicht auf „ein Mitlaufen“. Die Sonderschule sei für viele Kinder die Chance auf Lernfortschritt, Stabilität und Würde. Laut Bildungslandesrätin Christiane Teschl-Hofmeister (ÖVP) sind für den „überwiegenden Teil“ der Kinder mit SPF inklusive Lernbedingungen gut geeignet. Gleichzeitig gäbe es Kinder, die alternative Lernbedingungen und individuelle Förderung brauchen. Sie plädiert daher für die Wahlfreiheit der Eltern und das Schaffen realistischer Rahmenbedingungen, etwa durch ausreichende Ressourcen. So entspreche etwa die derzeitige bundesweite Deckelung der sonderpädagogischen Förderung von 2,7 Prozent nicht dem tatsächlichen Bedarf, da etwa 5,1 Prozent der Kinder einen SPF aufweisen. Für die SPÖ sei nicht die Bezeichnung oder das Gebäude entscheidend, sondern die Qualität der Förderung der Kinder. Es brauche „passende Rahmenbedingungen“, je nach Kind ein inklusives Setting oder eine kleinere Gruppe. Ziel sei ein gemeinsames Schulmodell mit unterschiedlichen Angeboten unter einem Dach. Auf Bundesebene kritisiert Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) Investitionen in neue Sonderschulen und damit indirekt die Haltung der Landesregierung. Der Bau neuer Einrichtungen sei nicht nur bildungspolitisch bedenklich, sondern widerspreche den Verpflichtungen aus der UN Behindertenrechtskonvention. Gleichzeitig verweist er darauf, dass die Schulstruktur Ländersache ist. Parteiübergreifende Einigkeit zeigt sich in Sachen Lehrkräfteausbildung. Seit 2015 gibt es statt eigener Ausbildung mit Schwerpunkt Sonderschule Spezialisierungen im Rahmen des Lehramtsstudiums. SPÖ, FPÖ und ÖVP sehen hier dringenden Handlungsbedarf. Die Einführung einer eigenständigen Lehramtsausbildung für Inklusion und Sonderpädagogik findet sich zudem im Regierungsprogramm. Hier befinde man sich laut Wiederkehr im Diskussionsprozess. Blick in die Praxis Hedwig Panek , Obfrau des Vereins „Netzwerk Inklusion Niederösterreich“, beschäftigt sich seit Jahren beruflich wie privat mit inklusiver Bildung. Die Pädagogin hat ihre Ausbildung zur Sonderschullehrerin absolviert, als sich Inklusion noch im Schulversuchsstadium befand. Diese erfolgreichen Pilotprojekte hätten gezeigt, dass gemeinsames Lernen unabhängig von der Behinderung gut funktioniere, wenn die benötigten Ressourcen vorhanden sind. Diese Erfahrung habe sie auch als Mutter eines Sohns mit Downsyndrom gemacht. Wo Mittel fehlen oder zurückgeschraubt werden, könne es hingegen zu Misserfolgen und negativen Erfahrungen kommen. Das Konzept Sonderschule habe sich laut Panek überholt, das Know-how für inklusiven Unterricht mit stärkerem Fokus auf das Kind sei vorhanden. Panek weist zudem auf die langfristigen Folgen separierender Systeme hin. Das Stigma der Sonderschule sei weiterhin präsent, der Wechsel ins Regelsystem gelinge selten. Lebens- und Berufswege würden damit frühzeitig in kaum umkehrbare Bahnen gelenkt. Eine Einschätzung, die Doris Aschauer nicht teilt. Als Direktorin der Kleingruppenschule Langenlois erlebt sie die Sonderschule nicht als Einbahnstraße. Nicht jedes Kind könne in einem inklusiven Setting ausreichend gefördert werden. Manche seien auf klare Strukturen, spezielle Materialien und feste Rituale angewiesen – Anforderungen, die eine Mittelschule, so Aschauer, „einfach nicht erfüllen kann“. In Langenlois werden unter anderem Kinder mit massiven Verhaltensauffälligkeiten unterrichtet, ebenso Schulverweigerer – eine Gruppe, die laut Aschauer nicht zuletzt durch die Digitalisierung wächst. Umgekehrt wechseln Kinder aus inklusiven Klassen an ihre Schule. Häufig scheitere Inklusion an fehlenden Ressourcen, etwa am Kontingent für Förderstunden. Eine zentrale Rolle spiele zudem die Klassengröße. Die Debatte um das Thema Sonderschulen scheint nicht gänzlich beendet. Zwischen theoretischer Verpflichtung und praktischem Unterricht klafft weiterhin ein Loch. Während einige Bundesländer, wie Niederösterreich, das erprobte System erhalten wollen, drängt der Bund auf die Investition in inklusive Angebote. Ob Sonderschulen weiterhin weiter ein fester Bestandteil der pädagogischen Landschaft bleiben, scheint jedoch keine reine Frage der Überzeugungen zu sein, sondern auch eine der Ressourcen.