Lange war Saint-Denis das, was Taxifahrer nur ungern ansteuerten. Abgewirtschaftete Industriehallen, graue Fassaden, hohe Arbeitslosigkeit. Wer hier wohnte, erklärte sich. Wer es sich leisten konnte, zog weg. Dann kamen die Olympischen Sommerspiele 2024 – und mit ihnen eine Zeitenwende. Heute wächst nördlich von Paris ein neues Zentrum. Wo einst Fabriksirenen heulten, stehen nachhaltige Wohnbauten, Parks und Sportstätten. 14.000 Athletinnen und Athleten lebten hier im Olympischen Dorf. Jetzt ziehen junge Familien, Kreative und Start-ups ein. Mit dem Infrastrukturprojekt „Grand Paris“ rückt die Banlieue näher an die Hauptstadt. Die Métrolinie 14 verbindet Châtelet in einer Viertelstunde mit der Station Saint-Denis-Pleyel, einem Bau aus Holz, Glas und Licht, entworfen von Kengo Kuma. Künftig kreuzen hier vier Linien, dazu eine Direktverbindung zu den Flughäfen. Die Peripherie wird Drehscheibe. Der schönste Fernblick Mitten in Saint-Denis ragt das vierzigstöckige H4 Hotel Wyndham Paris Pleyel in den Himmel. Auf diesem Grundstück fertigte bis 2013 die Klaviermanufaktur Pleyel ihre Instrumente. Gegründet vom Sohn des niederösterreichischen Komponisten und Klavierherstellers Ignaz Pleyel, geschätzt von Frédéric Chopin, der den „singenden Klang“ der Klaviere pries. Heute blickt man von der Skybar über die Dächer von Paris, vom Eiffelturm bis zum Sacré-Cœur. In der Altstadt steht das steinerne Gedächtnis Frankreichs: die Basilique Cathédrale de Saint-Denis. Wiege der Gotik, Grabstätte der Monarchie. Von Dagobert I. bis zu Ludwig XVI. und Marie-Antoinette liegen hier die Könige. Licht fällt durch hohe Fenster auf filigrane Maßwerke. In der Krypta herrscht Kühle, Geschichte verdichtet sich. Der Nordturm, im 19. Jahrhundert abgetragen, wird wieder aufgebaut. Unter dem Motto „Suivez la flèche“ arbeiten Handwerker öffentlich an Steinmetzarbeiten, schmieden Eisen, modellieren Figuren. Besucher bleiben stehen, filmen, fragen. Ganz großes Kino Dass Saint-Denis heute mehr ist als sein Ruf, zeigt die Cité du Cinéma. Wo 1933 ein Wärmekraftwerk im Art-Déco-Stil die Metro mit Strom versorgte – die monumentale Glashalle wurde „Kathedrale der Elektrizität“ genannt –, drehen nun Kameras. Regisseur Luc Besson verwandelte das stillgelegte Areal 2012 in ein Filmstudio. 56.000 Quadratmeter, neun Studios, Werkstätten, eine Filmschule. „Während der Spiele war die riesige Halle Kantine und Treffpunkt. Dreißigtausend Sportler aßen hier täglich, feierten, chillten“, sagt Didier Gouband, CEO der Cité. Gedreht wurden hier Serien wie „Emily in Paris“ oder Filme wie „Black Swan“. Im Herbst 2025 stand Al Pacino für „Father Joe“ vor der Kamera. Rundherum entstehen Cafés, Designstudios, Start-ups. Dieses Jahr startet die Cité als öffentliches Kulturzentrum. „Wir wollen zeigen, wie Filme entstehen, Musik- und Radioarbeit zugänglich machen, einen Comedy-Club eröffnen, Tanz unterrichten“, sagt Gouband. „Tanz verbindet Jung und Alt, Menschen mit Handicap, Arm und Reich.“ Viele Angebote sollen kostenlos sein. „Die Schwellenangst muss weg.