2.000 Euro für mentale Geburtsbegleitung: Warum leistet man sich das?

Wer eine Einladung zu einem „ Blessingway “ erhält und sich darunter nichts vorstellen kann, könnte im ersten Moment irritiert sein. Der „Segensweg“ ist eine andere Form der Babyparty . Nur steht hier nicht das Ungeborene, sondern die Mutter im Mittelpunkt, die mit teilweise ungewöhnlichen Ritualen in ihrer mütterlichen Kraft bestärkt werden soll. Es könnte passieren, dass dabei ihr Bauch mit Fingerfarben bemalt wird, die Gäste auf Percussion-Instrumenten trommeln oder minutenlang einen chilenischen Kanon anstimmen, der mit den Worten „Machi machi machi“ die heilende Wirkung einer Medizinfrau besingt. Vielleicht gibt es sogar ein Fußbad inklusive Massage für die Schwangere, jedenfalls aber beherzte Worte und aufmerksame Gesten. Durch das Fest führt häufig eine Doula . Die moderne Doula-Bewegung kommt, wie so oft, aus den USA. Doulas sind Dienerinnen oder auch Freundinnen auf Zeit, die werdenden Müttern vor, während und nach der Geburt emotional und körperlich zur Seite stehen. Sie haben keine medizinische Ausbildung, ergänzen also höchstens die Arbeit einer Hebamme und sind mittlerweile auch in Österreich stark vertreten. Rund 350 Doulas zählt das Doula-Kollektiv für Österreich. Der steirische Verein „ Doulas in Austria “, der den Geburtshilfe-Nachwuchs ausbildet und vor zwanzig Jahren von Angelika Rodler gegründet wurde, kommt heute auf 240 Mitglieder zwischen Wien und Vorarlberg. „Es ist ein kontinuierliches Mehrwerden“, sagt Rodler. Manche praktizieren ehrenamtlich, andere nebenberuflich und einige haben es geschafft, die mentale Schwangerschaftsbegleitung zum Brotberuf zu machen. Die mentale Geburtsbegleitung: Ein neues Verwöhnprogramm für konsumstarke Schwangere? Stephanie Johne alias „Warrior Woman“ war früher Redakteurin, heute ist sie hauptberuflich Doula. Über 200 Frauen hat sie bereits begleitet, drei bis vier Familien betreut sie pro Monat. Als sie vor zehn Jahren damit gestartet hat, verlangte man in ihrer Branche pauschal oft 350 Euro für die gesamte Leistung. „Es ging nicht um den wirtschaftlichen Aspekt“, erzählt sie – zumindest in Österreich. Am Beispiel anderer europäischer Länder wie den Niederlanden, wo die Geburtsbegleitung von Doulas sogar teilweise eine Kassenleistung ist, wagte Johne das Experiment Vollzeit-Doula – und „die Resonanz war riesig“. 1.390 Euro kostet ihr Basis-Paket, 2.290 Euro das Verwöhnprogramm, das z. B. einen Geburtswegweiser, sechs Treffen in der Schwangerschaft, eine vierwöchige Rufbereitschaft inklusive Geburtsbegleitung, einen Wochenbettbesuch und eine Yoga-Einheit zur Rückbildung beinhaltet. Johne ist klar, dass es sich hier um eine Luxusleistung handelt, möchte die Kosten dennoch in einen Kontext setzen: „Es gibt so viele Übergänge im Leben, wo wir bereit sind, viel Geld auszugeben.“ Die Hochzeit um 30.000 Euro, der neue Bugaboo-Kinderwagen um 1.500 Euro. „Das ist ein Zeitphänomen, das spezifisch für eine gewisse soziale Schicht ist“, erklärt Ines Grössenberger , Referentin für Frauenpolitik der Arbeiterkammer Salzburg. Der Wohlstand und der gesellschaftliche Erwartungsdruck wären so weit, dass der Markt darauf reagiert und neue Angebote schafft. „Es werden Bedürfnisse geweckt, die es vielleicht gar nicht gäbe, wenn man nicht darauf aufmerksam macht“, sagt sie. Johne ist sich dieser Bedürfnis-Weckung bewusst und hat deshalb eine Zielgruppe definiert, „die sich das leisten kann.“ Das gebe ihr im Umkehrschluss die Möglichkeit, regelmäßig ehrenamtliche Begleitungen zu übernehmen. Hat sie selbst keine Kapazitäten, ließe sich über das Doula-Netzwerk jemand ausfindig machen, der einspringt, verspricht sie. Und auch Trainerin Angelika Rodler bestätigt, dass „die meisten Doulas offen für eine ehrenamtliche Begleitung sind.“ Ziel ist, dass jede Frau, die eine Doula braucht, auch eine bekommt. Doch häufig käme die Erkenntnis zu spät, sagt Johne. Wenn die Geburt des ersten Kindes nicht wie erhofft verlaufen ist, Frauen sich „vom medizinischen System im Stich gelassen gefühlt haben“. Zweitgebärende, die sich eine positivere Erfahrung wünschen, sind deshalb die Hauptkundschaft der Doulas. Und sie sind auch jene, die meist selbst entscheiden, diesen Berufsweg einzuschlagen. Medizinisch überbetreut. Dennoch wird privat viel für die Geburt bezahlt. Warum? Klar ist: In Österreich sind werdende Mütter medizinisch gut versorgt. „Für Mutter und Kind ist in der Phase von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zur anschließenden Nachsorge eine umfassende medizinische Betreuung sichergestellt“, teilt die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) auf KURIER-Anfrage mit. Sämtliche erforderliche Untersuchungen und Behandlungen sind abgedeckt – vom Ultraschall in der Schwangerschaft bis zum Beckenbodentraining nach der Geburt. Nicht inkludiert sind