Szenen einer Zerrüttung: Wie es zum Eklat bei den Salzburger Festspielen kam

Einstimmig und „mit großer Freude“ hat das Kuratorium der Salzburger Festspiele 2013 die Ernennung von Markus Hinterhäuser zum Intendanten ab 2016 bekannt gegeben. Ebenso einstimmig, wenn auch mit anderen Gefühlen, hat das gleiche Organ (in anderer Besetzung) am Donnerstag das Ende von dessen Amtszeit eingeläutet. Längstens bis 2027, aber vielleicht nur noch bis September soll Hinterhäuser bleiben. Was aber geschah zwischen den beiden einstimmigen Kuratoriumsbeschlüssen? Der KURIER versammelt die Szenen einer Zerrüttung. Erste Szene: Alles für die Kunst – und sonst? Der Chef der Salzburger Festspiele muss Unvereinbares unter einen Hut bringen: Er muss glaubhaft vermitteln, dass das Publikum für die immensen Kartenpreise die allerhöchste Kunst erlebt. Und er muss die Glitzerseite der Festspiele – von „Jedermann“ bis zum Societyauflauf – zumindest unfallfrei absolvieren. Rasch war klar: Hinterhäuser fremdelt mit seiner Rolle als Gastgeber. Die Ernsthaftigkeit, mit der er die künstlerische Seite der Festspiele hochschraubte, konnte er dort nicht ablegen, wo ein Festspiel- eher zum Zirkusdirektor werden muss. Auch die Öffentlichkeitswirksamkeit eines Festspiels ist heute – in Zeiten klammer Kassen und beständiger Attacken auf die Kultur – essenziell. Hinterhäuser zeigte sich hier im Ausgleich zwischen den beiden Jobteilen gefordert. Sein ungerührtes Beharren etwa auf Teodor Currentzis, der wegen seiner Russland-Nähe fast überall anders von den Spielplänen verschwand, dokumentiert die überschießende Priorität, die Hinterhäuser dem Künstlerischen zugesteht – mit Erfolg, aber ohne Rücksicht auf reale Umstände. Zweite Szene: Land unter in der Politik Das wurde auch in seiner Beziehung zur Regionalpolitik zum Problem: Gerade Landespolitiker reagieren rasch verschnupft darauf, wenn ihnen nicht die nötige Ehr’ zuteil wird. Hier hielt die Superdiplomatin Helga Rabl-Stadler Hinterhäuser als Präsidentin den Rücken frei. Nach deren Abtritt verschlechterte sich das Verhältnis zur Politik ebenso rasch wie jenes zur neuen Präsidentin, Kristina Hammer. Dass Hinterhäuser laut Kuratorium bei der eskalierenden Sitzung Entschuldigungen (!) von Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) und Bürgermeister Bernhard Auinger (SPÖ) gefordert haben soll, bezeugt eine völlige Unberührtheit von Machtrealitäten und der eigenen Rolle. Dass die Salzburger Landespolitik bisher kein öffentliches Signal abgesetzt hat, wie sie mit den Folgen umzugehen plant, steht auf einem anderen Blatt. Dritte Szene: Anschwellende Kritikgesänge Schlechte Stimmung und schlechtes Benehmen dürften nicht mehr länger durch gute Kunst entschuldigt werden , heißt es aus dem Kuratorium. Das ist ein ganz entscheidender Punkt: Hinterhäuser hat sich immer mehr Macht bei den Festspielen gesichert, und war mit immer mehr Kritik an seinem Führungsstil konfrontiert. Vieles unter der Hand, aber nicht alles. Eines der wenigen offiziellen Dokumente lieferte die ehemalige Schauspielchefin, Marina Davydova . Diese schrieb in einem später entschärften Artikel : „Ich hätte nicht daran geglaubt, dass ich 2024 im Zentrum Europas und nach allen MeToo-Wellen einen Intendanten treffe, der eine Frau anschreit“. Auch der Umgang Hinterhäusers mit einer Klassik-Onlineplattform – er klagte – und die kurzfristige Absetzung der letzten „Jedermann“-Variante von Michael Sturminger verfestigten das Bild seiner Machthaberei. Dass in der Vertragsvereinbarung zu 2027 bis 2031 eine „Wohlverhaltensklausel“ überhaupt enthalten war, die nun griff, lässt sich als klares Indiz dafür lesen, dass der Führungsstil Hinterhäusers nicht mehr zeitgemäß war. Vierte Szene: Die Brüskierung des Kuratoriums Der Hauptgrund, den das Kuratorium nun für das Ende von Hinterhäusers Amtszeit anführt, kann eigentlich nur atmosphärisch gelesen werden. Hinterhäuser ist in der Frage um die Besetzung der Schauspielleitung, an der der Streit eskalierte, allem Anschein nach im Recht. Auch in Bundeskulturinstitutionen müssen sich die letztlich Auserwählten bei Ausschreibungen nicht bewerben, sonst würde man die wichtigsten Kulturmanager gar nicht bekommen. Dass Karin Bergmann – ehemalige Burgtheaterchefin – das nicht tut, ist klar. Dass Hinterhäuser aber den Wink mit der Salzburger Festungsmauer, den ihm das Kuratorium gab, so gar nicht verstand, hat die Tür zu seinem Abschied geöffnet: Wenn ein Kontrollorgan eine Ausschreibung verlangt und klar signalisiert, dass nach dem Ärger um die Bestellung von Davydova nun ein geordneter Prozess stattfinden soll, ist dies als Ultimatum nicht gar so schwer zu lesen. Hier extra wieder auf der eigenen Macht zu beharren, ist zumindest ungeschickt, wenn nicht mehr. Fünfte Szene: Aus der letzten Kurve geflogen Und dann gab es am Donnerstag eben noch eine Sitzung. Für gelernte Österreicher scheint klar, dass hier ein Ausweg möglich gewesen wäre, wenn Hinterhäuser richtig reagiert hätte. Er hat aber, berichtet die APA aus dem Kuratorium, dort kein Einsehen, keine Demut vorgespielt (das würde ja reichen!), keine Besserung gelobt. Sondern auch noch „richtig provoziert“, so sehr, dass ihn sein eigener Geschäftsführer zu kalmieren versuchte. Er hat ein beratendes Kuratoriumsmitglied, Christian Kircher, ausführlich angeprangert. Und am Schluss habe er auch noch das Eingeständnis von zumindest kommunikativen Fehlern zurückgezogen. Einen überparteilichen Apparat wie das Kuratorium so einhellig gegen sich aufzubringen (und nicht gegeneinander auszuspielen), zeigt, dass hier kein Weg mehr zurück geführt hat. Letzte Szene: Was soll aus den Festspielen werden? Bis 20. März muss Hinterhäuser nun entscheiden, ob er im September geht – oder noch die Ausgabe 2027 leitet. Die Festspiele stehen jedenfalls vor einem Scherbenhaufen: Hinterhäuser und die Veranstaltung selbst sind unwiderruflich beschädigt, auch wenn man sich auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit einigen sollte. Teure Gerichtsstreits würden niemanden überraschen. Und wie sich die Landespolitik das weitere Vorgehen – wer soll so rasch übernehmen, außer jemand aus der B-Liga? – vorstellt, ist völlig unklar. Die nächsten Jahre werden ruppig in Salzburg. Ein riesiges Umbauprojekt steht an, und ein künstlerischer Erfolgskurs endet vorzeitig. So mancher wird sich mit Sicherheit fragen, ob das wirklich in der Form nötig gewesen ist – von allen Seiten.