Von Gabriele Flossmann Trotz eines spektakulären Lebenswerks ist Titus Leber in Österreich kaum bekannt. Wahrscheinlich, weil er schon am Beginn seiner Karriere seiner Zeit um ein halbes Jahrhundert voraus war, indem er einer Technik den Weg bereitete, die gerade dabei ist, die gesamte Filmbranche umzukrempeln: der Künstlichen Intelligenz. 1951 geboren, studierte er Theater-Film und Medienwissenschaft sowie Kunstgeschichte. Seine Dissertation resultierte in einer „Schichtungsmethode“ zur Überlagerung mehrerer Inhaltsschichten auf Film. In dieser Technik drehte er drei experimentelle Werke – darunter den Spielfilm „Anima – Symphonie Phantastique“, der 1981 in den Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes aufgenommen wurde. Es folgten Lehraufträge an internationalen Universitäten. Mitte der 1980er wurde er in den „Think Tank“ der japanischen Firma Sony geholt, wo er technische Errungenschaften wie Touch Screens mit kreativem Potenzial aufwerten sollte. Im Auftrag von Sony gestaltete Leber den ersten interaktiven Museumsführer über den Louvre. 2009 wurde er beauftragt, eine multimediale Führung durch den Tempel von Borobudur herzustellen, der auf der indonesischen Insel Java liegt. KURIER: Sie wollten Filmregisseur werden, sind aber zu einer Art Chronist des Weltkulturerbes in digitaler Form geworden. Wie kam es dazu? Titus Leber: Nach meinen ersten drei Experimental-Filmen wollte ich das „Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse verfilmen. Die Hauptrollen wollte ich nicht mit Schauspielern, sondern mit Masterminds des MIT, des „Massachusetts Institute of Technology“, besetzen. Dort hatte gerade der berühmte deutsche Künstler Otto Piene gearbeitet. Er wollte mich für ein Projekt gewinnen, das dann leider nicht zustande kam, weil es zu teuer für Europa und nicht kommerziell genug für Amerika war. Mit einem Stipendium der Akademie der Wissenschaften blieb ich danach ein Jahr lang am MIT. Das war 1984, und gleichzeitig das Jahr Null in der interaktiven Multimedia-Entwicklung. Ich wurde Mitglied eines Think-Tanks, der sich mit den praktischen und künstlerischen Möglichkeiten von Tools auseinandersetzen sollte, die heute jedem Smartphone-Besitzer vertraut sind. Sie haben sich auch mit der Bildplatte befasst, an der Herbert von Karajan sehr interessiert war. Haben Sie mit ihm zusammengearbeitet? Wir waren am Beginn dieser Entwicklung eng verbunden. Im Laufe der Zusammenarbeit gab es aber dann Meinungsverschiedenheiten über das Zusammenspiel von Bild und Ton. Ich wollte bei der visuellen Umsetzung nicht die schwitzenden Musiker und Dirigenten in den Vordergrund rücken, sondern Bilder zeigen, wie sie im Kopf beim Anhören von Musik entstehen. Oder Bilder aus dem Leben und der Psyche eines Komponisten. Da sind Karajan und ich auf keinen grünen Zweig gekommen. Wie kam es dann, dass Sie weiter an der Visualisierung von Musik arbeiten konnten – auch in Salzburg? Ich habe mit dem französischen Regisseur Jean Pierre Ponnelle zusammengearbeitet. Ich hatte mit ihm die Visualisierung von Debussys „Pelléas und Mélisande“ für die Münchner Staatsoper vorbereitet. Leider ist die Umsetzung gescheitert. Aber ich habe aus den technischen Schwierigkeiten so viel gelernt, dass ich dieses Wissen dann bei meiner experimentellen Verfilmung der „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler umsetzen konnte. Wie ist es weitergegangen? Für das Mozart-Gedenkjahr 1991 wurde ich von den Salzburger Festspielen für ein interaktives Mozart-Projekt engagiert. Davor hatte ich aber schon vom Computer-Hersteller IBM und der Unesco den Auftrag für das Mega-Projekt erhalten, Europas Geschichte interaktiv aufzuarbeiten. Später ist die indonesische Regierung an mich herangetreten, den Tempel von Borobudur interaktiv zugänglich zu machen. Das war das nächste 4-Jahres-Projekt. Wir saßen zwei Jahre lang im Dschungel von Java, um die 2000 Reliefs in 3-D-Qualität abzutasten und narrativ umzuarbeiten. Da kam der Ausbruch des Vulkans Marapi dazwischen. Der Vulkan hatte die gesamte Landschaft knietief mit Asche bedeckt. Der Dschungel hat ausgeschaut wie Tirol im Winter. Damals habe ich den Betreibern des Tempels geraten, Hunderte von Staubsaugern zu besorgen und den Aschenstaub aufzusaugen. Man hat den Rat leider nicht befolgt. Dann kam der Regen, der den Staub in einen Brei verwandelte. Danach wurde versucht, die hart gewordene Zementschicht mit Drahtbürsten zu entfernen – was den Reliefs alles andere als gutgetan hat. Man kann die Bildtafeln, die die Geschichte des Buddhismus erzählen, also nur mehr auf meiner Produktion „Borobudur – Pfade der Erleuchtung“ so sehen, wie sie vor dieser Verwüstung ausgesehen haben. Kann man das Werk irgendwo sehen oder erwerben? Es ist eine Collector’s Edition herausgekommen, finanziert von einer Gruppe indonesischer Investoren. Sie wurde aber nicht mehr vermarktet, weil kurz nach dem Erscheinen in Indonesien eine radikalislamische Regierung an die Macht kam, der dieses Grundsatzwerk über den Buddhismus ein Dorn im Auge war. Das Werk ist mit 64 Gigabyte viel zu groß, um es ins Internet zu stellen. Wie lange würde es dauern, um das gesamte Material zu sehen? Wir haben uns das spaßhalber ausgerechnet. Wenn man acht Stunden am Tag alle interaktiven Wege des Werks verfolgen würde, würde man zehn Tage brauchen. Wie sieht Ihre künstlerische Zukunft aus? Ich habe schon in den 1980ern an den Voraussetzungen künstlicher Intelligenz gearbeitet. Dieses Gebiet beschäftigt mich weiterhin. Vor allem hinsichtlich der virtuellen Bewahrung des kulturellen Welterbes von Afrika arbeite ich derzeit im Auftrag der UNESCO.