Shelly Kupferberg zu "Isidor": Vor der Vernichtung war "das pralle Leben"

Es ist eine Wiener Geschichte. Ein Mensch aus armen Verhältnissen schafft es zu Reichtum und in die vermeintlich bessere Gesellschaft, lebt sein Leben – und wird dann von den Nazis so brutal gefoltert, dass er an den Folgen stirbt. Shelly Kupferberg hat die Geschichte ihres Urgroßonkels im Buch „Isidor“ erzählt. Am Samstag hat die Bühnenadaption Premiere. Von der Kantine des Akademietheaters , wo wir einander für das Interview treffen, kann man die Canovagasse fast direkt sehen, in der Isidor Geller lebte. KURIER: Dass die Geschichte von Isidor Geller nun an diesem Ort auf der Bühne erzählt wird – man könnte sich vorstellen, dass dieser Kontext etwas Besonderes ist? Shelly Kupferberg: In der Tat, es ist ein besonderer Moment für mich. Ich konnte es kaum glauben! Dass das Buch überhaupt entstand, war für mich schon ein kleines Wunder. Ich recherchierte viel in Wien, war oft in der Canovagasse. Dass quasi vis-a-vis, einen Steinwurf entfernt, diese Geschichte auf die Bühne kommt, ich hätte es nie mir erträumen können. Als Wiener kommen einem beim Lesen die Tränen. Was in dieser Stadt Menschen angetan wurde – und verloren ging, dieses ganze Panoptikum enfaltet sich in Ihrem Buch. Je mehr Details man kennt, desto erfüllender, aber auch bedrückender wird das Ganze wohl, oder? Ja, erfüllender und bedrückender. Wobei, mit dem Bedrückenden bin ich aufgewachsen. Ich komme aus einer sehr, sehr kleinen Familie. Warum ist die Familie so klein? Der Großteil wurde vernichtet. Es ist einfach so. Was durch die Geschichte des Isidor, die ich recherchiert habe, vielleicht hinzukam, was ich noch nicht wusste und was mich erschüttert, bedrückt und beglückt hat in einem, waren jetzt nicht unbedingt die Fakten, was geschah, und der Schmerz und die Brutalität und die Grausamkeit. Sondern ich stellte fest: Davor war das pralle Leben, von dem ich bisher so gar nichts erfahren hatte. Darüber sprach man nicht, weil es war ja zerstört war. Vielleicht war es auch zu schmerzhaft für die Großeltern, darüber zu berichten. Es stellt sich das Leben Ihres Urgroßonkels als erstaunliche Aufstiegsgeschichte dar. Da waren plötzlich so viele Geschichten! Es war ein pralles Leben mit Pleiten, Pech und Pannen. Das hat mich beglückt. Er wollte etwas und ging aufs Ganze. Scheitern inklusive. Vielleicht ist es gerade das: Diese Menschen, die dann zu Opfern wurden, nicht nur als Opfer und Vernichtete kennenzulernen. Sondern mit all ihren Facetten, ihren Lieben und ihren Schwächen. Dick, dünn, groß, klein, männlich, weiblich, Jude, nicht Jude, ganz egal: Die große Geschichtsbuchgeschichte stellt sich noch einmal komplett anders dar, wenn man sie auf eine Biografie herunterbricht. Da bekommt man auch eindringlich vorgeführt, wie plötzlich Menschen aus dem Leben gerissen wurden. Man ist hoch versucht, daraus einen Lernnutzen für die Gegenwart zu ziehen. Das ist absolut wahr, ohne es direkt vergleichen zu wollen. Ich werde immer wieder gefragt, wo sehen Sie heute Anknüpfungspunkte an diese Geschichte. Ich bin sehr, sehr vorsichtig und betone nochmal, ich will gar keine Parallelen ziehen. Aber ich glaube, wir wissen, was Populisten und Rechtsextremisten zu tun im Stande sind. Und wir erleben das auch im Kleinen. Gott sei Dank, noch leben wir in einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Und die Mehrheit, davon will ich jetzt mal ausgehen, möchte Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, demokratische Werte hochhalten. Aber wir wissen auch, wie sehr diese Demokratien gefährdet sind, wie dringend es darum geht, sie zu verteidigen mit allem, was wir haben. Und wir wissen auch, dass es dann der Ex-Schulkamerad war, der unter den Nazis erstmal zusah, wie Ihr Großvater im Keller gequält wird. So sieht