“ Die hohe Zirkuskunst Ein paar Straßen weiter trainieren junge Artisten in der 1974 gegründeten, berühmten Académie Fratellini. Zweihundert Bewerber kämpfen jährlich um die vierzig Studienplätze, um nach drei Jahren mit dem Bachelor abzuschließen. Akrobatik, Schauspiel, Tanz, Musik, ein moderner Zirkus ohne Tiere. Im neuen Zelt finden tausendfünfhundert Zuschauer Platz. Daneben Proberäume, eine hohe Halle für Trapezkünstler. Auf dem Hof stehen historische Wohnwagen. „Wir haben heuer nur eine Clown-Studentin“, sagt Manager Clément Fritz und lacht. Am Jahresende präsentieren die Absolventen ihre Show. Oft sitzen internationale Scouts im Publikum. Auch der Wassersport hat ein neues Zuhause: das Centre Aquatique Olympique Métropole du Grand Paris. Geschwungenes Holzdach, Glasfassaden, viel Licht. Camille Mocquet führt durch die Anlage. „Jetzt ist das Zentrum öffentlich. Schulen, Vereine, Freizeitsportler trainieren hier.“ Solarenergie, Regenwassernutzung, natürliche Belüftung sorgen für Nachhaltigkeit. Die Sitze im Zuschauerraum bestehen aus recycelten Plastikflaschen. Olympia als Startschuss, nicht als Strohfeuer. Das Paradies für Sammler Und dann ist da noch Saint-Ouen-sur-Seine mit seinem legendären Marché aux Puces. Seit 1885 gewachsen, gilt er als größter Flohmarkt der Welt. Schon in den Gassen, die zu den verschiedenen Märkten führen, präsentieren Verkäufer ihre Waren auf den Gehsteigen. Bis zu zweitausend Händler verkaufen Antiquitäten, Mid-Century-Design, Vintage-Mode, Schallplatten, Kurioses. Vernaison ist der älteste Teil, verwinkelt und rau. In den Hallen von Paul Bert Serpette wird mondän gehandelt, draußen feilscht man lautstark. Zwei Tage braucht, wer alles sehen will. Oder man setzt sich in ein Bistro zwischen Teppichen und Lampen und schaut zu. Den Schlusspunkt setzt ein Menü bei Le Bouillon du Coq von Sternekoch Thierry Marx. Keine Reservierung, Schlange stehen gehört dazu. Vorspeisen um sieben Euro, Hauptgänge unter zwanzig, Desserts für fünf-fünfzig. Klassische französische Küche, fein und klein kalkuliert. Saint-Denis hat sich neu erfunden. Kunst als Brücke zwischen Kulturen, Generationen, Milieus. Die Stadt, einst als Problembezirk abgestempelt, ist heute Anziehungspunkt für junge Familien. Wer wissen will, wohin sich Paris bewegt, fährt nicht mehr nur ins Zentrum. Sondern ein paar Stationen weiter. Auszeit Hotel Wyndham Paris Pleyel ist mit 40 Stockwerken das höchste Hotel Frankreichs. Direkt neben der Metrostation und nahe dem Zentrum gelegen. Von der Skybar „The Stage“, dem Pool und vielen Zimmern hat man einen atemberaubenden Ausblick bis zum Eiffelturm und zum Sacré Coeur. Bier und Kulinarik Die Paname Brewing Company in Saint-Denis braut ihre eigenen Biere und passt zu dem hippen, industriell geprägten Standort in der Nähe des Stade de France. Multikulturelles Publikum lässt sich hier die „Street Food“- Küche, darunter Pizza und Burger, zum Bier schmecken. Info Anreise Mit Austrian Airlines täglich Flüge nach Paris, Metro nach Saint-Denis Pleyel, -Kompensation via atmosfair.de: 13 €. 12Märkte mit 1.500 Ständen befinden sich auf dem sieben Hektar großen Flohmarkt Saint-Quen. Kathedrale Saint-Denis In der Basilika Saint-Denis wurden 43 französische Könige, 32 Königinnen sowie zahlreiche Prinzen und Prinzessinnen von 639 bis 1824 begraben. Die Werkstatt „Fabrique de la Flèche“ (Pfeilfabrik), in der Steinmetze und Schmiede am Wiederaufbau des Nordturms arbeiten, ist für Besucher geöffnet. Mehr Infos Académie Fratellini Zentrum der Zirkuskunst, dreijähriges Studium, Auskunft pop-plainecommune.com , chooseparisregion.org , visitparisregion.com