Im Affekt: Frischs Heldenreise

Auf der Leiter intellektueller Ikonen des Schweizer Selbstverständnisses steht Max Frisch ganz weit oben. Wenn dann auch noch Bezeichnungen wie «literaturhistorische Sensation» oder «ältestes erhaltenes Manuskript» fallen, sollte es nicht verwundern, dass sich nicht nur die Schweizer Feuilletons, sondern auch die deutschen Schwergewichte mit ausschweifenden, wenn auch vielerorts gleichlautenden Berichten auf die Geschichte stürzen, als handle es sich nicht um einen Maturaufsatz, sondern um einen verschollenen Piratenschatz. Seinen Teil zur Euphorie ob Frischs Maturaufsatz trägt sicher auch die Geschichte seines Auftauchens bei: Ein Schüler hatte 1954 den Aufsatz aus dem Schulhaus mitgehen lassen, um ihn, wie er später behaupten sollte, für die Nachwelt aufzubewahren. Er bunkerte ihn dann ganze siebzig Jahre bei sich zu Hause, bevor er ihn 2024 an das Max-Frisch-Archiv übergab. Mit der Veröffentlichung ist der Max-Frisch-Stiftung jetzt gemeinsam mit dem Lehrmittelverlag Zürich geradezu ein Mediencoup gelungen. Durch die Ankündigung schon im Dezember wurde dafür gesorgt, dass der Veröffentlichungstermin der Jubiläumspublikation des Lehrmittelverlags auf den Literaturredaktionen rot eingekreist wurde – und die Geschichte nun auch breiten Eingang in die immer dünner werdenden Kulturteile gefunden hat. Frischs darin abgedruckter Aufsatz wird anhimmelnd bis polemisch interpretiert, als handle es sich tatsächlich um ein verlorenes «Manuskript», also um eine literarische Arbeit, und nicht etwa um eine Abschlussprüfung. Ja, Max Frisch hat sich in späteren Jahren kritisch mit Technik auseinandergesetzt. Aber ist das tatsächlich schon in diesem Aufsatz zu den «Licht- und Schattenseiten der modernen Technik» angelegt, der vermutlich eine Aufgabenstellung seines Lehrers war, oder ist es nicht vielmehr so, dass in der Rückschau fast alles in eine bestehende Erzählung reinpasst? Auf alle Fälle zeigt die Geschichte um diesen Aufsatz deutlich, wie wild wir auf kuriose Erzählungen und auf biografische Archivalien literarischer Held:innen sind – besonders wenn sie das bekannte Wissen nicht infrage stellen. Kein Geniekult kommt ohne «schlechte» Schulnote aus: Frisch erhielt für den Aufsatz «nur» die Note 4–5.