"Der bindungsorientierte Erziehungsgedanke findet im Baby- und Kleinkindalter inzwischen starken Niederschlag", sagt die deutsche Erziehungsberaterin Inke Hummel . "Mir ist wichtig, dass er auch bei Teenagern mehr gesehen wird." Nach ihrem Bestseller "Miteinander durch die Pubertät" (2020) bringt die studierte Pädagogin und Germanistin nun mit "Redet nicht. Räumt nicht auf. Lieb ich trotzdem." einen Ratgeber für Buben-Eltern auf den Markt. Im KURIER-Interview spricht sie darüber, was in konfliktreichen Zeiten hilft und wie man herausforderndes Teenager-Verhalten verstehen lernt. KURIER: Ist es schwieriger, Buben beim Erwachsenwerden zu begleiten als Mädchen? Inke Hummel : Es bringt beides Herausforderungen mit sich. Oft sind es Klischees über Teenager-Jungs, die Eltern Angst machen. Medienberichte oder Serien wie "Adolescence" zeichnen oft ein Bild von zunehmender Aggression bei jungen Männern. Es zeigen sich statistisch seit der Coronazeit zwar einige Veränderungen, aber da muss man sehr differenziert betrachten, welche Gruppen und welche Arten von Gewalt betroffen sind, sodass eine pauschale Angst ums eigene Kind nicht stimmig ist. Werden sie – überspitzt ausgedrückt – als toxische Machos vorverurteilt? Ich erlebe, dass solche Gedanken bei Eltern tatsächlich Ängste auslösen können und sie im nächsten Schritt auf Distanz zu ihren Söhnen gehen, anstatt in schwierigen Zeiten in Beziehung zu bleiben. Was irritiert Eltern am meisten, wenn ihre Kinder zu Teenies werden? Die Erkenntnis, dass man nur noch Begleitung ist. Man hat kein kindliches Gegenüber mehr, sondern – und das wünschen wir uns als Eltern ja – ein selbstsicheres Gegenüber mit einem eigenständigen Leben, von dem wir vielfach nichts mehr mitbekommen. Man muss mehr Kompromisse suchen und dafür aus der eigenen Komfortzone hinausgehen. Klassische Erziehungsstrategien greifen nicht mehr. Ja, weil Gummibärchen oder Playmobil zu versprechen nicht mehr zum Ziel führt. Einen Vierjährigen kann man im Notfall auch mal wegtragen, das geht beim 14-Jährigen nicht mehr. Wir müssen uns bemühen, am Leben des Jugendlichen dranzubleiben, an seine Interessen anknüpfen und ihm signalisieren, dass wir wissen wollen, wer er ist. Sie schreiben, dass man Konflikt am besten über Beziehung löst. Muss der Grundstein dafür früh gelegt werden? Das Beste ist, wenn man die Grundlage für Beziehung in den ersten sechs Lebensjahren legt. Wenn Kinder das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie gehört werden und ein Mitspracherecht haben, fördert das Vertrauen. Ich habe aber auch Eltern, die zu mir kommen und beschreiben, dass sie es nicht besser gewusst haben und dachten, dass es ohne Strafen nicht funktioniert. Auch dann besteht noch die Möglichkeit, etwas zu verändern. Es ist aber schwieriger, weil die Kinder verständlicherweise ein Misstrauen in sich spüren. Das sind typische Prozesse, die ich in Beratungen begleite. Was passiert auf neurobiologischer Ebene in der Pubertät? Wichtig für Eltern zu wissen ist, dass Kinder in dieser Zeit wirklich verpeilt und verplant sind und nicht gut Prioritäten setzen können – und dadurch vielleicht schneller zur Party gehen als Mathe zu lernen. Oder im Zimmer hocken, weil sie gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Das gehört dazu, ebenso wie die Tendenz zu riskanterem Verhalten. Sie ticken in der Reizverarbeitung noch anders. Es muss mehr Abenteuer reinkommen. Und oft denken sie nicht an die Folgen, weil sie in der Wahrnehmung sehr im Hier und Jetzt sind. In männlichen Cliquen wird das Risikoverhalten durch Gruppendynamiken oft verstärkt. Aus dem Bett bekommt man Teenager auch nur schwer. Da ist es relevant, über das Schlafhormon Melatonin Bescheid zu wissen. Jugendliche werden später müde und später wach. Da können sie nichts dafür. Als Elternteil muss man hier lenken und sichergehen, dass nicht um Mitternacht noch groß gekocht wird. Aber auch sehen, dass sie sich nach der Schule ausruhen müssen und nicht faul sind. Viele Buben vergleichen sich in der Pubertät stark mit Gleichaltrigen. Wie geht man mit Unsicherheiten um? Es ist wichtig zu wissen, dass das eine Phase ist. Gruppenzugehörigkeit ist in diesem Alter besonders wichtig. Wichtig ist, dass man als Elternteil eigene Erfahrungen teilt und sich – wie ich immer sage – nackig macht, damit echtes Mitgefühl entstehen kann. Und dem Kind Räume öffnet, wo es gemocht wird, ohne Wenn und Aber. Durch Hobbys, Ehrenamt oder andere Aktivitäten. Das kann helfen, gestärkt und selbstbewusster durchs Leben zu gehen. Gespräche über Körper, Sexualität und Gefühle sind oft schwierig. Wie bleibt man in Kontakt, ohne die neuen Grenzen zu verletzen? Wesentlich wäre, dass man solche Gespräche schon früh etabliert. Dass das Reden über Sexualität zum Sachthema wird, wie Recycling. Wenn Eltern das selbst nicht gut gelernt haben, gibt es inzwischen coole Bücher oder gute Informationsbroschüren, die helfen. Und ich rate, immer wieder anlassbezogen Beziehungsangebote zu machen. Ist die Pubertät heute herausfordernder als früher? Früher waren Generationenkonflikte Synonym für die Pubertät. Wenn wir die Kinder in Beziehung begleiten und sie sich zu Hause zeigen dürfen, wie sie sind und Fehler nicht dazu führen, dass sie beschämt und bestraft werden, hat man die Chance, dass es leichter wird. Das heißt nicht, dass es keine Konflikte gibt, aber, dass man sie zusammen gut austragen kann. Wann sollte man professionellen Rat einholen? Wenn es Familienmitgliedern seit Wochen nicht gut miteinander geht und keine Lösung am Horizont ist. Oft reicht ein Gespräch, um anders auf die Situation zu schauen.