Der Iran hält die Weltwirtschaft in Geiselhaft

Seit die USA und Israel ihren Krieg gegen den Iran begonnen haben, ist die Weltwirtschaft in Aufruhr. Vor allem das Nadelöhr an der Straße von Hormus lässt die Welt den Krieg deutlich spüren: Im Persischen Golf werden die Tanker betankt, durch die Meerenge der größte Teil des Rohöls in die Welt exportiert. Am Montagabend verkündete der Iran, man habe die 55 Kilometer breite Meerenge geschlossen, bis Mittwochmittag kamen noch vereinzelt Schiffe durch. Welche Möglichkeiten haben die Mullahs noch und könnten die USA durchfahrende Schiffe wirklich beschützen? Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen. Was hat der Iran an der Straße von Hormus vor? Die Vergeltungsschläge erinnern an die "Tankerkriege" der 1980er-Jahre. Während des Iran-Irak-Krieges feuerten beide Staaten gezielt Raketen auf Schiffe, um die Ölwirtschaft des Gegners zu schwächen, internationale Unterstützer abzuschrecken und die Preise für Rohstoffe und Versicherungen hochzutreiben. Die jetzige Strategie ist ähnlich: Der Mullah-Staat setzt neben Raketen von Land und Drohnen kleine, bewaffnete Schnellboote und Küstenangriffsboote ein, die oft im Schwarm attackieren. Da in der engen Straße von Hormus die Fahrspuren für Tanker teils nur einige Kilometer breit sind, können große Schiffe kaum frei manövrieren. In petto hätte der Iran auch teures Equipment aus dem Ausland – chinesische Marschflugkörper und Boden-Boden-Raketen, eine kleine Flotte russischer Diesel-U-Boote und nordkoreanische Mini-U-Boote. Ist die Seestraße auch vermint? Seeminen hat der Iran noch keine eingesetzt, droht aber damit – die Islamische Republik verfügt über die weltweit größten Lagerbestände. Platziert werden könnten sie einfach und unbemerkt mit Dhows, das sind traditionelle Segelschiffe; auch Speedboote können genutzt werden. Ob das Mullah-Regime das macht, ist unklar: Damit hätten auch Schiffe mit iranischen Rohstoffen ein Problem beim Durchkommen, was die eigenen Einnahmen dezimieren würde. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate können auf Pipelines ausweichen, der Iran nicht. Die USA hätten ein Problem, die Straße von Hormus freizubekommen – Minenräumung ist eine der bekannten Schwachstellen der US-Marine – und bräuchten dabei Hilfe aus Europa und Asien. Doch die würde dauern. Wie viele Schiffe wurden bereits getroffen? Der Iran hat gedroht, jedes Schiff, das versuche, die Meerenge zu durchqueren, in Brand zu setzen. Am Sonntag wurden drei Schiffe vor dem Oman und den VAE beschossen. Die Revolutionsgarden bekannten sich zu drei Angriffen auf Handelsschiffe; ob es dieselben waren, ist unklar. Am Mittwoch wurde ein Schiff nördlich vom Oman getroffen. Im Maschinenraum brach ein Brand aus, es sollen aber keine Ölaustritte festgestellt worden sein. Angesichts der Unmengen an Rohöl, die die Schiffe transportieren, hätte ein kenterndes Transportschiff katastrophale Folgen für die Umwelt. Können die USA Schiffe schützen, wie Trump das versprochen hat? Das wird hochgradig schwierig. Die US-Streitkräfte sind massiv in den Lufteinsätzen gebunden, sie freizustellen, um Schiffe abzusichern, ist kaum machbar. Dazu kommt, dass die meisten Reedereien ihre Schiffe nicht ohne Versicherung auf den Weg schicken wollen – schon jetzt haben viele Agenturen die Verträge mit Reedereien gekündigt, weil die Sicherheitslage sich geändert hat, oder sie verlangen deutlich mehr. Um Schiffe im Wert von 100 Millionen zu versichern, zahlten Reeder vor Kriegsbeginn 250.000 Dollar. Das hat sich nun verdoppelt. Attackiert der Iran auch direkt die Energieinfrastruktur der Golfstaaten? Ja, auch wenn er das bestreitet. Saudi-Arabiens Erdölfördergesellschaft, die größte der Welt, stellte seine größte heimische Ölraffinerie nach einem Drohnenangriff ab. Der Energiekonzern QatarEnergy, zweitgrößter Flüssiggas-Produzent der Welt, stoppte die LNG-Produktion nach Angriffen an zwei Standorten. In einer Ölindustrieanlage in den VAE brach ein Feuer aus, als Sicherheitskräfte einen Drohnenangriff abfingen. Welche Auswirkungen hat die Sperre bisher? Große. 3.200 Handelsschiffe, darunter 150 Öl- und Gastanker, sitzen im Persischen Golf fest. Rund zwanzig Prozent der weltweiten Ölversorgung, täglich 20 Millionen Barrel Öl, müssen hier durch. Seit Beginn der Woche hat sich der Preis für europäisches Erdgas um mehr als 80 Prozent verteuert. Ein Barrel (159 Liter) Brent kostete am Mittwoch 81,25 US-Dollar. Wie abhängig ist Europa von den Gas- und Öllieferungen vom Golf? Zwar kommen nur zehn Prozent des Öls aus der Golfregion nach Europa, von den durch die Decke schießenden Weltmarktpreisen ist der Kontinent trotzdem abhängig. Die werden weiter steigen, schätzen Experten, manche rechnen mit einem regelrechten Preisbeben. Problematischer für Europa ist das fehlende Gas aus Katar – etwa 14 Prozent des Gases kommen aus der Golfregion, die Gasspeicher sind nach der Heizsaison leer. Gerade Gas ist nicht allzu leicht zu ersetzen: Einige US-Flüssiggas-Hersteller profitieren zwar von den höheren Preisen, haben dennoch gewarnt, dass sie ihre Fördermengen auf die Schnelle nicht nach oben schrauben können.