Bestandsaufnahme der Ukraine nach vier Jahren Krieg

Der Krieg in der Ukraine trat nun in das fünfte Jahr. Sowohl die Opfer an Menschenleben als auch Sachschäden sind enorm. Die russische Aggression als „spezielle Militäroperation“ kostete die Ukraine bisher rund sechshundert Milliarden Dollar, das Dreifache des Bruttoinlandsprodukts des letzten Friedensjahres. Das BIP nahm 2025 um 21 % im Vergleich zum letzten Friedensjahr ab. Die Summe der Schäden und Vernichtung stieg von 2024 auf 2025 um 12 %, eine weitere Steigerung ist programmiert. Die größten Vernichtungen fanden in Frontnähe und in Kiew statt. Die schwerwiegendste Zerstörung musste der Wohnungssektor hinnehmen. Die Zerstörung erreichte 2025 rund 14 Prozent des Bestandes, was einer Summe von 61 Milliarden US-Dollar entspricht. Die Eisenbahn erlitt einen Schaden von 40,3 Mrd. Dollar, das Energiewesen 25 Mrd. Es gibt kein einziges Elektrizitätswerk, das nicht betroffen war. Das Land musste für die dringendsten Instandsetzungen 20,3 Mrd. ausgeben, zehn Prozent des Budgets des letzten Friedensjahres. Angriffe auf Energieinfrastruktur Was heute notdürftig in Betrieb gehen konnte, wurde am nächsten Tag von russischen Drohnen und Raketen erneut beschädigt. Viele EKWs können nicht mehr ans Netz gehen, die Zerstörung und das Fehlen von Ersatzteilen machen die Reparatur unmöglich. Zwei Drittel der Produktion sind ausgefallen. Stromausfälle von täglich 18 Stunden sind keine Seltenheit. Zum Ende des klirrenden Winters sind die Angriffe auf Wasserwerke und Verkehrsknotenpunkte erweitert worden. Die Bombenschäden erinnern an das Warschau des Jahres 1939. Vor der Aggression war die Ukraine größter Maisexporteur (12 % des Weltexports) und führend bei Weizen (9 %) und Sonnenblumenöl; bei Raps 20 %, bei Gerste 17 %. Der Schaden auf diesem Gebiet beträgt 11 Mrd. Dollar. Bei Maschinen beträgt der Verlust 58 %, bei Speichern 20 %. Ein Teil des Maschinenfuhrparks und des Speicherstandes wurde von den Besatzern entwendet. Die Ukraine ist mit Minen und optischen Kabeln der Drohnen übersät, für die Wiederherstellung der landwirtschaftlichen Produktion müssen diese entfernt werden, was sich über mehr als zehn Jahre hinziehen würde. Der Krieg hat nicht nur in Industrie, Infrastruktur und Landwirtschaft schwerwiegende Folgen. Sechs Millionen Ukrainer sind ausgewandert, und 4,6 Millionen befinden sich in Binnenmigration. Aus den besetzten Gebieten sind an die fünf Millionen Einwohner – meist in Russland – verschwunden. Ein Großteil der Auslandsukrainer will nicht zurückkehren. Der Blutzoll liegt bei einigen Hunderttausend. Frieden um jeden Preis? Die unvorstellbare Vernichtung ist aus dem Ausland kaum zu sehen. Ist angesichts dieser Situation Frieden um jeden Preis zu erreichen? Die Friedensanhänger sagen ja. Sie wollen, dass keine Waffen mehr in die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Dies bedeutet allerdings die bedingungslose Kapitulation des Landes, weil ohne ausländische Hilfe Widerstand nicht möglich ist. Dies würde zur Besetzung des Landes durch Russland führen. Es bedeutet Russifizierung, wie in allen bisher besetzten Gebieten: Wer nicht Russe wird, bekommt keine Pension, keine Sozialleistung, keine Arbeit. Freiheit, Nationalstolz, Souveränität gehen verloren. Ein Friedhofsfrieden, von den Geheimdiensten überwacht, tritt an die Stelle der Demokratie. Zum Autor: Janos I. Szirtes ist Politikwissenschafter, lebt in Budapest, war Journalist und Diplomat.