Ayatollah Khamenei: Von der Revolution zum geistlichen Oberhaupt des Iran

Khameneis harter, extrem konservativer Kurs traf in den vergangenen Jahren aber auf wachsenden Widerstand in der Bevölkerung. Bei den Massenprotesten im Iran ist ein Slogan immer wieder zu hören: "Tod dem Diktator" oder "Tod Khamenei". Denn der 86-jährige Hardliner wird für die Wirtschaftsmisere des Iran genauso verantwortlich gemacht wie für fehlende Freiheiten. Aufstieg Khameneis 1989 Seit Jahrzehnten verkörpert Ayatollah Ali Khamenei die Islamische Republik und das schiitische Mullah-System. Allen Widrigkeiten zum Trotz steht er scheinbar felsenfest gegen innere und äußere Feinde, gegen Sanktionen, internationalen Druck und vor allem gegen Israel und die USA. Und trotz seines hohen Alters wurde die Frage seiner Nachfolge öffentlich im Iran nur selten gestellt. Zum Obersten Führer des Iran stieg Khamenei im Juni 1989 nach dem Tod von Republikgründer Ayatollah Ruhollah Khomeini auf. Sollte er nun durch die derzeitige Protestwelle weggefegt werden, wäre das für den Iran das Ende einer Ära, denn mit Khamenei würde der letzte Vertreter der Gründergeneration der Islamischen Republik verschwinden. Khamenei, der 1939 als Sohn eines Geistlichen in der ostiranischen Pilgerstadt Mashhad geboren wurde, gehörte seit seinen Studientagen an den Religionsseminaren in Ghom zum innersten Kreis um den späteren Revolutionsführer Ayatollah Khomeini. Auf Seite der Konservativen Schon früh fiel der junge Geistliche mit einer Vorliebe für Poesie als geschliffener Redner auf. Wegen seiner Aktivitäten in der Opposition gegen die Herrschaft des Schah wurde er wiederholt inhaftiert, nach dem Sieg der Islamischen Revolution 1979 stieg er dann rasch in die Staatsführung auf. Während des nachfolgenden Machtkampfs entkam Khamenei nur knapp einem Anschlag, der seine rechte Hand teils gelähmt ließ. Als Revolutionsführer Khomeini 1989 starb, wurde Khamenei vom Expertenrat zu seinem Nachfolger gewählt. Zwar gehörte er damals als Präsident zur Führung des Landes, doch hatte er nur den mittleren geistlichen Rang eines Hojatoleslam (Hujjat al-Islam). Als er dann zum Ayatollah erklärt wurde, erkannten Teile des Klerus seine Autorität nicht an, und auch sein politischer Führungsanspruch war zunächst umstritten. Zwar konsolidierte Khamenei mit der Zeit seine Position, doch geschah dies um den Preis, dass er sich auf die Seite der Konservativen schlug. In den Machtkämpfen mit den Reformern, die sich während der Präsidentschaft von Mohammad Khatami von 1997 bis 2005 für die politische und kulturelle Öffnung des Landes einsetzten, stellte sich Khamenei immer wieder hinter die konservativen Hardliner. Streng konservatives Weltbild Auf Bildern, die im Iran in den Ämtern hingen, konnte Khamenei mit seinem sanften Lächeln neben dem stechenden Blick Khomeinis wie ein gütiger Großvater erscheinen. Doch der Ayatollah mit dem schwarzen Turban und dem weißen Bart vertrat ein streng konservatives Weltbild, das er mit aller Härte durchsetzte. Die Öffnung des politischen Systems lehnte er ebenso ab wie die Lockerung der strengen Kleiderregeln oder der scharfen Zensurmaßnahmen. Vor allem aber widersetzte er sich einer Annäherung an die USA, denen er zutiefst misstraute: Er war nicht bereit, ihre Unterstützung für das autoritäre Schah-Regime zu vergessen und auch nicht ihre Schützenhilfe für den irakischen Machthaber Saddam Hussein im Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988. Die feindselige Politik mehrerer US-Präsidenten bis hin zu Donald Trump bestätigte sein Misstrauen gegenüber dem "Großen Satan" nur. Proste im Iran niedergeschlagen Eine der größten Herausforderungen seiner Macht erlebte Khamenei, als nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Mahmoud Ahmadinejad 2009 hunderttausende Iraner auf die Straße gingen und einen Systemwechsel forderten. Doch die sogenannte Grüne Bewegung ließ Khamenei ebenso brutal niederschlagen wie die Proteste, die Ende 2019 nach der Erhöhung der Benzinpreise das Land erschütterten oder wie die Massendemonstrationen nach dem Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini, die im September 2022 nach ihrer Festnahme wegen angeblichen Verstoßes gegen die Kleiderordnung gestorben war. Für Khamenei stand und steht die Bewahrung der Islamischen Revolution stets im Zentrum seiner Politik. Zugleich agierte er aber auch als kühl kalkulierender Realpolitiker, der notfalls zu schmerzhaften Kompromissen bereit war. Unter dem Druck der internationalen Wirtschaftssanktionen stimmte er 2015 der Beschränkung des iranischen Atomprogramms zu und hielt trotz des Austritts von Trump aus dem Abkommen in dessen erster Amtszeit lange daran fest. Nachdem Khamenei jahrelang mit seinem konfrontativen Kurs gegenüber den USA und Israel seine Stärke demonstrierte und pro-iranische Milizen wie die libanesische Hisbollah oder die palästinensische Hamas unterstützte, während er gleichzeitig einen direkten Konflikt vom Iran fernhielt, fand diese Strategie im vergangenen Jahr ein abruptes Ende: Israel griff mit Unterstützung der USA den Iran im Juni militärisch an, um dessen Atomprogramm zu zerstören. Im Zwölf-Tage-Krieg wurde die militärische Unterlegenheit des Iran nur allzu deutlich. Aufenthaltsort galt als streng geheim Bedroht war aber auch das physische Überleben Khameneis immer wieder, denn Israel tötete damals reihenweise hochrangige Militärchefs und Atomwissenschaftler des Iran mit gezielten Angriffen. Trump soll jedoch nach Angaben eines US-Regierungsvertreters Einspruch gegen einen israelischen Plan eingelegt haben, den Obersten Führer des Iran direkt zu töten. Der Aufenthaltsort Khameneis, der sechs Kinder hat, bescheiden und ohne großen Pomp lebt und den Iran seit seinem Amtsantritt und seinem bisher letzten Auslandsbesuch 1989 in Nordkorea nicht mehr verlassen hat, galt stets als streng geheim und unterliegt der höchsten Sicherheitsstufe. Auch in der aktuellen Protestwelle tritt Khamenei unbeugsam auf, obwohl Trump der Führung in Teheran direkt mit einem Militäreinsatz gedroht hat, sollte sie auf Demonstranten schießen lassen. Erst am Freitag verkündete der Ayatollah im Staatsfernsehen, der Iran werde vor "Vandalen" und "Saboteuren" nicht zurückweichen. Und er stieß selbst eine Drohung aus: Der "arrogante" US-Präsident werde genauso "gestürzt" werden wie einst der Schah im Iran durch die islamische Revolution.