Der burgenländische Ex-Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) will als überparteilicher Kandidat bei der Bundespräsidentenwahl im Jahr 2028 antreten. KURIER: Herr Niessl, Sie sorgen seit Wochen in der Innenpolitik für Diskussionen, weil Sie schon jetzt angekündigt haben, bei der Bundespräsidentenwahl 2028 anzutreten. Warum wollen Sie kandidieren und warum haben Sie das zu einem so frühen Zeitpunkt verkündet? Hans Niessl: Für mich waren die Gespräche mit den Bürgerinnen und Bürgern ausschlaggebend. Als Präsident der Bundes-Sportorganisation Sport Austria bin ich in Österreich sehr viel unterwegs und arbeite überparteilich für den Sport. Da haben mich viele angesprochen, dass es einen Bundespräsidenten benötigt, der überparteilich agiert, der sowohl mit ÖVP, FPÖ und den Grünen zusammengearbeitet hat. Bis auf die Grünen und die Neos waren Sie ja mit allen anderen in einer Landesregierung. Ich glaube, ich bin der Einzige in Österreich, der mit der ÖVP über 14 Jahre eine Koalition gehabt hat und der viereinhalb Jahre mit den Freiheitlichen regiert hat. Ich habe eine gewisse Zeit im Spiel der freien Kräfte mit den Grünen einige Beschlüsse zusammengebracht. Nicht zuletzt habe ich als Sport-Austria-Präsident mit Sportminister Werner Kogler von den Grünen fünf Jahre gut zusammengearbeitet. Ich kann beweisen, dass es nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, dass ich mit allen zusammenarbeiten will. Was sagen Sie zu der kolportierten Vermutung, dass hinter Ihrer Ankündigung Ihr Landeshauptmann Hans Peter Doskozil steckt, der damit Unruhe in die SPÖ bringen wollte? Ich bin überzeugt davon, dass Hans Peter Doskozil keine Unruhe in die SPÖ bringen will. Ihm geht es immer vielmehr darum, seine Vorschläge mitzuteilen. Er kann im Burgenland auch auf eine sehr gute Arbeit und gute Wahlergebnisse verweisen. Mit meiner Kandidatur bei der Bundespräsidentenwahl hat das aber überhaupt nichts zu tun. Wir wollen keine Unruhe. Ich bin in der Mitte positioniert und die Mitte verbindet. Sie ist sozusagen die Brücke zu den anderen politischen Parteien. Aber er war vorinformiert, oder? Er war nicht vorinformiert. Sie haben Ihren Frühstart nicht zuletzt damit begründet, dass es nicht so einfach sei, wenn man überparteilich kandidiert. Man muss schauen, dass man das Geld für einen Wahlkampf zusammenbringt. Deshalb sei es gut, früh damit anzufangen. Die wesentliche Voraussetzung für einen Antritt ist, dass man professionelle Strukturen hat. Dazu war ich in den vergangenen Tagen sehr intensiv unterwegs, um Voraussetzungen zu schaffen und Weichenstellungen vorzunehmen. Da sind wir auf einem guten Weg. Wenn das endgültig gelungen ist, kann ich fix sagen, dass ich antreten werde. Entscheidend ist dafür, dass es das nötige Wahlkampfbudget gibt. Für mich ist es immer wichtig, dass die Finanzen passen. Das muss solide sein, um einen Wahlkampf professionell führen zu können. Da sind wir aktuell schon dabei, das aufzustellen. Das muss auch formalrechtlich in Ordnung abgewickelt werden, damit es jeder Überprüfung standhält. Haben Sie sich eine bestimmte Summe als Latte vorgenommen, um dann in den Wahlkampf einzusteigen? Es ist eine nicht unbeträchtliche Summe notwendig, um einen professionellen Wahlkampf machen zu können. Wenn man nur von ein paar 100.000 Euro ausgeht, wird man das österreichweit nicht machen können. Das müssten schon höhere Beträge sein. Überparteilicher Kandidat kann auch heißen, dass Sie von mehreren Parteien unterstützt werden. Etwa von der ÖVP, wenn diese keine Kandidatin oder keinen Kandidaten aufstellen will. Hat es da schon Gespräche gegeben? Es hat keine offiziellen Gespräche mit der ÖVP gegeben. Aber es gibt durchaus ÖVP-Leute, die es für gut finden, dass ich den Weg der Mitte gehe. Es wird jetzt vielleicht nicht von der Partei ÖVP, aber durchaus von ÖVP-Wählern und Funktionären Unterstützung geben. Aber ob das dann eine gemeinsame Kandidatur oder eine Unterstützung als überparteilicher Kandidat ist, kann ich jetzt noch nicht sagen. In meiner Plattform werden jedenfalls Vertreter der Sozialdemokratie, der ÖVP, der FPÖ und vielleicht auch der Grünen sein. Wie hat sich eigentlich Ihre Partei, die SPÖ, nach der Ankündigung verhalten. Hat Sie vielleicht sogar Bundesparteichef Vizekanzler Andreas