Im April 2022 ließ Herbert Föttinger, Direktor des Josefstädter Theaters, „Leopoldstadt“ von Tom Stoppard herausbringen. In diesem Stationendrama setzt sich der britische Dramatiker, im November 2025 gestorben, mit seinen jüdischen Wurzeln in Wien auseinander: Er erzählt die tragische Geschichte des Textilfabrikanten Hermann Merz und dessen Familie ab Weihnachten 1899 über die NS-Zeit bis in die 50er-Jahre. Nun wagte sich die Burg an eine ähnlich gelagerte Aufarbeitung – und scheiterte auf ganzer Linie: Ohne großen Genierer wurde im Akademietheater ein vor Klischees strotzender Plot konstruiert. Mit „Isidor“ von Shelly Kupferberg hat die effektheischende Dramatisierung von Caroline Bruckner und Philipp Stölzl nicht viel gemein. In dem faktenbasierten Roman, 2022 veröffentlicht, begibt sich Kupferberg, eine in Berlin lebende Journalistin, auf Spurensuche. Im Zentrum steht ihr Urgroßonkel Israel: 1908 ging er als 22-Jähriger von Galizien nach Wien, er nannte sich fortan Isidor – und schaffte es im Ersten Weltkrieg, als Lieferant fürs Militär ein enormes Vermögen anzuhäufen. Äußerst seriöse Vorlage Doch Shelly Kupferberg erzählt nicht nur über ihn, sondern über alle Familienmitglieder. Und viel Raum erhält die Geliebte von Isidor. Denn über die „Operettenkönigin“ Ilona Hajmássy dürfte es einfach mehr Material gegeben haben. Kupferberg vermeidet Spekulationen, erläutert en passant die politischen Entwicklungen, spricht den Antisemitismus der Jahrhundertwende an. Dialoge aber findet man so gut wie nicht. Ein solches Buch sträubt sich gegen eine Dramatisierung. Das Burgtheater hat sie trotzdem gewagt. Mit der bemühten Adaption, die am Samstag Premiere hatte, gibt man nicht einmal NS-Nachhilfeunterricht. Denn man fiktionalisierte unter dem Label „wahr“ und übertrieb auf Teufel komm raus. Weil die Geschichte zu komplex ist, wurden etliche Familienmitglieder eliminiert. Andere gehen während der dreistündigen Aufführung einfach verloren, darunter Rubin, mit dem Isidor nach Wien kam. Recht plumpe Umsetzung Nach dem „Anschluss“ flieht Neffe Walter (Kupferbergs Großvater) nach Palästina. Er musste, so liest man im Buch, einen Vordruck unterschreiben, „in dem er sich ehrenwörtlich verpflichtete, niemals mehr den Boden des Deutschen Reiches zu betreten“. Das war üblich. In der Inszenierung hat Walter vor dem NS-Schergen zu schreien: „Ich gelobe, Österreich für immer zu verlassen.“ Dabei war Österreich längst zur „Ostmark“ geworden, wie Kupferberg auch ausführt. Schamlos hat man das Verhältnis von Isidor und Ilona zum Drama über Unterwürfigkeit und Freiheitsstreben hochgejazzt. Nicht Stefko Hanushevsky, der energische, gleichzeitig blauäugige Isidor, spielt die Hauptrolle, sondern Nina Siewert: Sie darf mit Gesangseinlagen und Verwandlungen glänzen. Ihre Ilona verbeugt sich nach dem Staatsoperndebüt im prächtigen Abendkleid, wiewohl sie nur eine Minirolle zu singen hatte. Und dann reitet Itay Tiran als Filmmogul-Cowboy Louis B. Mayer ein, um die Blondine für Hollywood einzufangen, wo sie als Ilona Massey reüssieren wird. Paul Celans „Todesfuge“ Isidor hingegen erleidet das Schicksal des strassenwaschenden Juden (so steht es nicht im Buch), natürlich hat er bei der „Reibpartie“ mit der Zahnbürste die Parolen vom Trottoir zu entfernen. Dann gerät in die Fänge der Gestapo. Später muss er vor dem Mob ins Urania Kino flüchten – und sieht dort seine Ilona im Film „Balalaika“, der seine Uraufführung im Dezember 1939 erlebte. Da war Isidor schon tot. Aber egal, die beiden treffen sich ohnedies im Jenseits wieder. Ilona trägt dort Kopftuch, weil sie 1974 an Krebs starb. Stölzl garnierte seine Umsetzung mit eindrücklichen Bildmetaphern, mit Videoclips und historischem Material, wohl von der KI bunt animiert. Er lässt im Schtetl jiddeln, Isidors Dienstmädchen Resi spricht herbes pifkinesisch. Und auch Paul Celans „Todesfuge“ wird rezitiert. Durch den Szenenreigen, der nach der Pause mit heftiger NS-Folter aufwartet (Hanushevsky baumelt kopfüber nackt), führen Itay Tiran und Lilith Häßle als Erzähler: Er flüchtet sich, sein Pianino durch das Bühnenhaus weiterschiebend, ins Klavierspiel. Und sie steht als Shelly Kupferberg staunend abseits.