" Mangelernährung bei älteren Menschen ist ein weit unterschätztes Problem", sagt Kurt Widhalm , Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin (ÖIAE). Insbesondere von ärztlicher Seite werde es "selten wahrgenommen und diagnostiziert". Von einer Mangelernährung spricht man, wenn der Körper Stoffe, die er für die Aufrechterhaltung aller Stoffwechselprozesse und Organfunktionen benötigt, nicht in ausreichendem Maß bekommt. Der Zustand kann diverse Ursachen haben: "Ältere Menschen können oft nicht mehr so gut schmecken, denn ab rund 60 Jahren lässt der Geruchs- und Geschmackssinn nach", erklärt Widhalm. Auch das Hunger- und Durstgefühl geht zurück. Die Lust am Essen wird häufig durch einen instabilen Kauapparat oder Zahnprobleme getrübt, das Zubereiten von Speisen fällt vielen mit zunehmendem Alter schwerer. "Faktoren wie Einsamkeit , Depressionen oder Armut spielen ebenfalls eine Rolle, ebenso wie Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes oder eine Demenz ." Effekte auf Heilung und Mobilität Die Folgen können fatal sein: Mangelernährung im Alter führt zu Muskel- und Knochenabbau , die Sturzgefahr steigt. Ein geschwächtes Immunsystem und eine erhöhte Infektanfälligkeit bis hin zu schlechter Wundheilung und Müdigkeit können sich daraus ergeben. "Die Auswirkungen können bis hin zur Sarkopenie , also Muskelschwund , reichen." Bei der Diagnose ist das Körpergewicht zentral. Jeder Body Mass Index (BMI) unter 20 sei verdächtig. Widhalm: "Unter 18 besteht ein hochgradiger Verdacht auf Mangelernährung." Labortests, die Leberfunktion, Muskelmasse sowie Entzündungs-, Elektrolyt-, Vitamin- und Spurenelementwerte bestimmen, sollten zur Abklärung herangezogen werden. Oftmals nehmen ältere Patientinnen und Patienten nach operativen Eingriffen oder Behandlungen wie einer Chemotherapie Gewicht ab. "Dann geraten sie in einen Mangelernährungszustand, der übersehen wird." Nicht selten beginnt für Betroffene ein Teufelskreis. "Es gibt gute Daten, die zeigen, dass Menschen, die gut ernährt sind, nach Eingriffen rascher wieder fit sind und auch Krebs- oder Antibiotikatherapien besser vertragen." Faktoren wie Einsamkeit, Depressionen oder Armut spielen oftmals eine Rolle, ebenso wie Erkrankungen. Kurt Widhalm / Ernährungsmediziner "Der Proteinbedarf ist im Alter erhöht" Für den Erhalt von Muskelmasse und Mobilität spielt die Eiweißzufuhr eine entscheidende Rolle. "Der Proteinbedarf ist im Alter erhöht", sagt Widhalm. "Der durchschnittliche junge, gesunde Erwachsene braucht 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht täglich, ältere Menschen 1 bis 1,2 Gramm." US-Studien zufolge haben bis zu 38 Prozent der Männer und 41 Prozent der Frauen eine zu geringe Proteinzufuhr. Darüber, wie verbreitet Mangelernährung in der älteren Bevölkerung in Österreich ist, gibt es nur wenige Studien. "Wir haben selbst Daten in einem Seniorenheim in Wien erhoben. Da hat sich gezeigt, dass bis zu 40 Prozent der dort lebenden Menschen Merkmale einer Mangelernährung aufwiesen." In Summe vermisst Widhalm an Kliniken, aber auch in Pflegeeinrichtungen "das Bewusstsein für die Bedeutung des Ernährungszustandes". Um dem Problem der Mangelernährung zu begegnen, sei es wesentlich, " gezielte Maßnahmen zu setzen, die auf den Patienten zugeschnitten sind – und den Effekt dieser zu kontrollieren bzw. eine Beratung anzubieten, wie der Alltag zu Hause in puncto Nahrungsaufnahme gestaltet werden kann".