Irans getöteter Ayatollah Khamenei: Der Staat war nicht nur er

Als Irans Elite Ali Khamenei im Juni 1989 zum Obersten Führer machte, war eigentlich niemand überzeugt, dass er je Großes bewirken würde. Eine Übergangslösung sollte er sein, weil man sich nicht auf einen Kandidaten einigen konnte. Nicht einmal er selbst strahlte viel Zuversicht aus: „Wer von euch glaubt schon an meine religiöse Autorität?“, sagte er damals. Tatsächlich waren die Fußstapfen groß. Nur einen Tag zuvor war Revolutionsführer Ruhollah Khomeini gestorben, Gründungsvater und religiöse Ikone der Islamischen Republik. Nun, 37 Jahre später, ist Khamenei selbst gestorben, nach Monaten der Beobachtung im Bombenhagel der USA und Israels , gemeinsam mit seiner Führungselite. Das Erbe des Mullahs, dessen schwarzer Turban und grauer Bart an fast jeder Hauswand Teherans prangen, wirkt aber weiter: Khamenei war nicht nur religiöser Führer, er zementierte seine Macht auch wirtschaftlich und gesellschaftlich ein. Er formte ein autokratisches System, das ihn selbst überdauert. Machtbalance Basis seiner autoritären Herrschaft war von Beginn eine ausgeklügelte Balance zwischen Obsorge und repressiver Stärke des Staates. Dank der sprudelnden Öleinnahmen konnte Khamenei den Iran nach seiner Amtsübernahme erstmals auf ökonomisch sichere Beine stellen; Khomeini hatte ihm den Staat 1989 nach dem Krieg mit dem Irak beinahe bankrott übergeben. Die Bevölkerung konnte nach Jahren der Entbehrungen etwas aufatmen: Trotz der US-Sanktionen floss Geld aus Asien und Europa, viel davon steckte das Regime in das Gesundheits- und Bildungssystem. Die Lebenserwartung stieg sprunghaft, bis heute gilt der Iran in diesen Bereichen als regional überlegen. Innenpolitisch gewährte der Ayatollah den Menschen ein wenig Mitbestimmung, wenn auch nur scheinbar. Bei Wahlen durften über die Jahre immer moderate Kräfte antreten, das gab dem Regime den Anschein von Legitimität. Politische Restriktionen für alle Andersdenkenden sicherten Khamenei zugleich die Herrschaft. Zuständig dafür waren und sind bis heute die Revolutionsgarden . Khomeini hatte die Pasdaran gegründet, weil er in der Zeit des Umsturzes der Armee des Schahs nicht traute. Bis heute ist die etwa 200.000 Mann starke Eliteeinheit mächtiger als die reguläre Armee. Sie verfügt über ein eigenes Heer, eine Marine und Luftstreitkräfte sowie einen Geheimdienst, dazu bestimmt sie über die Geschicke einer 500.000 Mann starken Milizarmee, der gefürchteten Basidsch-Einheiten . Die rekrutieren ihre Mitglieder vor allem an Schulen und Universitäten und sind in Moscheen stationiert; sie spielen bei der Unterdrückung aller Proteste eine Schlüsselrolle. Erst zu Beginn dieses Jahres ließen dabei geschätzt bis zu 30.000 Menschen ihr Leben. Die Revolutionsgarden als Staat im Staat Die Revolutionsgarden, direkt Khamenei unterstellt, stellen nicht nur den Sicherheitsapparat des Iran, sie sind ein Staat im Staate. Sie kontrollieren auch alle relevanten Wirtschaftsbereiche, haben eine eigene Holding, die Kraftfahrzeuge, Autobahnen, Eisenbahnstrecken und sogar U-Bahnen baut. Dazu sind sie an Öl-, Gas- und Petrochemieprojekten beteiligt, haben die Hand auf Häfen, Banken, Telekommunikationsunternehmen. Und mit den „ Quds-Brigaden “ steht auch eine Spezialeinheit für Auslandseinsätze in ihren Diensten, die zur Ausbildung der Verbündeten Irans eingesetzt wurde – Hamas und Hisbollah trainierten mit den iranischen Kämpfern, in Syrien standen sie an der Seite des Assad-Regimes. Dass Khamenei Ende 2024 bei dessen Sturz zuschaute und nicht intervenierte, war für viele Beobachter ein erster sichtbarer Moment der Schwäche. Zuvor hatte Israel schon Hamas und Hisbollah enthauptet, Khamenei kamen die Verbündeten abhanden. Dazu plagte den Iran seit Langem eine Wirtschaftskrise, ausgelöst durch die Aufkündigung des Atomabkommens von 2015 durch Donald Trump . Das Nuklearprogramm , über Jahrzehnte eines der Großprojekte Khameneis, war dem Obersten Führer letztlich wichtiger als das ökonomische Überleben des Staates. Selbst Khameneis Schwester nannte ihn "tyrannisch" Auch zuletzt zeigte sich der 86-Jährige unerbittlich, sowohl in den Verhandlungen mit den USA als auch seinem eigenen Volk gegenüber. Lange hatte der Ayatollah im Land noch von seinem großväterlichen Charme gezehrt, in der Geistlichkeit war er bis zuletzt unumstritten, für sie starb er nun als Märtyrer. Doch weiten Teilen der Bevölkerung war er mehr und mehr verhasst, wegen seiner rigiden Auslegung der Scharia und seiner kompromisslosen Gesellschaftspolitik; kein Land außer China vollstreckt so viele Todesurteile wie der Iran. „Tod dem Ayatollah“ , hörte man bei den Demonstrationen immer wieder. Selbst zwei seiner Geschwister wandten sich gegen ihn; eine Schwester nannte den Iran „tyrannisch“. Das Erbe des Ayatollahs tragen nun jene Männer, die er selbst installiert hat. Ein Triumvirat aus Präsident, Justizchef und einem Kleriker . Wie lange, wird sich zeigen.