Die Hemmschwelle ist hoch; geht es um Vorsorge, gelten Männer als zurückhaltend. Oft gehen sie erst bei Beschwerden zum Arzt, dabei könnten rechtzeitige Behandlungen bestimmte Erkrankungen vermeiden. Bevor wir zu Dauerbrenner-Themen wie Prostata kommen, lassen Sie uns bitte etwas in Ihren Alltag blicken: Mit welchen Themen kommen Männer besonders häufig zu Ihnen? Mit einem Tabu. Welchem? Erektionsstörungen. Dabei geht es um weit mehr als nur das, was augenscheinlich nicht funktioniert. Es ist ein zentraler Gesundheitsindikator, denn häufig liegen Gefäßprobleme zugrunde. Die Blutgefäße im Penis sind sehr klein – wenn dort etwas nicht stimmt, ist das oft ein frühes Warnsignal für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wohin kann das führen? Etwa 20 Prozent der Männer mit Erektionsstörungen erleiden innerhalb der nächsten sieben Jahre einen Herzinfarkt. Deshalb darf man das Thema nicht nur symptomatisch behandeln. Es ist eine Chance, frühzeitig gegenzusteuern – mit Lebensstiländerungen, Gewichtsreduktion, Bewegung und gegebenenfalls Medikamenten. Erektionsprobleme können also lebensrettend sein. Und sie betreffen nahezu jeden Mann früher oder später, weil sich die Gefäßfunktion mit den Jahren verschlechtert. Wie steht es um die Spermien? Große Meta-Analysen zeigen weltweit eine deutliche Abnahme der Spermienzahl – um bis zu 50 Prozent – bei gleichzeitig zunehmender Verschlechterung der Spermienfunktion. Die Ursachen sind vielfältig. Eine große Rolle spielen Umweltfaktoren wie Mikroplastik und Chemikalien, die hormonähnlich wirken, aber auch Stress und Lebensstil. Kann man dem entgegenwirken? Der wichtigste Faktor ist der Lebensstil: ausreichender Schlaf, Bewegung, Stressreduktion, gesunde Ernährung. Es gibt keine Wunderlösung. In ausgewählten Fällen helfen Nahrungsergänzungen oder medizinische Maßnahmen, aber die Basis bleibt immer der Lebensstil – genauso wie bei den Erektionsstörungen. Kürzlich wurde erlaubt, dass Frauen ab April 2027 ihre Eizellen einfrieren lassen können. Macht das auch für Samenzellen Sinn? Möglich ist das heute schon; ob es Sinn macht, ist eine andere Frage. Medizinisch sinnvoll ist das Einfrieren vor einer Chemotherapie oder bei einer deutlich eingeschränkten Samenqualität. Für die meisten Männer ist es nicht notwendig. Selbst bei spätem Kinderwunsch kann es funktionieren – theoretisch reicht ein einziges gesundes Spermium. Sie sprachen vorhin von Einflüssen, die hormonähnlich wären. Testosteron gilt als zentraler Marker für die Gesundheit des Mannes. Was, wenn das aus der Balance gekommen ist? Niedrige Testosteronwerte sind mit Übergewicht, Diabetes, Muskelabbau, Knochenschwund, Depressionen und Libidoverlust assoziiert. Wenn ein Mann Symptome hat und der Testosteronwert wiederholt tatsächlich zu niedrig ist, kann eine Testosterontherapie sinnvoll sein – evidenzbasiert und individuell. Wie meinen Sie das? Ich hatte einmal einen Patienten mit niedrigem Testosteron: übergewichtig, beginnender Diabetes, leicht depressiv, keine Libido. Nach Beginn der Therapie ging es ihm deutlich besser – körperlich und sexuell. Seine Frau kam dann mit ihm in die Ordination und sagte: „Medizinisch ist alles gut. Aber plötzlich will er wieder Sex.