Babler angerufen? Er hat mich nicht angerufen. Wir haben diesbezüglich keinen Kontakt. Dafür hat Arbeiterkammerpräsidentin Renate Anderl in der ORF-Pressestunde gesagt, dass sie gegen Ihre Kandidatur ist, dass sie lieber eine Frau in der Rolle sehen würde. Das ist so zur Kenntnis zu nehmen. Ich habe damit kein Problem. Wenn die Frau Präsidentin glaubt, dass eine Frau mehr geeignet ist, kann ja eine Frau antreten. Letztlich entscheiden die Österreicherinnen und Österreicher, wen sie wählen. Und wie war die Resonanz in Ihrer Landespartei, Burgenlands SPÖ? Im Burgenland, in der Landespartei gibt es eine große Zustimmung. Ich bin erst vor Kurzem im Südburgenland bei einer Ausstellungseröffnung gewesen, wo sehr viele Menschen – über alle Parteigrenzen hinweg – anwesend waren. Da gab es durchwegs positive Reaktionen. Ich weiß schon, das Burgenland ist nicht Österreich. Aber ich war vor dem Interview in einem Kaffeehaus in Wien und auch da gab es Zustimmung zu meiner Kandidatur. Wenn Sie als überparteilicher Kandidat antreten wollen, müssen Sie dann nicht aus Ihrer Partei, der SPÖ, austreten? Ich habe mir das noch nicht genau angeschaut. Aber vielleicht muss ich die Mitgliedschaft während des Wahlkampfes ruhigstellen, das ist nicht unüblich. Interessant war, dass der ehemalige Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer von der FPÖ die Geschäftsführerposition bei einer Fima, an der auch Sie beteiligt sind, aufgegeben hat, weil Sie die Kandidatur angekündigt haben. Was haben Sie sich gedacht, als Sie das gehört haben? Persönlich habe ich mir gedacht, vielleicht möchte er selbst auch noch einmal antreten. Es ist ihm unbenommen, zur Bundespräsidentenwahl anzutreten. Eventuell wird er ja wieder von der FPÖ nominiert. Das war mein erster Gedanke. Zur aktuellen Politik: Das muss dieser Tage für Sie ein Deja-vu gewesen sein, dass Ihr Bundesparteichef bei der Migrationspolitik nun einen härteren Weg gehen will. Sie waren in der SPÖ für so einen Weg immer kritisiert worden. Ich finde das alles sehr interessant. Ich bin kritisiert worden, als ich den Assistenzeinsatz des Bundesheeres an der burgenländischen Grenze gefordert habe. Da hat es sehr böse Stimmen gegen mich gegeben. Einige haben sogar gesagt, ob die im Burgenland wahnsinnig sind, weil sie in Friedenszeiten auf Migranten schießen wollen. Aber wir haben die Assistenzleistung durchgesetzt und Hans Peter Doskozil hat das damals an der Grenze hervorragend gemanagt. Und es hat dort keine Übergriffe gegeben. ZUR PERSON Hans Niessl (74) Der Burgenländer war Lehrer und Schuldirektor, ehe er in die Politik einstieg. Zuerst als Bürgermeister von Frauenkirchen, dann von 2000 bis 2019 als Landeshauptmann der SPÖ im Burgenland. Die Kritik in der Partei hat es dennoch gegeben. Im Jahr 2015 habe ich schon gesagt, es gibt eine Grenze des Möglichen. In der Pädagogik etwa. Da weiß man, wenn eine Klasse zu groß ist und zu viele Nationen mit verschiedenen Sprachen da sind. Oder im Gesundheitsbereich, im Sozialbereich etc. Genau diese Überforderung ist jetzt eingetreten, wovor ich 2015 sehr intensiv und unter massiver Kritik auch gewarnt habe. Es ist jetzt für mich keine Genugtuung, aber es ist gut, dass Andreas Babler dieses Thema aufgreift. Weil immer der Vorwurf gekommen ist, das ist rechts, was der Niessl gesagt hat. Das sei ein Thema der FPÖ und nicht der SPÖ. Da hatte es damals gereicht, dass man das Wort Asyl in den Mund genommen hat. Umso besser ist es, wenn Babler das jetzt aufgreift, denn damit ist das Thema ja nicht rechts. Wie beurteilen Sie das Tauziehen in Ihrer Partei um einen Gegenkandidaten am Bundesparteitag am 7. März? Hätten Sie es befürwortet, wenn Ex-Bundeskanzler Christian Kern gegen Andreas Babler angetreten wäre? Ich sage grundsätzlich, dass Gegenkandidaten in der Geschichte der Sozialdemokratie durchaus Tradition haben. Auch Bruno Kreisky hat eine Kampfabstimmung gegen Hans Czettel gehabt, auf dem Parteitag wurde Kreisky dann mit 70 Prozent gewählt. Danach hat die große Ära der Sozialdemokratie mit Kreisky an der Spitze begonnen. Das haben damals übrigens die Freiheitlichen ermöglicht. Insofern ist es immer gut, wenn es eine Auswahl gibt. Da Christian Kern aber nicht antreten wird, gibt es jetzt nur einen Kandidaten, der gewählt wird. Das ist auch okay.