es aus. Und dass sich die ehemaligen Bediensteten von Isidor als Verräter entpuppten. Man spürt im Buch, wie schnell eine Gesellschaft kippt. Und ist beunruhigt, ob wir heute schon weiter sind, als man sich gewahr macht. Ja, und man fragt sich natürlich als wissender Leser: Isidor, siehst du nicht die Zeichen der Zeit? Warum haust du nicht ab? Wir können auch davon ausgehen, dass er in politisch informierten Kreisen unterwegs war und genau wusste, was passierte. Aber er wollte es nicht wahrhaben. Die Frage stellt sich automatisch: Wie schnell kann politische Stimmung kippen, wie schnell kann Gewalt ausbrechen in einer Art und Weise, wie wir es nicht für möglich gehalten hätten? Dessen immer wieder gewahr zu werden, vielleicht ist es das, was uns diese Geschichte mitgeben kann. Was wussten Sie vor Beginn der Recherche über Isidor? Es gab tatsächlich nur eine Anekdote über ihn. Und zwar diese Bankettszene, die mein Großvater als Teenager immer mitspielen musste. Die hat er manchmal in der Familie erzählt, aber viel mehr nicht. Irgendwas an diesem Typen Isidor hat mich gereizt. Ich habe eine Affinität für Menschen, die sich am eigenen Schlafittchen aus dem Schlamassel ziehen. Aus einem sozialen Milieu ausbrechen und sagen, ich will mein Leben verändern. Er ist ein Selfmade-Man, und dann gab es auch viele Selfmade Women. Es gab ein unglaublich lebendiges Familienleben vor der Shoah, das hat auch meine Familie überrascht. Da kam Licht in etwas, wo vorher nur ein dunkles Loch war. Und es gibt einen wehmütigen Moment. Den spüre ich auch immer sehr stark, wenn ich durch diese Stadt gehe. Welche Rolle spielt diese Stadt heute in Ihrer Familie? Die Stadt, in der Ihr Großvater Walter, als er nach dem Krieg wieder herkam, beim Aufsuchen der alten Familienwohnung die Worte „Der Jud’ is wieda doa!“ hörte. Exil und Vertreibung bedeuten immer einen zweifachen Heimatverlust. Du wirst rausgeschmissen aus dem Land. Das ist der erste Verlust. Aber wenn du wiederkommst, findest du nicht mehr das Land vor, das du einmal verlassen hast. Ich bin mit einer großen Ambivalenz gegenüber Wien aufgewachsen. Die hat mein Großvater uns, glaube ich, vererbt. Diesen Schmerz, diese Wunde – und gleichzeitig auch eine wahnsinnige Sehnsucht nach dieser Stadt. Mit dieser Hassliebe sind wir aufgewachsen. Und jetzt? Je öfter ich jetzt in Wien bin, desto weniger ist es eine Hassliebe. Es ist ein irres Geschenk, hier sein zu können. Ich finde diese Stadt fantastisch. Aber die Wehmut ist da. Ich denke mir, was wäre gewesen, wenn... Diese große weite Weltgeschichte ist nun mal geschrieben. Ich fühle mich aber dieser Stadt verbunden. Sie ist ein Teil meiner Familie, Teil meiner Familiengeschichte. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich gehöre so ein bisschen dazu. Dafür bin ich sehr dankbar. Und es ist wahnsinnig schön, dass die Geschichte wieder hierher kommt. Ich bilde mir manchmal ein, der Isidor guckt von irgendwo melancholisch schmunzelnd herunter, vielleicht aus seinem Fenster im Palais, und denkt sich, ja, jetzt bin ich wieder da. Sie haben eine Zauberszene am Zentralfriedhof erlebt. Ich bin wirklich kein religiöser oder spiritueller Mensch. Aber bei den Recherchen zu „Isidor“ in Wien hatte ich das Gefühl, irgendjemand zieht hier irgendwelche Fäden, wer auch immer. Wo ich hinkam, gab es seltsame Dinge, die sich ereigneten. (lacht). Ich wusste nicht, wo sich das Grab genau befand. Es war ein sehr, sehr schöner Sommertag, ich war fast allein, es war mitten in der Woche. Wie poetisch dieser Friedhof sein kann, muss ich Ihnen nicht weiter beschreiben. Und dann waren plötzlich alle diese wilden Tiere da. Und vor Isidors Grab stand ein Reh. Ich glaube nicht an Inkarnation, aber man hätte es glauben können, wenn man so gepolt wäre. Das war unglaublich. Surreal, aber schön.