“ Die beiden hatten sich an eine andere Form der Nähe gewöhnt. Das zeigt sehr gut: Gute sexuelle und allgemeine Medizin ist immer ein Paarkonzept. Was haben Sie dann gemacht? (lacht) Ich habe gesagt: Reden Sie miteinander. Und ganz wichtig: Testosteron verursacht keinen Prostatakrebs – das ist ein hartnäckiger Mythos, der wissenschaftlich widerlegt ist. Dennoch steigen die Fallzahlen bei Prostatakrebs enorm. Ja. Prostatakrebs ist heute bereits jede dritte Krebserkrankung beim Mann. Trotz eines generellen Anstiegs aller Krebsarten rechnen wir in den nächsten zehn Jahren damit, dass jede zweite neue Krebsdiagnose beim Mann ein Prostatakarzinom sein wird. Das bedeutet auch: Wir brauchen eine organisierte, effektive Vorsorge. Woran liegt das? Die Ursachen sind komplex. Eine alternde Bevölkerung spielt eine große Rolle, ebenso wie Lebensstilfaktoren. Im Gegensatz zu anderen Krebsarten gibt es keine einfache Prävention. Genau deshalb ist die Früherkennung so entscheidend. Wird Prostatakrebs früh entdeckt, kann er oft schonend behandelt werden – mit erhaltener Lebensqualität. Der Einstieg ist ein einfacher Bluttest, der PSA-Test. Bei unauffälligen Werten sind oft lange keine weiteren Untersuchungen nötig. Wichtig ist, dass das strukturiert und organisiert passiert, ähnlich wie beim Brustkrebs-Screening bei Frauen. Viele Männer verbinden mit der Vorsorge eine rektale Untersuchung und schrecken zurück. Können Sie das nachvollziehen? Ja. Für das Screening hat die Tastuntersuchung keinen zusätzlichen Nutzen mehr. Das ist wissenschaftlich gut belegt und in Leitlinien verankert. Für die Früherkennung reicht ein Bluttest – das senkt die Hemmschwelle deutlich. Sind auch jüngere Männer zunehmend von Prostatakrebs betroffen? Es ist überwiegend eine Erkrankung des älteren Mannes. Es gibt jedoch eine kleine Gruppe mit genetischer Veranlagung, etwa bei familiärer Häufung von Prostata-, Brust- oder Eierstockkrebs. Diese Männer sollten früher mit der Vorsorge beginnen. Sie fordern ein organisiertes Prostatakrebs-Screening. Warum? Weil es Leben rettet und langfristig Kosten spart. Die EU empfiehlt ein strukturiertes, risikoadaptiertes Screening; viele Länder setzen es bereits um. Österreich hinkt hinterher. Gemeinsam mit Fachgesellschaften, Sozialversicherungsträgern und Patientenorganisationen entwickeln wir ein strukturiertes Vorsorgekonzept. Vorsorge ist keine Ausgabe – sie ist eine Investition in Gesundheit, Lebensqualität und ein nachhaltiges Gesundheitssystem. Wie oft sollte ein Mann zur Vorsorge gehen? Wichtig ist: Vorsorge ist nicht gleich PSA-Screening. Moderne Vorsorge bedeutet eine ganzheitliche Untersuchung des Mannes – inklusive Beschwerden beim Wasserlassen, sexueller Gesundheit, Testosteronstatus sowie Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Risiken. Wir brauchen ein Männer-Vorsorgepaket, vergleichbar mit dem Vorsorgeprogramm für Frauen. Dafür brauchen wir geschlechts- und altersspezifische Vorsorgeprogramme, die früher beginnen, individuell angepasst sind und Gesundheit erhalten, bevor Krankheit entsteht. Wenn wir Männergesundheit ernst nehmen, müssen wir Vorsorge neu denken: früher, breiter und systematisch. Das ist keine Mehrbelastung für den Staat – es ist eine Investition in gesunde Jahre, stabile Familien und eine zukunftsfähige Gesellschaft.