Feldversuch in Österreich: Ist ein Leben ohne Smartphone möglich?

Wie lange können Teenager ohne Snapchat und Instagram auskommen? Sind es sieben Tage? Sieben Stunden? Oder schaffen sie es gar nicht? Ab Mittwoch werden 65.000 Schüler diese Frage für sich beantworten. Denn sie haben sich für das „Handy-Experiment“ angemeldet. Es handelt sich dabei um eine Aktion, bei der unter wissenschaftlicher Beobachtung versucht wird, drei Wochen lang auf das Smartphone zu verzichten. Der KURIER wird das Projekt in einer Schule in Wien-Liesing begleiten und darüber berichten. Dass das Thema interessiert, ist schon vorab sichtbar. Denn nachdem Medien in der Bundesrepublik über das Experiment berichtet haben, meldeten sich Schulen aus Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein, um daran teilzunehmen. "Bitte helft uns!" Die wissenschaftliche Obhut über das Experiment liegt bei Oliver Scheinbogen . Der Klinische Psychologe arbeitet unter anderem am Anton-Proksch-Institut und der Sigmund-Freud-Universität und hat sich eingehend mit den Effekten beschäftigt, die das Internet und Smartphones auf Körper und Geist haben. Ein Ergebnis der Versuchsanordnung kann Scheibenbogen vorwegnehmen: „Exzessiver Konsum des Internets oder von sozialen Medien beeinträchtigt das psychische Wohlbefinden massiv“, sagt er zum KURIER. Diese Behauptung sei gut abgesichert, weil durch Studien belegt. Und so sei mittlerweile ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel zu beobachten: „Die Jungen treten an die Erwachsenen heran und sagen: Bitte helft uns!“ Gemeint ist damit, dass Jugendliche längst verstanden haben, dass die Algorithmen Sucht-ähnlichen Charakter haben und schädliches Verhalten befeuern. „15 Prozent der unter 24-Jährigen haben heute ein problematisches Nutzungsverhalten. Aber viele schaffen es einfach nicht, das zu kontrollieren.“ Für Scheibenbogen ist der Begriff der „sozialen Medien“ irreführend. „Denn Plattformen wie Tiktok oder Instagram werden allzu oft gar nicht für den sozialen Austausch genutzt.“ Kompromissfähigkeit Zwischenmenschliche Fähigkeiten wie Kompromissfähigkeit oder im Gesicht des Gegenübers zu lesen, müsse man im direkten Gespräch üben und lernen. „Wer nur über oder im Internet kommuniziert, dem fehlt das.“ Auf das Projekt blickt Scheibenbogen mit Spannung. In einer kleineren Version hat es den Versuch schon in einer niederösterreichischen Schule gegeben. Und hier waren die Ergebnisse deutlich: „Bei jenen, die bewusst auf das Smartphone verzichtet haben, hat das psychische Wohlbefinden um 30 Prozent zugenommen. In ähnlichem Ausmaß sind die depressiven Symptome zurückgegangen.“ Die Abbruchquote lag bei 25 Prozent, sprich: Jedes vierte Kind hat es nicht geschafft, drei Wochen ohne Smartphone auszukommen. Die Symptome, die damit verbunden waren, sind bemerkenswert: „Die Kinder haben Kopfschmerzen bekommen, die verschwunden sind, als sie das Handy wieder eingeschaltet haben.“