Verbotener Weichmacher: "Fast alle Kinder und Jugendlichen nehmen DnHexP auf"

Die Bevölkerung in Deutschland ist flächendeckend und teils in hohen Konzentrationen mit dem verbotenen und fruchtbarkeitsschädigenden Weichmacher DnHexP belastet. Diesen Schluss lassen neue Untersuchungen des Umweltbundesamtes zu. Nach Funden bei Kindergartenkindern und Erwachsenen vor zwei Jahren wiesen Toxikologen nun auch im Urin von Kindern und Jugendlichen das Abbauprodukt der Chemikalie nach. Als Quelle der Belastung gilt ein verunreinigter UV-Filter in Sonnencremes . Abbauprodukt MnHexP in nahezu allen Proben Laut dem deutschen Umweltbundesamt (UBA) fanden Forscherinnen und Forscher im Rahmen der bundesweiten Kinder- und Jugendstudie "ALISE" in nahezu allen untersuchten Urinproben den Stoff MnHexP . Wird dieses Abbauprodukt nachgewiesen, hat der Betroffene den Weichmacher DnHexP im Körper aufgenommen. Bei zwei Proben überschritt die Belastung deutlich den Vorsorgewert. Wird dieser sogenannte HBM-I-Wert übertroffen, kann eine gesundheitliche Beeinträchtigung nicht mehr ausgeschlossen werden. DnHexP wirkt auf Hormonsystem des Menschen Der nachgewiesene Weichmacher DnHexP zählt in der Stoffgruppe der Phthalate zu den Substanzen, die am stärksten auf das Hormonsystem des Menschen wirken. Tierversuche an Ratten zeigten, dass die Substanz und auch ihr Abbauprodukt MnHexP die männliche Fruchtbarkeit sowie das ungeborene Kind schädigen können. Eine Analysemethode im Urin gibt es erst seit 2019. Seitdem ist der Weichmacher in der EU verboten. Experten zeigten sich über das Ausmaß der Belastungen besorgt. "Aufgrund der Ergebnisse der vergangenen Jahre waren wir nicht überrascht, MnHexP in den Urinproben von Kindern und Jugendlichen zu finden. Was uns jedoch überrascht hat, war der große Anteil belasteter Proben sowie die teils sehr hohen Konzentrationen", sagt der Präsident des deutschen Umweltbundesamtes, Dirk Messner . Auch Holger Koch , einer der führenden Toxikologen in Deutschland und Leiter eines Speziallabors in Bochum, zeigt sich beunruhigt: "Fast alle Kinder und Jugendlichen nehmen DnHexP auf – teilweise in Mengen, die nicht mehr als sicher gelten." Urinproben von 200 österreichischen Schulkindern werden analysiert Auch in Österreich ist man bereits auf die Problematik aufmerksam geworden. "Aufgrund der deutschen Befunde werden nun Proben aus anderen Ländern, darunter Urinproben von 200 österreichischen Schulkindern, auch auf DnHexP untersucht", heißt es auf KURIER-Anfrage vom heimischen Umweltbundesamt. Auf der Basis dieser Ergebnisse werde man feststellen können, ob auch in anderen Ländern ähnliche Belastungen durch DnHexP auftreten. Welches gesundheitliche Risiko von der Weichmacher-Belastung ausgeht, ist nicht abschließend geklärt. Inzwischen hat die Kommission Human-Biomonitoring im deutschen Umweltbundesamt einen gesundheitlichen Vorsorgewert von 60 Mikrogramm pro Liter Urin (µg/L) abgeleitet. Bis zu diesem Wert sei nicht mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung zu rechnen. Bei den aktuellen Funden wurde dieser Wert jedoch bei zwei Proben mit 83 und 107 µg/L deutlich überschritten. "Der höchste gemessene Wert hat mich sehr überrascht", kommentiert Koch. Spur führte Ermittler zu Sonnencremes Seit über zwei Jahren halten Funde des Weichmachers ganz Europa in Atem: Ende 2023 entdeckte Koch in seinem Bochumer Labor im Urin von Kindern durch Zufall Abbauprodukte des gefährlichen Stoffes. In Urinproben von Kindergartenkindern in Nordrhein-Westfalen aus mehreren Jahren wiesen Toxikologen 2024 dann einen massiven Anstieg nach. Innerhalb von drei Jahren hatte sich der Anteil belasteter Proben mehr als verdoppelt. Gleichzeitig verzehnfachte sich die Konzentration des Weichmachers. Die Funde in Nordrhein-Westfalen lösten EU-weit Alarm aus. Untersuchungen des Umweltbundesamtes bestätigten, dass die Belastung auch andere Altersgruppen betraf. UV-Filter DHHB unter Verdacht Als Quelle der Belastungen gilt ein verunreinigter UV-Filter für Sonnenschutzmittel. In Verdacht steht dabei der UV-Filter DHHB . Bei dessen Produktion kann unbeabsichtigt der Weichmacher DnHexP entstehen, so das Umweltbundesamt. Hersteller von UV-Filtern, insbesondere Marktführer BASF, bestreiten einen Zusammenhang. Das Umweltbundesamt hatte bereits früh eine Spur zu Sonnenschutzmitteln vermutet. So waren die Belastungen im Sommer und zur Skisaison angestiegen. Auch die Behörden in Nordrhein-Westfalen fanden Hinweise: Die Eltern der Kindergartenkinder hatten angegeben, ob ihr Kind am Tag der Probenahme oder kurz davor Sonnenschutzprodukte benutzt hatte. Bei Kindern, die Sonnencreme auf der Haut hatten, wurden um ein Vielfaches höhere Belastungen festgestellt als bei Kindern, die sich nicht eingecremt hatten. "Das ist die entscheidende Quelle", bestätigt Koch. Auch die neuen Funde zeigen diesen Zusammenhang, teilt das UBA mit. Die Proben stammen aus dem Frühjahr und Sommer 2025. Zu diesem Zeitpunkt waren die Hersteller des UV-Filters bereits von Behörden mit den Funden bei Kindern konfrontiert worden. Toxikologen für strengere EU-Regeln Inzwischen handelten die EU-Behörden . Ab 1. Januar 2027 dürfen nur noch Sonnenschutzmittel mit einem Höchstgehalt von einem Milligramm DnHexP pro Kilogramm Sonnencreme in den Verkehr gebracht werden. Zum Vergleich: 2024 waren in Sonnenschutzmitteln Konzentrationen bis zu 44 Milligramm pro Kilogramm gemessen worden. Toxikologe Koch fürchtet jedoch, dass die EU-Vorgaben aufgeweicht werden könnten: "Der aktuelle Entwurf der EU-Kosmetikverordnung erlaubt deutlich höhere DnHexP-Werte als vom EU-Verbraucherschutzausschuss empfohlen. Als Grund werden gestiegene Produktionskosten genannt. Das ist aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher problematisch", kritisiert er. Koch spricht sich für weitere, strengere Regulierungen in der EU aus. "Wir sind nicht nur einem einzelnen dieser Stoffe ausgesetzt, sondern einem ganzen Cocktail. Deshalb halte ich auch Belastungen unterhalb des Grenzwertes für nicht wünschenswert – zumal sie vermeidbar sind."