"Lord of the Flies": Die hauchdünne Schicht der Zivilisation

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ – das uralte römische Diktum, das von der grundlegenden Barbarei kündet, die nur oberflächlich durch Zivilisation im Zaum gehalten werden kann. William Golding hat in seinem Roman „Herr der Fliegen“ (orig. „Lord of the Flies“) von 1954 dazu eine wirkmächtige Parabel geschrieben. Durch die Isoliertheit einer Insel erscheint sie wie eine Versuchsanordnung unter verschärften existenziellen Bedingungen. Und dadurch, dass ausschließlich Buben am Werk sind, erfährt die Botschaft eine zusätzliche Brisanz, weil man Kindern eine grundsätzliche Reinheit zuschreibt. Allein der Roman taugt schon bestens als Unterrichtsmaterial, auch die drastische Hollywood-Verfilmung aus dem Jahr 1990 sorgte dafür, dass hierzulande wenige Schüler an dem Stoff vorbeigekommen sind. Nun entschied sich die ehrwürdige BBC zu einer Neuverfilmung als vierteilige Miniserie. Mit Autor Jack Thorne holte man einen Spezialisten für jugendliche Abgründe („Adolescence“) . Die unveränderte Story: Ein Haufen sechs- bis zwölfjähriger Burschen findet sich während eines Krieges und nach Absturz eines Evakuierungsflugzeuges auf einer paradiesischen Insel wieder. Einige kommen aus einer Eliteschule und sind Chorsänger, sie bekennen sich zu ihrem charismatischen Mitschüler Jack (Lox Pratt). Die anderen kennen einander nicht, wählen aber den grundanständigen Ralph (Winston Sawyers) zum Anführer. In dieser Gruppe befinden sich der sensible Simon (Isaac Talbut) und der vernünftige Piggy (David McKenna), der aufgrund seines dicklichen Aussehens gehänselt wird. Ralphs Schar versucht, durch Kooperation Ordnung in die Robinsonade zu bringen, während Jack und seine „Jäger“ bei der Jagd nach Schweinen eher Lust und Action suchen. Das Lager- und Signalfeuer, das die Burschen gemeinsam entzünden, gerät außer Kontrolle. Wer wird sich durchsetzen? Jede Folge widmet sich einer Hauptfigur und erzählt einen Teil der Story aus deren Perspektive, was einen tieferen Blick in die Psyche der Kinder zulässt. Regisseur Marc Munden setzt teils auf extreme Nahaufnahmen von Wunden, Dreck, verängstigten Augen, taucht das Geschehen in sattes Grün oder in aggressives Rot. Mit derlei Bildgewalt, tollen Darstellern und zeitgemäßem Storytelling dürfte die archaische Geschichte neue Anhänger finden, eine mutige Neuinterpretation darf man sich jedoch nicht erwarten.