Der Linzer Softwareanbieter Fabasoft ist auf Cloud-Anwendungen für die Verwaltung und für Unternehmen spezialisiert. Dass Softwarefirmen zuletzt an der Börse unter Druck gerieten, weil KI-Agenten ihnen das Geschäft abgraben könnten, beunruhigt Unternehmensgründer Helmut Fallmann nicht. An der Börse gebe es "alle paar Jahre irgendeine Angst", sagt er. Das Vertrauen, solche Systeme in Unternehmen einzusetzen, fehle auch noch weitgehend. Den Bedarf nach europäischen Software-Lösungen sieht Fallmann im Gespräch mit dem KURIER nach wie vor gegeben. Auch weil der Wunsch bei Firmen und Verwaltung wachse, die Abhängigkeit von US-Unternehmen zu verringern. Überall ist von europäischer digitaler Souveränität die Rede, ihr Geschäft müsste eigentlich brummen. Der Umsatz hat sich zuletzt aber nur leicht erhöht. Warum? Helmut Fallmann: Das hat mehrere Gründe. Ein Hauptgrund ist sicherlich, dass sowohl die Verwaltung als auch die Privatwirtschaft aktuell mit Investitionen sehr vorsichtig sind. Die Unternehmen sind abwartend und der öffentlichen Hand fehlen die Budgets. Aber man muss sich unsere Zahlen ein bisschen genauer anschauen. Unsere wiederkehrenden Umsätze (recurring revenues) sind um 10 Prozent gewachsen und wir haben auch eine neue Softwarearchitektur mit neuem Geschäftsmodell. Wie wichtig ist das Thema digitale Souveränität den Firmen? Wir machen die Hälfte unseres Geschäfts mit der Privatwirtschaft. Dort ist die digitale Transformation ein großes Thema. Weil dabei die Abhängigkeiten erhöht werden, merken wir auch, dass ganz klar digitale Souveränität angesprochen und bei Entscheidungen berücksichtigt wird. Es geht immer um relevante Unternehmensdaten. Personenbezogene Daten, bei denen die Unternehmen eine ganz große Verantwortung haben und geschäftskritische Daten, die höchst vertraulich sind. Die Unternehmen wollen wissen, wo ihre Daten liegen und wer darauf Zugriff hat. Da gibt es große Unterschiede zwischen Europa und den USA. Der europäische Cloudmarkt ist fest in amerikansicher Hand. Die Hyperscaler wie Amazon, Google und Microsoft, haben einen Marktanteil von rund 70 Prozent. Ist der Wettbewerb nicht schon verloren? Da habe ich meine ganz eigene Sicht. Dieser Wettbwerb ist nicht verloren. Ja, die Basisdienste und das Plattformgeschäft sind fest in amerikanischer Hand. Das war aber nie die Domäne Europas. Europa war immer Weltmeister, wenn es um Anwendungen gegangen ist. Bei Anwendungen, also Software as a Service, hat Europa gute exzellente Angebote. Diese Anwendungs-Clouds sind die Basis für europäiches Cloud-Computing. Wir dürfen nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wir gehen in Europa einen anderen Weg als die Amerikaner. In den Marktanteilen schlägt der sich aber nicht nieder. Die Europäer stellen gerne Dinge so dar, dass sie aussehen, als wären sie unbeholfen. Faktum ist, dass im ERP-Bereich (Anm.: Enterprise Resource Planning, die Steuerung und Automatisierung von Unternehmensressourcen) SAP Marktführer ist und niemand anderer. Es ist wie bei den Autos. Europa wird nie Weltmarktführer bei Billigautos sein, im Premiumbereich aber sehr wohl. KI wirbelt das Geschäft durcheinander. Sie investieren ein Drittel Ihres Umsatzes in die Technologie? Wir investieren jährlich 30 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Aktuell fließt der größte Teil des Geldes davon in die Forschung rund um KI. Wir behandeln das Thema aber anders als alle anderen. Wir lernen nicht mit den Daten unserer Kunden, weil die ausschließlich unseren Kunden gehören. Wir sind auch im höchsten Maße bemüht, Antworten ohne Halluzinationen zu geben. Die aktuellste Technologie, an der wir arbeiten, ist Agententechnologie. Das System versteht, was ich brauche und hilft mir bei der Umsetzung. Zuletzt hat der oberösterreichische Entwickler Peter Steinberger mit dem KI-Agenten OpenClaw für Aufsehen gesorgt. Was kommt da auf uns zu? Auf jeden Fall eine große Diskussion, wie wir es schaffen können, solchen Ansätzen zu vertrauen. Man überlässt seinen Account diesem Agentensystem, das dann beispielsweise im Internet aktiv wird. Bis