Leistungen von Doulas oder spirituellen Begleiterinnen, da sie laut ÖGK nicht über die fachliche Qualifikation verfügen. In der Theorie verursacht eine Geburt also keine privaten Kosten – dennoch sind viele Familien bereit, für ein Extra-Service viel Geld auszugeben. In der Wiener Privatklinik Goldenes Kreuz kostet ein fünftägiger Aufenthalt im Zweibettzimmer rund 2.800 Euro – Zusatzangebote sind mit Aufpreis natürlich erhältlich. Eine Wahlhebamme bei der Geburt kommt im Schnitt auf 2.000 Euro. Auch das leistet man sich, obwohl die Krankenkasse eine kostenlose Betreuung stellen würde. Warum also? „Das medizinische System ist großartig, da sind wir völlig überbetreut“, räumt Stephanie Johne ein. Dennoch wäre in ihren Augen die Geburtshilfe in eine „extreme Schieflage“ geraten. „Früher waren Geburten eine Gemeinschaftsaufgabe und etwas Individuelles. Heute werden Kreißsäle geschlossen und Geburten immer mehr in die großen Spitäler verlagert.“ Ein aktuelles Beispiel ist die Klinik Hietzing in Wien, die ihre Geburtenstation schließt . In Vorarlberg wiederum wird seit heuer nicht mehr im Landeskrankenhaus Bludenz entbunden , sondern nur am Standort Feldkirch. Die mentale Fürsorge käme bei der hohen Betreuungsdichte häufig zu kurz oder wird „komplett ausgeklammert“ kritisiert die Doula. Dabei wäre das medizinische Personal auch hierfür ausgebildet. Einschätzung einer Hebamme: Braucht es zusätzliche mentale Betreuung? „Die psychologische, physiologische aber auch regelwidrige Geburt, die emotionale, ganzheitliche Begleitung, das ist alles in unserer Basisausbildung drinnen“, berichtet Wahlhebamme Martina Koll-Braun und ergänzt: „Es gibt derzeit genug Hebammen in Österreich und wir können kontinuierliche Begleitung abdecken, aber der Personalschlüssel gibt es oft nicht her.“ Koll-Braun betreut primär Mütter im Raum Wien. Ihr Hausgeburtenpaket kostet 3.100 Euro. Dabei arbeitet sie im Doppel, um die Mutter nicht nur medizinisch, sondern auch mental durchgehend zu betreuen. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass Klientinnen zusätzlich eine emotionale Begleitung engagieren. „Hat eine Gebärende keine Begleitperson, kann es hilfreich sein, eine vertraute Person um sich zu haben“, sagt dazu die Hebamme. Ist eine Vertrauensperson aus Familie oder Freundeskreis vorhanden, könnte eine Geburt schnell „überfüllt“ sein oder Rollenzuteilungen verschwimmen. Deshalb merkt die Hebamme an, dass es am besten wäre, wenn „alle Personen, die professionell eine Begleitung anbieten, in der Physiologie, Pathologie und Psychologie eine fundierte Ausbildung haben.“ Für eine „großartige Idee“ hält sie wiederum „Wochenbett-Doulas“, die Mütter nach der Geburt umsorgen, frisches Essen zubereiten und unterstützen, wenn das medizinische Personal seine Arbeit verrichtet hat. Ein täglicher Hausbesuch von einer Hebamme ist schließlich nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nur bis zum fünften Tag nach der Geburt gedeckt. Wer mehr Betreuung will, muss das Portemonnaie zücken. Doula: "Geht es immer nur darum, es irgendwie zu schaffen?" „Irgendwie haben wir es auch ohne Begleitung geschafft“, hört Doula Stephanie Johne von ihrer eigenen Mutter und Großmutter. „Aber geht es immer nur darum, es irgendwie zu schaffen?“, fragt die Zweifach-Mama retour. „Natürlich schafft man es auch ohne. Aber tief drin liegt so viel Potenzial für langfristige mentale Gesundheit und eine bessere Familienstruktur.“ Wenn eine Mama in ihrer Kraft ist, wären auch Kinder in ihrer Kraft, ist die Doula überzeugt. Und vielleicht sogar Partnerschaften gesünder. Exkurs: Wie spirituell darf es sein? Auch wenn es auf den ersten Blick und  auf den meisten Doula-Websites anders wirkt: Die wenigsten Doulas sollen ein Faible für  übersinnliche Riten haben. „Ich würde behaupten, dass 80 Prozent der Doulas gar nicht spirituell sind“, sagt Stephanie Johne. Dabei gibt es auch hier einen Markt, der bedient wird. Katalin Kardos ist spirituelle und ganzheitliche Mentorin. Sie begleitet ihre Kundschaft auf unterschiedlichsten Lebenswegen – 70 Prozent ihrer Aufträge aber kommen von werdenden Müttern oder Frauen mit Kinderwunsch, erzählt sie. „Bei meiner Begleitung ist die Einzigartigkeit, dass ich die Mama sehe und sie energetisch mit dem eigenen Kind verbinde.“ Seit sieben Jahren ist Kardos selbstständig und hauptberuflich in dem Bereich tätig. Ihre Klientel ist eine mit „höherem Lifestyle“. 550 Euro kostet ein „Blessingway“ inklusive Kerzen und Blumen. Die persönliche Begleitung über die ganze Schwangerschaft hinweg kommt auf 3.330 Euro und für das knappere Budget gibt es die Online-Begleitung „Neun goldene Monate“ um 249 Euro. Wer ihre Leistung in Anspruch nehmen will, sollte jedenfalls offen dafür sein, merkt die Mentorin an. „Es ist sehr hochqualitativ, was ich mache“, verspricht sie und ist überzeugt: Es lohnt sich.