Die Landesgrenze stellte jahrelang auch für schwer kranke Patienten mit Gehirntumoren , Epilepsie oder atypischen Parkinsonsyndromen keine Barriere dar. Der schwelende Streit um Gastpatienten zwischen den Bundesländern Wien und Niederösterreich geht auch an Spezialabteilungen wie der Neurochirurgie im Uniklinikum Wiener Neustadt nicht spurlos vorüber. Der rege Patientenaustausch nach Wien habe abrupt geendet. Niederösterreich verfügt nur über zwei neurochirurgische Abteilungen, eine in St. Pölten und eine in Wiener Neustadt. "Deshalb versorgen wir auch sehr viele Patienten aus anderen Bundesländern, besonders dem Burgenland und der Steiermark“, erklärt Primar Johannes Burtscher (59) am UK Wiener Neustadt. Die fachliche Expertise über Landesgrenzen hinweg hält der Arzt für extrem wichtig. Von Vorarlberg nach Niederösterreich Der Mediziner gilt hierzulande als einer der besten seines Faches. Der Neurochirurg wurde vor 21 Jahren nach Niederösterreich geholt, um die Abteilung völlig neu aufzubauen. "Die Orthopädie hat uns damals zu Beginn Betten zur Verfügung gestellt“, erinnert sich Burtscher an die Anfänge zurück. 1.500 Operationen pro Jahr 2006 ging man mit einer eigenen Station dann in Betrieb. Heute verfügt die Neuro-Abteilung über 40 Betten und fast 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. "Wir operieren 1.500 Patienten pro Jahr“, sagt der Primar. Darunter Frauen, Männer und Jugendliche mit Gehirntumoren oder Blutungen, Hirn- und Rückenmarksverletzungen, Bandscheibenvorfällen, Wirbelsäulenverletzungen oder "das klassische Unfallopfer mit Schädel-Hirn-Traumata“, schildert der Mediziner. Auf die Frage, wie viele Patienten man angesichts dieser Schwere an Erkrankungen und Verletzungen schon am Operationstisch verloren hat, klopft Burtscher auf Holz. "Noch keinen. Wir haben sie zumindest alle auf die Intensivstation gebracht.“ Vergleich mit "McDreamy“ Die Neurochirurgie hat es bekannten US-Serien wie Emergency Room oder Grey's Anatomy zu verdanken, dass das Fach entsprechende Bekanntheit erlangt hat. Den Vergleich mit dem Neurochirurgen "McDreamy“, gespielt von Patrick Dempsey , hört Johannes Burtscher nicht das erste Mal. Auch wenn Inhalte in den Serien manchmal weit von der Realität entfernt sind, sei die Medizin enorm weit fortgeschritten. "Wir decken ein sehr breites Spektrum ab. Es gibt an der Abteilung fast nichts, was wir nicht machen“, sagt Burtscher. Eine Vorreiterrolle hat das Uniklinikum im Bereich der chirurgischen Mikroskopie eingenommen. Wenn man 15 Stunden oder länger in einem Operationssaal operiere, sei das Exoskop ein "Gamechanger“. Operiert wird mit einem dreidimensionalen Visualisierungssystem mit robotischer Unterstützung und hochauflösender Kamera, die jedes kleinste Detail des OP-Feldes auf einem Bildschirm sichtbar macht. Nebenwirkungen Bisher haben optische Operationsmikroskope den Chirurgen gute Dienste geleistet, allerdings mit dem Nachteil, dass operierende Ärzte speziell in der Neurochirurgie stundenlang über die Okularlinse des Mikroskops gebeugt waren. "Mit den entsprechenden kraftraubenden Nebenwirkungen“, heißt es dazu im Uniklinikum. Die neuen technischen Systeme seien weniger konzentrationsraubend und stellen deshalb einen Quantensprung im OP dar, meint Burtscher. Jeder Eingriff könne außerdem aufgezeichnet und dokumentiert werden, was besonders an einer Uniklinik hervorragend für Unterrichtszwecke genutzt werden kann. Lebenslange Folgen Das Fach bringe es mit sich, dass jeder kleine Fehler bei einem Eingriff schwerwiegende Folgen haben kann, erklärt der Primar. "Wenn es nicht so läuft, wie es sollte, kann das ein Leben lang Folgen für den Patienten haben“, sagt der 59-jährige Mediziner, dem kürzlich große Ehre zuteil wurde. Johannes Burtscher bekam von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) in St. Pölten das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich verliehen. Abteilung ausgezeichnet Mit dem Wechsel 2005 an die Klinik nach Wiener Neustadt hat der gebürtige Vorarlberger auch seinen Lebensmittelpunkt in die Statutarstadt verlegt. Seine Kinder sind ebenfalls in Niederösterreich aufgewachsen, beruflich haben sie aber alle eine andere Richtung als die Medizin eingeschlagen. Auch mit der Abteilung haben Burtscher und sein Team bereits Auszeichnungen erfahren. Die Neurochirurgie des Wiener Neustädter Klinikums wurde zuletzt vor zwei Jahren zur besten Spitalsabteilung im Bundesland gewählt. Das hatte damals die Umfrage unter 25.000 Patienten an den 25 Klinikstandorten in NÖ ergeben.