wir eine Vertrauensbasis schaffen, dass so etwas im Unternehmenskontext verwendet werden darf, wird es einzige Zeit brauchen. Wir verfolgen einen anderen Ansatz. Wir füttern die KI nur mit Daten, die dem Unternehmen gehören. Es ist immer klar, was passiert und dass das Unternehmen mit den eigenen Daten das auch tun darf. Diese Agenten untergraben auch ihr traditionelles Geschäftsmodell. Viele Dinge, die KI macht, werden heute von Mitarbeitern durchgeführt, die dafür Ihre Software nutzen. . Was Sie ansprechen, ist eine Angst, die es derzeit an den Börsen gibt. Es gibt alle paar Jahre irgendeine Angst an den Börsen. Ich sehe Agentensysteme als Ergänzung für Menschen, die mit Softwareprodukten arbeiten und KI als Teil einer solchen Lösung. Sie werden das Geschäft von SAP ankurbeln, sie werden das Geschäft von Salesforce ankurbeln und sie werden unser Geschäft ankurbeln. Ich sehe keine Gefährdung . Sie sind auf hochsensible Bereiche spezialisiert. Das gilt nicht für alle Anwender. Der Getränkehändler in der Laxenburgerstraße kann vielleicht lockerer damit umgehen. Er muss ja trotzdem die richtigen Getränke liefern und die richtigen Rechnungen ausstellen. Es gibt nicht viel Müll in Unternehmen, die man mit einer halluzinierenden KI erledigen kann. Ich sehe die Qualität und die Sicherheit für den Unternehmenseinsatz im Falle geschäftskritischer Anwendungen nicht gegeben. Wo sehen Sie den größten Produktivitätszuwachs durch KI? Wir gehen davon aus, dass man mit KI mindestens 30 Prozent Produktivitätssteigerung erreichen kann. Es gibt auch übertriebene Zahlen in Richtung 60 bis 70 Prozent. Aber die KI soll nicht übernehmen, sie soll unterstützen. Ich mag Menschen und ich glaube tatsächlich, dass Menschen bei der KI die Oberhand behalten müssen. Wir dürfen Kontrolle und Verantwortung nicht and die KI abgeben. Der Bedarf an Rechenleistung ist bei KI enorm und erfordert Investitionen im industriellen Maßstab. Sie betreiben auch sechs Rechenzentren. Wie wirkt sich das bei Ihnen aus? Wir verwenden fertige Modelle, die andere gerechnet haben. Natürlich steigt auch bei uns der Geldbedarf, den wir in Spezialhardware hineinstecken. Man braucht die Spezialprozessoren auch in der Abarbeitung der Abfragen der Anwender. Aber das ist bei weitem nicht so schlimm. Wir kommen ganz gut über die Runden. Die CO2-Belastung ist hoch, es wird auch mehr Energie verbraucht. Wir sehen den steigenden Bedarf an Rechenleistung sehr kritisch, weil damit auch der Strombedarf steigt. Das Thema Nachhaltigkeit liegt uns sehr am Herzen. Wir verwenden aktuell über 70 Prozent Energie aus erneuerbaren Quellen und wollen das auf über 90 Prozent steigern. Österreich ist mit Strom aus Wasserkraft sehr gut aufgestellt. Wie sehr belasten Sie die Strompreise? Wir gehören zu den Unternehmen, die über die stark schwankenden Strompreise sehr unglücklich sind. Wir brauchen eine solide Kalkulationsbasis. Die Strompreise sind auch direkt und indirekt Treiber der Inflation. Die Löhne sind durch die in den vergangenen Jahren sehr hohe Inflation stark gestiegen. Bei den IT-Kollektivvertragsverhandlungen wurde heuer noch keine Einigung gefunden. Warum ist das so schwierig? Die Konkurrenzfähigkeit aus Österreich und der Export aus Österreich heraus war früher viel einfacher, weil das Preisniveau vernünftig war. Wir haben jetzt eine Situation, die uns im internationalen Wettbewerb in eine schwierige Situation bringt. Hat sich der Fachkräftemangel in der IT entspannt? Ja und wir haben in Linz auch eine herausragende Ausbildung und bekommen gute Leute. Wir finden derzeit tatsächlich die Personen, die wir brauchen in einer herausragenden Qualität. Ich bin vom Arbeitsmarkt aktuell begeistert. Möge er bitte so bleiben. Was stimmt sie sonst für den Standort Österreich zuversichtlich? Das wir endlich an das Thema Industrie strategisch herangehen und das auch erste Früchte trägt. Mir gefällt auch, dass wir in Österreich Diversität leben. Diversität auf Basis eines gemeinsamen Wertesystems halte ich für einen Grundbaustein für den Erfolg einer Gesellschaft und für den Erfolg einer Demokratie.