Brigittenauer Heldensagen vom Dialektexperten

Deutlich unter fünf Minuten! Das war sein persönlicher Rekord. In dieser Zeit sprintete Helmut Emersberger von der elterlichen Wohnung beim Allerheiligenplatz bis zu seiner Schule beim Augarten. Mit den Rollschuhen wohlgemerkt. „Jo, des woa ur-leiwand“, erzählt der Hömal in seiner Muttersprache, im Dialekt des 20. Bezirks . Dort war der Autor und Übersetzer (ins Wienerische) als Kind seltener der Helmut, öfter der Hömal . „Italos“ vom Engelsplatz Die Schnellkraft kam nicht von ungefähr: Seine Mutter zählte eine Zeit lang zu den flinkesten Leichtathletinnen Wiens, sein Vater war Turner auf dem Sportplatz des WAT Brigittenau . Sein Bruder Kurt engagiert sich dort bis heute als Obmann eines Vereins, der sich auf die Fahnen heften darf, dass er allen Interessenten einen möglichst leistbaren Zugang zum Sport anbieten kann. Fußball spielen gelernt hat der Hömal anderswo, vor seiner Haustür, im Käfig im Allerheiligenpark : „Der war damals schon, also in den 1970er-Jahren, bekannt für seine Multikulturalität und eine hohe Qualität der fußballerischen Performance.“ Vertiefend den Dialekt studieren konnte der Hömal am Engelsplatz – am Ende des Bezirks, nahe Floridsdorfer Brücke. Dort spielt eine weitere Episode seiner Brigittenauer Heldensagen. Deren Helden nennt Emersberger „die Engelsplatz Buam“, alle im Besitz einer Vespa . Die einen Mods mit Parka, die anderen „Italos“ mit Jeansjacke. Im Gegensatz zu den Popper mit Gatschwelle des benachbarten Döblings waren die Rückspiegel der „Italos“ nicht verchromt, und die Sitze nicht aus Edelleder. Der Donaukanal war eine Trennlinie zwischen den „Hacklerfamilien“ etwa aus dem Engelshof und den Villenbewohnern im Cottageviertel. Helmut Emersberger mokiert sich: „Gleiches Gefährt, anderer Planet. Für uns waren das die G’spritzten, die im Sommer zwei Monate lang mit ihren Eltern auf Sommerfrische im Ausseerland weilten und dort Schwammerln suchen mussten.“ Klassenkampf ? „Natürlich gab es öfters eine Fetzerei.“ Eine „Fetzerei“ lässt sich in der Hochsprache am ehesten mit Handgreiflichkeit unter Jugendlichen übersetzen, so der Dialektexperte, der im Rahmen der Serie „Disneys lustiges Taschenbuch“ Ur-Wiener Dialoge für Mickey Maus und Donald Duck verfasst hat. Und wenn wir schon beim Dialekt sind: „Die Bree “ ist eine dialektale Verkürzung des Namens seines Bezirks. Wichtig für seine Entwicklung zum Autor, Songschreiber, Conférencier, Schauspieler und Liedinterpret mit dem Fokus auf Wiener Dialekt war für Helmut Emersberger auch der Wallensteinplatz . Dort war in seiner Gymnasialzeit das Café Gramm mehr als nur konkurrenzlos: „Vorne die Taxler mit ihrem Hardcore-Schmäh, hinten wir Schüler und die Pensionisten. Das Gramm war für mich auch eine Tarockierer-Akademie. Die Pensionisten gingen dann am Nachmittag, ihre Plätze nahmen die Schauspieler vom Serapionstheater ein.“ Der Künstler in Ausbildung spitzte die Ohren: „Im Kaffeehaus besprachen sie noch einmal ihre Proben.“ Die „Working Class Bobos“ Inzwischen heißt das Café Gramm Frame und ist auch nicht mehr alleine auf dem Wallensteinplatz. Der Hömal aus der Brigittenau sagt das nicht abwertend: „Wir haben heute auch die Working Class Bobos in unserem Bezirk.“ Die stören ihn aber nicht, im Gegenteil: „Das Spektrum ist heute viel breiter gestreut.“ Er selbst wird Mitte März im Kulturcafé Henriette seine Heldensagen aus dem Bezirk vortragen. Die Henriette in der Staudingergasse war bis vor Kurzem noch ein Chinese. So ändern sich die Zeiten.