Star Johanna Wokalek in Simmering: "Wir kommen zu den Menschen"

Sie war Paulus Mankers erste „ Alma “ und 16 Jahre Publikumsliebling an der Burg , wo sie alle großen Rollen spielte. Johanna Wokalek begeisterte aber auch im Kino, egal ob als Terroristin oder als  mittelalterliche Päpstin , in charmanten Komödien oder Autoren-Dramen.  Seit letztem Sommer ist Wokalek wieder „zuhause“ in Wien : als Ensemble-Mitglied des Volkstheaters . Derzeit spielt sie  mit Tjark Bernau , der im Sommer vom Stadttheater Nürnberg nach Wien kam, Nick Hornby s kluges und amüsantes Ehekrisen-Stück „ State of the Union “ im Theater der Bezirke. Mit der freizeit sprachen die beiden Schauspieler über Liebe, Abenteuer und Glücksmomente. Sie verlassen mit dem aktuellen Stück den Theater-Tempel und touren durch die Bezirke, spielen in Volkshochschulen, Vereinszentren und Bezirksämtern. Ist das Neuland für Sie? Johanna Wokalek : (lacht) Zwischen meinen Festengagements  hab ich eine musikalische Lesereise durch Deutschland und Österreich gemacht, da bin ich mit einem kubanischen Quintett im Minivan getourt. Da war auch das ganze Equipment drin, das wir vor den Auftritten aufbauen mussten. Ich habe also eine gewisse Erfahrung darin, an mir unbekannten Orten aufzutreten. Jetzt bringt uns der kleine Volkstheater-Lkw in die Bezirke, das ist dagegen richtig luxuriös. Damit spricht man auch ein Publikum an, das nicht traditionellerweise ins Burg- und Volkstheater geht, oder? Tjark Bernau : Diese Diskussion gibt es ja schon länger: Wie kann Theater auf eine Stadt einwirken? Man muss und will auch raus, physisch vertreten sein, wo Theater sonst nicht stattfindet. Das finde ich total super, ich freu mich richtig auf diese Erfahrung. Darauf mit Johanna in einer Volkshochschule für Menschen zu spielen, die in der Nachbarschaft wohnen. Die in ihrem Bezirk mal kurz über die Straße gehen und dann Theater erleben. Das ist Theater back to the Roots. Ich hab so etwas noch nie zuvor gemacht, aber wie gesagt, ich freu mich. Wokale k: Ja, das ist so ein bisschen der Ursprung des Theaters. Und obwohl ich Wien doch sehr gut kenne, ist es jetzt noch einmal anders, weil ich Orte entdecke, an denen ich bisher nur vorbeigefahren bin. Und natürlich auch noch ein bisschen da bin, einen Kaffee trinke oder danach ein Bier oder einen Wein. Ich finde es schön, dass dieses Spielen in den Bezirken schon seit Jahrzehnten Teil des Volkstheaters ist – und wir jetzt ein Bestandteil davon sind. Wir kommen zu den Menschen, das ist schön. Bernau : Genau. Und der Fokus liegt wirklich auf dem Wesentlichen. Wir können uns nicht verstecken hinter großen Bühnenbildern, es gibt keinen Lichtfirlefanz, das ist ja technisch nicht möglich. Es sind zwei Menschen, die eine Geschichte erzählen wie unter einem Brennglas, das Publikum ist direkt dran. Und diese Direktheit macht mir sehr großen Spaß. Ist Nick Hornbys „State of the Union“ ein Stück über die Liebe – oder die Angst davor, alleine zu sein? Wokalek: Ich denke, das Stück stellt die Frage: Wo ist die Liebe hin?  Und damit tut sich natürlich auch die Frage auf: Sind wir zu zweit oder allein? Bernau: Es geht um die Auseinandersetzung mit der Beziehung, welche Probleme sie haben und wie man die überhaupt definieren kann. Die Angst davor, alleine zu sein ist allerdings schon ein Aspekt des Stücks. Tom stellt die Frage ja auch einmal direkt. Wie viel Diskurs verträgt eine Beziehung? Wokalek : Dieses Paar, das wir spielen, sie  im Berufsleben, er ist auf der Suche nach mehr Arbeit, hat als Musikjournalist in der prekären Zeitungslandschaft zu wenige Aufträge, hat beschlossen, zu einer Eheberaterin zu gehen. Davor treffen sie sich im Pub, um miteinander die Themen der Sitzung zu besprechen. Da haben sie endlich Zeit, miteinander zu reden, das haben sie davor nicht oft gemacht, denke ich. Was ich sehr spannend finde ist, dass die beiden sich ja immer vor ihren Sitzungen bei der Eheberaterin treffen. Das sind die Dialoge, die wir hören.  