Johanna Sebauer im WM-Fieber: Die Kunst der Fußballflüche

Von Johanna Sebauer Manche mögen darin nichts anderes als primitiven Kontrollverlust sehen, aber die Kenner wissen: Das Schimpfen am Fußballplatz ist eine eigene Kunstform. Am meisten trifft es naturgegeben den Schiedsrichter . Von beiden Seiten kriegt er es ab, dieser Ab’zwickte, dieser luftg’selchte Schaßaugate. Zu keiner sauberen Entscheidung ist er imstande! Eine Brille bräuchte er, Scheibenwischer müsste man ihm anschrauben an der Nase, so viel Dreck wie der vor den Augen hat! Und dann der Zauberer in der eigenen Verteidigung, der das Unmögliche schafft, nämlich aufrecht über den Platz zu laufen und tief und fest zu schlafen gleichzeitig. Einen Wecker schenken wir ihm zum Geburtstag, diesem dramhappaten Würschtl! Hallo Mittelfeld? Habt’s ihr in der Mischmaschin geschlafen oder woher kommen die Beton-Batscherl, über die ihr ständig stolperts? So schallt sie dahin, unsere Fluch-Symphonie, wenn das Spiel nicht läuft, wie wir es wünschen. Genüsslich schimpfen wir uns immer tiefer hinein in unser Delirium furiosum. Unser Mundwerk verselbstständigt sich, wir poltern wie die Seemänner, ohne, dass es Konsequenzen hätte. All unserem Frust lassen wir freien Lauf. Katharsis auf der Zuschauertribüne. Schlecht geschlafen? Harter Tag im Büro? Generelle Verzweiflung angesichts der Weltlage? Schmeiß all das rein in deine kreativsten Fußballflüche und es wird dir leichter ums Herz. Irgendwann dreht dann vielleicht sogar das Spiel und unser zuletzt noch so verschlafene Stürmer zieht plötzlich durch, vorbei an der gegnerischen Verteidigung, und macht ein Tor für unsere Mannschaft, die – wir haben es schon immer gesagt – die beste ist, deren Spielzüge viel gewitzter sind als die der Gegner, diese Traummännlein-Truppe, diese Witzfiguren …