Sehr geehrtes Kulturamt, das darf ja nicht wahr sein, was sich bei den Salzburger Festspielen schon wieder abspielt. Der Intendant liegt im Clinch mit seinem Kuratorium und muss vorzeitig gehen. Die Politik scheint keine Ahnung zu haben, was danach passieren soll. Der Machtkampf ist offenbar wichtiger als jede Aufführung. Also mir reicht’s. Und ich stelle daher folgenden Antrag: Lassen wir doch die Festspiele ein paar Jahre pausieren, bis sich alle Beteiligten wieder beruhigt haben. Das ist ja wirklich kein Zustand. Mit empörten Grüßen, T. C. *** Sehr geehrter T. C., vielen Dank für Ihren Antrag, dessen Einlangen wir hiermit bestätigen (Geschäftszahl 07/2026). Allerdings sehen wir uns aus künstlerischen wie aus ökonomischen Gründen zur Ablehnung desselben gezwungen. Die Salzburger Festspiele sind nicht nur das größte und wichtigste Kulturfestival der Welt (liebe amtliche Grüße an Festivalchefs, die Ähnliches von ihrer Institution behaupten) und essenziell für das Image Österreichs als Kulturnation. Sie sind auch touristisch und somit finanziell unerlässlich für die Stadt und das Land Salzburg, die ohne die Festspiele auch im Sommer nur ein regionaler Player mit hübscher „Sound-of-music“-Kulisse wären. Sie sprechen, werter T. C., den Machtkampf und dessen Gewicht in Relation zur musikalischen und darstellerischen Darbietung an: Damit treffen Sie einen wichtigen Punkt. Man scheint in Salzburg manchmal gar nicht zu wissen, was man an den Festspielen hat. Und auf welchem Niveau diese jeweils agieren. Die Gründungsidee als Friedensprojekt, bei dem Kunst über allem steht, wird wieder einmal massiv überlagert. Die Festspiel-DNA Das Ringen um die Macht scheint überhaupt in der DNA der Festspiele zu liegen. Der aktuelle Wettstreit ist nicht der erste. Bereits knapp nach der Gründung vor mehr als 100 Jahren soll, so findet es sich in unseren Akten, Richard Strauss als einer der Urväter erbost gewesen sein, weil es Salzburger Bemühungen um größeren regionalen Einfluss gegeben hätte. Nun brauchen wir an dieser Stelle nicht die gesamte Geschichte Revue passieren zu lassen (dafür gibt es bei den Festspielen ein erstklassiges Archiv). Wir erlauben uns aber durchaus pauschal festzuhalten, dass es immer Ärger mit Salzburg (so könnte auch ein Filmtitel lauten) gab. Nach dem Tod Herbert von Karajans setzte die Salzburger Politik ein erstaunlich mutiges Zeichen, indem sie Gérard Mortier, der in Brüssel mit Mozart-Produktionen für Aufsehen gesorgt hatte, ab 1992 zum Intendanten erhob. Mortier verpasste dem Festival einen gewaltigen Modernisierungsschub, von dem die Kunstwelt immer noch spricht. Vieles hat man verklärt, das Meiste hat jedoch nach wie vor Bestand. Und bis heute nennt sich ein Gutteil jener Intendanten, die auch nur in seine Nähe kamen, Mortier-Schüler. Der belgische Intellektuelle hatte jedoch riesige Probleme mit Salzburg, mit der Politik ebenso wie mit den Wiener Philharmonikern. Damals waren jedoch primär Menschen am Werk, für die Kunst oberste Priorität hatte. Nach Mortier wurde der Compositeur Peter Ruzicka 2002 als Intendant inthronisiert, der sich – durchaus ähnlich wie sein heute noch im Amt befindlicher Kollege Markus Hinterhäuser – mehr als Künstler denn als Zirkusdirektor empfand. Ruzicka holte gleich zu Beginn Nikolaus Harnoncourt zurück nach Salzburg, entdeckte Anna Netrebko und sorgte insgesamt für schillernde Festspieljahre. Aber auch er hatte es schwer mit der Salzburger Politik (vor allem repräsentiert durch den damaligen Bürgermeister Heinz Schaden) und entschied sich gegen eine Vertragsverlängerung. Permanenter Kurswechsel Danach begannen mit Jürgen Flimm Jahre des Schlingerns – er wurde von Wolfgang Schüssel bestellt, obwohl er als dezidiert Linker dem Kanzler politisch gar nicht ins Konzept passte (heute kaum vorstellbar). Die künstlerische Konfrontation war allerdings erstaunlich kraftlos, sodass Hinterhäuser nach Flimms vorzeitigem Abgang an die Berliner Staatsoper unter den Linden erstmals einspringen musste. Hinterhäuser durfte jedoch nicht weitermachen (ein politisches Foul), dafür kam Alexander Pereira, der Bernhard Paul der Oper, zum Zug und waltete in seinen Allmachtsfantasien. Auch Pereira lag im Dauerclinch mit seinem Kuratorium, sodass er vorzeitig als Intendant an die Mailänder Scala wechselte. Es folgten zwei Interimsjahre mit Sven-Eric Bechtolf, dem zwar die Karotte vor die Nase gehalten, aber nie wirklich Vertrauen in Hinblick auf Planbar- und Langfristigkeit ausgesprochen wurde. Seit 2017 ist nun Hinterhäuser im Amt, sorgte für Konsolidierung, drehte einiges zurück Richtung Mortier, setzte auch neue Akzente und auf Werke jenseits des Standard-Repertoires und hatte künstlerisch wie ökonomisch zahlreiche Erfolge. Dass ihm nun ein neu zusammengesetztes Kuratorium, von dem er sich keinesfalls dreinreden lassen wollte, zum Verhängnis zu werden scheint, ist nicht so überraschend, sondern erfolgt nach Art des Hauses. Verblüffender sind die Anlässe: zunächst die Kündigung der wohl schlechtesten Schauspieldirektorin, die je bei den Festspielen werkte (Marina Davydova); und der Versuch der Bestellung einer untadeligen, kompetenten Neuen (Karin Bergmann). Aber um die Sache geht es ja nicht, sobald Machtreflexe einsetzen. Wir wissen, dass diese Antwort etwas lang ausgefallen ist, sehr geehrter T. C. Aber die Festspiele sind eben auch in ihrer politischen Struktur gleichermaßen komplex wie banal. Und die Kunst spielt wieder einmal eine Nebenrolle. Sonst würde man in einem Metier, das drei bis vier Jahre Vorplanungszeit hat, um die weltbesten Künstler zu engagieren, nicht derart kurzsichtig agieren.