Und ich glaube, dass sie in dieser Zeit vor der Therapie entdecken – ohne dass es ihnen wirklich bewusst wird –, wie toll es eigentlich ist, beieinander zu sitzen und miteinander zu sprechen. Ich glaube, es ist die Haupt-Chance, die sie haben, DASS sie nie aufhören, miteinander zu reden. Ist Sprache in diesem Sinn dann eher ein Rettungsring – oder doch eine Waffe? Wokalek : Weder noch – oder beides. Sprache kann verletzen, dann wird sie zur Waffe. Aber Sprache kann auch retten, weil sie die Möglichkeit bietet, wieder aufeinander zuzugehen. Es kommt also ganz darauf an, wie man sie einsetzt. Bernau : Und Hornby zeigt beides. Wokalek : Und der wichtigste Schlüssel in ihrer Kommunikation ist der Humor. Sie können, bei allen Meinungsunterschieden, lachen. Bernau :  Ja, das ist möglicherweise der Kitt in ihrer Beziehung. Aber ich möchte nochmal  betonen, wie wichtig es für ihre Beziehung prinzipiell ist, dass eben dieser Gesprächsfaden nie abreißt. Und natürlich, das macht auch den Spaß in ihrer Beziehung aus, haben sie beide schon ein dickes Fell, also sie halten auch einiges aus an Spitzen, die vom anderen kommen. Wokalek : Und wie Nick Hornby den Perspektivenwechsel hinbekommt, einmal männliche, dann weibliche Sicht, ist faszinierend. Er erkennt die jeweilige Psychologie dahinter, das ist ja sehr komplex. Bei Nick Hornby ist Musik   immer sehr wichtig. Im konkreten Fall ist Ehemann  Tom Musikjournalist. Wo liegen denn Ihre persönlichen musikalischen Vorlieben? Bernau: Ich bin so ein Phasenhörer. Also es gibt Phasen, da höre ich gerne elektronische Musik ... Wokalek: Ach, das ist sehr breit gefächert. Irgendwie von französischen Chansons bis zu klassischer Musik würde ich sagen. Depeche Mode? Bernau : Ist nicht so meins. Wokalek : (lacht) Ach, da spielen sie jetzt auf das Video an, in dem ich mitgespielt habe. Ja, für mich war hier vor allem der Einblick hinter die Bühne aufregend, also schon allein der Riesen-Fuhrpark, der für so einen Dreh aufgefahren wird. Ihr erstes Konzert? Wokalek: Marius Müller-Westernhagen. Bernau : Roxette – in Salzburg am Residenzplatz. Da war ich mit meiner Mutter. Sie machen neben Theater auch  erfolgreich Filme. Emmy-Preisträger Chris O' Dowd, der Tom in der  BBC-Version des Stücks  spielt, meinte, er war sehr froh, dass die Folgen immer nur zehn Minuten lang waren, weil der Text so intensiv sei ... Wokalek : Klar, es sind zwei völlig verschiedene Sachen. Ich liebe natürlich auch den Film, aber die Bühne ist ein besonderer Ort. Weil wir Menschen uns gemeinsam dazu verabredet haben hinzugehen, und mit völlig fremden Menschen im Saal eine Vorstellung im Hier und Jetzt zu erleben. Und wir Schauspieler sind Teil dieser Gemeinschaft. Etwas Schöneres kann es eigentlich nicht geben. Theater ist ein zauberhafter Ort. Bernau : Genau. Das tolle am Theater ist diese Live-Auseinandersetzung mit einer Geschichte. Der man für eine Stunde oder zwei oder drei auch nicht entrinnen kann. Es ist eine einzigartige, direkte Auseinandersetzung zwischen den Spielenden und dem Publikum. Die man auf beiden Seite empathisch spürt. Das ist ein unfassbares Glücksgefühl.