Zu den großen Mysterien der Tourismusbranche gehört der Umstand, dass jedes Jahr hunderttausende Menschen an bestimmte Orte reisen, nur um dort jene Bilder zu reproduzieren, die bereits tausendfach auf Plattformen wie Instagram existieren. An Orten wie Hallstatt führt dies bekanntlich seit Langem zu Problemen der Überlastung . Doch Sie ahnen schon: Es ist kein neues Phänomen. Touristenführer zu „pittoresken“ Orten boomten bereits vor gut 200 Jahren. Der Kunstsektor kurbelte den Betrieb an, indem er den Touristenpfaden folgte und dabei die Ausblicke, die teils noch heute als „Insta-Spots“ fungieren, weiter popularisierte. „Um jeden steyrischen Felsen sitzen drei Mahler herum und bemseln drauf los; jedes Bachbrückel, jedes Seitel Wasserfall prangt auf der Leinwand, das ganze Salzkammergut existiert in Öhl“, ätzte Johann Nestroy bereits anno 1846 in Richtung der „Influencer“ seiner Zeit. Biedermeier & Britannien Das Zitat begegnet in der Schau „Ferdinand Georg Waldmüller – Nach der Natur gemalt“, die vordergründig Österreichs bekanntesten Biedermeiermaler in den Blick nimmt, tatsächlich aber versucht, das Genre der Landschaftsmalerei mit neuen Erkenntnissen und heutigen Fragen zu entstauben. Ein Hintergrund dafür sind auch die Feierlichkeiten um die britischen Maler Joseph Mallord William Turner und John Constable , deren Geburt vor 250 Jahren (Turner 1775, Constable 1776) derzeit mit einer Doppelschau in der Londoner Tate Gallery gefeiert wird (bis 12. 4.). Die Londoner National Gallery zeigt dann ab 2. Juli eine Waldmüller-Schau – die erste in Großbritannien. Die Landschaftsmalerei verbindet den Biedermeier-Star dabei mit seinen sonst doch unterschiedlichen Zeitgenossen: Dass der bloße Eindruck der Natur als bildwürdig durchging und nicht nur als Hintergrund für mythologische oder historische Szenen herhalten musste, war zu jener Zeit nämlich keineswegs selbstverständlich. Kuratorin Arnika Groenewald-Schmidt führt in der durch halbkreisförmige Einbauten klug gegliederten Raumflucht der Orangerie (Architektur: Juliette Israël ) schlüssig an die Aufwertung der Landschaft im Kontext der Zeit heran. Im Hintergrund repräsentativer Porträts rückte Waldmüller die Best-ofs von Dachstein, Bad Ischl & Co. anfangs noch nach Belieben zurecht. Dass bestimmte Landschaftsausblicke bald für sich selbst stehen konnten, hatte mit touristischem Marketing, aber auch mit aufkeimenden nationalistischen Tendenzen in der Zeit nach Napoleon zu tun: Man suchte nach typisch britischen, typisch deutschen oder typisch österreichischen Landschaften. Auch Bäumen, die Künstler damals gern sehr detailverliebt abzeichneten, wurden oft ländertypische Qualitäten zugeschrieben. Salzkammergut & Sizilien Die Linie, die von hier zur Vereinnahmung von Kunst und weiter zu jenem provinziellen Mief führt, der Landschaftsmalerei bis heute anhaftet, ist nicht Gegenstand der Schau. Dafür folgt man Waldmüller von seinen (etwas repetitiv ausgebreiteten) Erkundungen des Salzkammerguts zu seinen Aufenthalten in Italien, das er zwischen 1841 und 1846 mehrfach bereiste. Interessant ist hier das Gemälde „Ein dorischer Tempel auf Sizilien“ (1849), das weniger mit seinem zeittypischen Antiken-Kitsch als mit seinen minutiös wiedergebenen Bäumen, Sträuchern und Kakteen besticht: Offensichtlich wollte Waldmüller die abgestandene akademische Maltradition mit dem Studium der Natur durchlüften und erneuern. Streitschriften, die er dahingehend ab 1846 verfasste, brachten ihn auf Kollisionskurs mit der Wiener Akademie – und um seinen Professoren-Job als Kustos der dortigen Gemäldegalerie. Die Sonne Siziliens schien fortan aber in Bildern, die im letzten Teil der Schau zu sehen sind – etwa der „Berglandschaft bei Mödling“ von 1859 oder im „Vorfrühling im Wienerwald“ (1861). Als die Secession 1897 dann ihren „Heiligen Frühling“ ausrief und die Wiener Moderne einläutete, würdigte man Waldmüller als Ur-Influencer. Pardon: Als „Ur-Secessionisten.“