Trommelfell trifft auf Trommelfell im doppelten Wortsinn. Urgewaltig im Schwingen und Dröhnen. Der große Saal im Wiener Konzerthaus vibriert so heftig am Montag, dass der Herzschrittmacher zu schnackerln droht. Auf ein kurzes Flöten- Intro folgen rohe Kraft und pure Emotion, ein düsteres Donnern und komplexe Rhythmen in wahnwitzigen Tempi auf kleinen, großen und riesigen Trommeln. Umwerfend virtuos Kodo ist Rhythmus, Kraft und Energie. Das japanische Schlaginstrumentalisten-Ensemble hämmert mit Tischbein-großen Stöcken auf Instrumente von bis zu mehr als einem Meter Durchmesser. Ob Blue Men Group, Les Tambours du Bronx oder die Polyrhythmiker von Yamato: Ursprung und Vorbild für alle war Kodo, aktuell mit „Luminance“ auf „One Earth Tour“. Das weltberühmte Ensemble – Inspirationsquelle auch für den Cirque du Soleil – verbindet traditionelle japanische Musik mit Klängen der Avantgarde, vereint im Programm „Luminance“ Klassiker wie das monumentale O-Daiko-Trommelsolo und das energiegeladene Yarai-Bayashi-Finale mit neuen Werken. Es präsentiert zudem das radikal auf Klangfarbe und Energie konzentrierte Meisterwerk „Monochrome“ von Maki Ishii, das mit extremen Dynamikspannungen, Reibungen und eruptiven Ausbrüchen arbeitet. Urig und archaisch Kodo bedeutet „Herzschlag“ und „Kinder der Trommel“, sieht aus wie Kampfsport und wirkt wie ein Bastard aus ritueller Körper-Performance, Musik, Theater und Show. Tacktacktack ticktacketickting katsching – rrrrrratsch ... Es gibt keine Melodien, keine Texte, keinen Dirigenten. Nur Geräusche, kurze akustische Ruhezonen mit Koto und Flöten, Rhythmen, die durch Mark und Bein gehen, Bewegung, Gestik und Mimik. Das schweißtreibende Gepolter hat etwas Uriges. Archaisches. Körperlich Fühlbares. Die Taiko-Trommel ist nicht nur das populärste Instrument Japans, sondern auch eines der ältesten – unverzichtbares Accessoire der Riten, Feste und des Tanzes. Ihr Korpus wird aus einem einzigen Stück Holz des Kejaki-Baums gefertigt und dann mit Fellen aus Pferde- oder Rinderhäuten bezogen. Ihr Klang gleiche dem Herzschlag der Mutter, wie ihn ein Kind im Mutterleib wahrnimmt, heißt es bei Kodo: „Eine Taiko verleiht dir eine Energie wie sonst nur ein Gebet.“ So zelebrieren zwölf Frauen und Männer ihr Rhythmus-Spektakel und zeigen mit verschiedenen Stöcken und Klöppeln sanft und spielerisch bis energisch, wie eine Taiko klingen kann. Vertreibt böse Geister Kodo arbeiten mit vielen Instrumenten – von der kleinen, einer Zimbel ähnlichen Jang-gwara über die mittelgroße Shimejishi bis zur riesigen O-Daiko, die mehr als 400 kg wiegt. Der Klang einer großen Taiko, so die Legende, könne sogar böse Geister vertreiben.