Zwei Sätze, die den Saal elektrisieren: „In der Vergangenheit haben es viele mittelmäßige Männer geschafft, in Führungspositionen zu kommen“, sagt Johanna Mikl-Leitner . „Ich kenne aber keine einzige mittelmäßige Frau, die das geschafft hat.“ Der Applaus ist tosend, die nächsten Worte von Niederösterreichs Landeshauptfrau gehen im Lärm unter. Johanna Mikl-Leitner befindet sich am Podium im Congress Center Baden. Sie lud am Montag gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Niederösterreich und der NÖ-Gründeragentur riz up zur Diskussion anlässlich des bevorstehenden Weltfrauentag es (8. März). Das Thema: „Starke Frauen und starke Männer“. Gleichstellung vorantreiben geht nur gemeinsam, sind sich alle Diskutanten einig. Doch an diesem „Gemeinsam“ scheint es in der Unternehmenswelt aktuell zu scheitern. Gleichstellung auf der Bremse Eine neue Studie des Beraters Deloitte zeigt eine alarmierende Entwicklung. Unternehmen steigen beim Thema Gleichberechtigung auf die Bremse. Gleichstellungsmaßnahmen geraten in Vergessenheit. Die gläserne Decke hält sich hartnäckig, die CEOs in den großen börsennotierten Unternehmen Österreichs sind weiterhin ausschließlich männlich (der KURIER hat berichtet) . Und das, obwohl Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in den Chefetagen laut Studien erfolgreicher, profitabler und seltener von Insolvenzen betroffen sind. Warum gibt es aber aktuell mehr Rückschritt als Fortschritt? Staatssekretärin Elisabeth Zehetner , die sich selbst als „bunten Fleck“ inmitten vieler Männerrunden bezeichnet, führt das auf eine halbherzige Gleichstellungspolitik in Betrieben zurück. Wie beim „Greenwashing“ hätten sich Firmen „schöne Genderpläne auf die Fahnen geheftet“, diese aber nicht ernst gemeint. „Das rächt sich jetzt“, ist Zehetner überzeugt. Frauen wären top ausgebildet – im Schnitt sogar besser als Männer. „Diese Ausbildung finanzieren wir als Staat, sorgen aber nicht für die richtigen Rahmenbedingungen, damit Menschen in ihren Karrieren Wertschöpfung für unser Land schaffen können.“ Laut der Staatssekretärin brauche es ein Umdenken: „Wir müssen es als wirtschaftliche Verschwendung sehen, wenn wir Talente nicht fördern. Egal, ob Männer oder Frauen. Wir werden beide brauchen, um Österreich mit den besten Köpfen wieder an die Spitze zu bringen.“ In die Gänge kommen Wie viel sich bewegen lässt, wenn Gleichstellung Chefsache ist, verdeutlicht das Podium. Mikl-Leitner hebt als „Personalchefin des Landes Niederösterreich“ die Errungenschaften während ihrer Amtszeit hervor: Die Anzahl weiblicher Führungskräfte habe sich um 60 Prozent erhöht, ein Gesetz wurde verabschiedet, das Bürgermeisterinnen ermöglicht, in Karenz zu gehen. Hans Ebner , Präsident des Roten Kreuz Niederösterreich, berichtet von einem Mentoring-Programm, das vergangenes Jahr gestartet ist. „47 Prozent unserer Basis-Rettungssanitäter sind weiblich. Aber je höher in der Vereinsstruktur, desto mehr verlieren wir den Frauenanteil“, sagt er. Telekommunikationsanbieter A1 hat die Lehrlinge ins Visier genommen. Unter 3.000 Bewerbungen pro Jahr waren fast nur Männer, sagt Martin Resel , stv. Vorstandsvorsitzender. Jetzt liege der Frauenanteil immerhin bei 25 Prozent. „Wir wollen aber mindestens 50 Prozent“, ergänzt er. „Ich bin davon überzeugt, dass eine gute Durchmischung in der Wirtschaft wichtig ist“, betont Wolfgang Ecker , Präsident der Wirtschaftskammer Niederösterreich. Luft nach oben gebe es überall, sagt er. Warum die Unternehmen dennoch so stark vom Kurs abgekommen sind, beantwortet die Landeshauptfrau. Es liege nicht daran, dass Donald Trump Diversitätsprogrammen das Aus erklärt habe und die großen Unternehmen weltweit mitruderten, sagt Mikl-Leitner. Viel mehr wäre das Problem individueller Natur: „Es schwingt auch die Angst und Sorge der Männer mit. Wenn man Frauen fördert, wird natürlich der eigene Radius, Karriere zu machen, kleiner“, analysiert sie. „Aber es geht nicht um irgendwelche Privilegien, sondern um reale Fairness.“ Wer in diesem Bereich Maßnahmen setze, würde Frauen keinen Gefallen tun, sondern die Weichen stellen, um wirtschaftlich erfolgreicher zu sein. Ein Mann, der das verstanden hat, verdiene laut Landeshauptfrau das Prädikat „g’scheiter Mann“.