Zwischen Exil und Erfolg: Irans Diaspora in Österreich

Es ist noch nicht allzu lange her, da wurde die iranische Community in Österreich in wissenschaftlichen Arbeiten noch als „weißer Fleck“ der Migrationsforschung bezeichnet. Die Umbrüche der vergangenen Jahre – die am Samstag im Tod des Ayatollah Ali Khamenei gipfelten – haben die iranische Diaspora in Österreich aber zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Der Eindruck ist jedoch seit Langem derselbe: Iranischen Zuwanderinnen und Zuwanderern scheint die Integration in die österreichische Gesellschaft besonders erfolgreich gelungen zu sein. Zahlreiche Ärztinnen und Ärzte, Kunst- und Kulturschaffende sind sichtbarer Teil des öffentlichen Lebens – darunter etwa die Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer Naghme Kamaleyan-Schmied , der Filmemacher und Psychiater Houchang Allahyari oder die Kabarettisten Michael Niavarani und Aida Loos . (Letztere hat einen Text über die aktuelle Situation verfasst: kurier.at/politik ) Dieser Eindruck stimmt, bestätigt die Kulturwissenschafterin und Migrationsforscherin Judith Kohlenberger im Gespräch mit dem KURIER. „Die iranische Migrationsbewegung nach Österreich war eine sehr hochqualifizierte, eine Bildungsmigration. Das Klischee vom iranischen Arzt oder Anwalt, das trifft hier wirklich oft zu.“ Bildungsdrang Das wiederum habe vieles erleichtert, sagt die Expertin. „Es gibt eine klare Korrelation zwischen formalem Bildungsgrad und weiterer Lernkurve. Ein höherer Bildungsgrad erleichtert beispielsweise das Erlernen einer neuen Sprache. Eine afghanische Frau, die noch nie eine Schule von innen sehen durfte, wird sich damit sicher schwerer tun. Das sind einfach ganz andere Voraussetzungen.“ In der iranischen Diaspora sei die Bildungsorientierung sehr hoch und werde auch an die zweite und dritte Generation weitergegeben. „Das erleichtert auch die soziale Integration.“ Dass es in der iranischen Community einen gewissen Bildungsdrang gibt, sagt auch Farzaneh Emadi , die vor über 30 Jahren aus politischen Gründen aus dem Iran nach Wien kam und hier eine Werbeagentur und die Plattform iraniaustria.at betreibt. „Ich kenne viele iranische Ärzte und Professoren, die früher Taxi gefahren sind, um sich ihr Studium zu finanzieren. Heute können sie gut leben.“ Und doch sei es mehr als nur Bildung, was der Integration der iranischen Community zuträglich sei, sagt sie: „Es ist auch unsere Mentalität, es kommt aus unserer Geschichte.“ Schließlich sei der Iran über Jahrtausende hinweg von wiederholten Phasen politischer Fremdherrschaft geprägt gewesen. „Wir haben gelernt, als Menschen zu leben und kultiviert zu sein. Schon die Kinder lernen das – seit Jahrtausenden“, drückt es Emadi aus. „Wir sind einfach so.“ Besonders deutlich werde diese Mentalität bei iranischen Demonstrationen – hierzulande wie im Iran. „Dort sind alle Gesellschaftsschichten vertreten“, sagt sie. „Wir sind für Demokratie und Freiheit – für alle. Es waren auch viele von uns bei Demonstrationen für die Ukraine mit dabei. Das ist uns sehr wichtig.“ Politisch engagiert Dass gerade die iranische Diaspora politisch besonders engagiert ist, sagt auch Kohlenberger. „Die Iranerinnen und Iraner, die seit den 70er-Jahren nach Österreich kamen, haben sich sehr bewusst gegen das Regime und dessen wertkonservative, patriarchale und autoritäre Haltung gerichtet. Deshalb vertritt die iranische Community in Österreich auch sehr stark die Werte, für die die Protestbewegung im Iran aufgetreten ist.“ Längst nicht alle Communitys seien ihrer Herkunftsregierung gegenüber so kritisch. Die Integration zugewanderter Iranerinnen und Iraner wurde aber auch durch die damals in Österreich geltenden Rahmenbedingungen erleichtert, sagt Kohlenberger. „Es sind ja seit den 1950er-Jahren schon iranische Studierende nach Österreich gekommen, besonders nach Wien. Damals gab es hierzulande das Bestreben, ein Zielland für ausländische Studierende zu werden. Das gibt es heute in dieser Form weniger.“ Erfolgreiche Integration ist also nicht nur eine Frage der Bildungsorientierung und demografischen Zusammensetzung einer Gruppe, sondern eben auch von den Aufnahmebedingungen abhängig.