Alles begann mit einer Gans. Na gut, eigentlich mit Hitchcock . 1973 porträtierte Albert Watson den legendären Regisseur für die Modezeitschrift Harper’s Bazaar . Der Auftrag: Sein Foto solle dessen Rezept für eine Weihnachtsgans illustrieren. Watson packte die Gelegenheit für eine gewagte Idee beim Schopf – und Hitch mit Dackelblick sodann die tote, gerupfte Gans am umgedrehten und mit Mascherl verzierten Hals. Das war makaber und überraschend, heikel und witzig, alles zugleich. „Ein Wendepunkt“, sagt Albert Watson. Für den Mann aus Edinburgh startete eine Weltkarriere. Fortan fotografierte er die berühmtesten Menschen der Welt. Jack Nicholson , eingeschneit im Holzsessel, als hätte man ihn mitten im Winter draußen im Garten vergessen. Keith Richards mit Zigarette in der totenkopfberingten Hand, aus seinem Mund stülpen sich Rauchwölkchen hoch, kaum zu unterscheiden von der lockigen Haarpracht. Mick Jagger mit Leopardenkopf als Doppelbelichtung, Mike Tysons Stiernacken, Steve Jobs mit stahlhartem Adlerblick, Jude Law als weichgezeichneten Teenieschwarm. Und selbstverständlich jede Menge Supermodels: Cindy Crawford , Adriana Lima , Rachel Williams , Yasmeen Ghauri . Kate Moss , nackt. Oder Christy Turlington , in einem Meisterwerk der Komposition, das Antlitz halb ins Dunkel, halb ins Licht getaucht, den Kopf nach hinten gelegt, die schweren Augen suchen nach einem mysteriösen Punkt fern unseres Blickfelds, während Rauch aus ihrem Kussmund qualmt, als hätte sie gerade eine Gewehrkugel mit dem Mund gefangen – ein letzter Seufzer? Reduzierter Maximalismus „Ein Bild muss die Kraft der Einprägsamkeit haben, etwas, das einen gleich packt“, sagte Watson einmal der Vogue , was Sinn macht: Für die Modebibel hat er mehr als hundert Titelseiten fotografiert (seine liebste: die September-Ausgabe 1984, mit Jerry Hall ). Das ist ihm gelungen – nicht übel für einen Fotografen, der seit seiner Geburt auf einem Auge blind ist. Es sind entrückte Porträts, die Watson der Welt schenkt; von Personen, deren Wesen aufs Wesentliche verdichtet ist, technisch perfekt inszeniert. Ob Andy Warhol , David Bowie , Pamela Anderson oder Sade – Watson, ein Meister des Lichts, lässt uns eintauchen in eine klinisch hochstilisierte, anmutig distanzierte Scheinwelt. Beim Betrachten seiner Bilder stellt sich das Gefühl ein, dass er stets etwas weglässt – nur um die Essenz umso deutlicher hervortreten zu lassen. Ein reduzierter Maximalismus, grafisch klar gekantet, heroisch, statuesk. Er selbst, in der Branche als „Fotograf der Fotografen“ geehrt, spricht sogar von einer Optik von „blankem Edelstahl“. Neues Buch Das Buch „Kaos“ bietet nun einen facettenreichen Überblick über sein Lebenswerk, denn einschränken ließ Watson sich nie: Neben den Star-Fotos gibt es Landschaften von Schottland bis Las Vegas, Aktfotos, Stillleben, Fotoessays. Der Grund: pure Leidenschaft für die Fotografie. „Ich wollte nicht nur Landschaften oder nur Mode fotografieren“, sagt er einmal. „Ich wollte alles fotografieren, was ich konnte.“ Auch legendäre Objekte legendärer Menschen, etwa den NASA-Raumanzug von Neil Armstrong oder den goldenen Anzug von Elvis Presley : materialisierter Mythos, isoliert betrachtet, aufgeladen mit Historie. Affentheater Geprägt haben Watsons Stil sein Grafikdesign-Studium und Designer wie Milton Glaser oder Saul Bass. Auch Maler wie Gerhard Richter nennt er als Inspiration. Sein Geheimrezept? Planung. In Interviews schwärmt Watson davon, wie wichtig sorgfältige Vorbereitung für ein Shooting ist. Sonst darf es aber durchaus tumultuös zugehen in seinem Leben. Einmal fotografierte er, wie er dem Spiegel erzählte, morgens in Paris Catherine Deneuve , stieg danach in die Concorde nach New York und knipste eine Shampoo-Werbung, im Anschluss flog er nach Los Angeles und porträtierte Frank Zappa : drei Jobs an einem Tag. Die legendären Affen-Fotos entsprangen allerdings dem Zufall. Mit dem Affen Casey hatte er Werbeaufnahmen gemacht, „und zwischen uns war eine Bindung entstanden – der Affe liebte mich.“ Das ging sogar so weit, dass der Schimpanse und Watson zusammen Tee tranken. Danach entstanden die Bilder. Von der Gans auf den Affen gekommen: tierisch genial.