Es ist ein typischer Fall: Um 8 Uhr morgens wird ein 66-jähriger Mann mit der Rettung in die Notaufnahme des LKH-Univ.-Klinikum Graz gebracht. „Er ist mit Schlaganfallsymptomen aufgewacht“, erzählte Christian Enzinger, Vorstand der Uni-Klinik für Neurologie an der Med Uni Graz, Mittwoch bei einem Pressegespräch in Wien. „Aber wir können bei solchen Wake-up-Patienten nicht sagen, ist der Schlaganfall um 6 Uhr in der Früh passiert oder um 22 Uhr am Abend?“ Die MRT-Bilder zeigen, dass ein großes Gehirngefäß verschlossen ist. In diesem Fall kann eine mechanische Entfernung des Gerinnsels – ein Herausziehen mit einem Mikrokatheter (Thrombektomie) – die Methode der Wahl sein. Das hängt aber davon ab, wie viele Stunden der Schlaganfall zurückliegt – und wie viel nicht mehr gut durchblutetes Gehirngewebe erfahrungsgemäß wiederhergestellt werden kann. Wie die KI unterstützt Bei der Entscheidungsfindung werden die Neurologen von Künstlicher Intelligenz unterstützt. Ein KI-Instrument analysiert alle Daten der MRT- und CT-Aufnahmen des betroffenen Hirnareals. Und es wertet innerhalb einer Minute aus, wie viel von einer Minderdurchblutung betroffenes Gewebe noch gerettet werden kann. Die Daten können aufs Handy übertragen und gleichzeitig von einem Arzt in einem Landeskrankenhaus und an der zentralen Uni-Klinik beurteilt werden. „Beide haben eine gemeinsame Entscheidungsgrundlage , ob ein Patient aus einem LKH an die Uni-Klinik für eine mechanische Gerinnselentfernung überstellt werden soll. Seither sind Transporte von Patienten an das Uni-Klinikum, für die wir dann nichts mehr tun konnten, auf annähernd null gesunken“, erklärt Enzinger. Bis zu 80 Prozent aller Schlaganfälle könnten verhindert oder zumindest verzögert werden – durch Veränderungen im Lebensstil und die Kontrolle von Risikofaktoren für die Gefäße, betonte der Neurologe Jörg Weber, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN), anlässlich der ÖGN-Jahrestagung. Gefährlicher Hochdruck Wird bei Bluthochdruck der erste Wert um 5 mmHg gesenkt, geht das Schlaganfallrisiko bereits um zehn Prozent zurück: „Eine Reduktion um 10 mmHg bedeutet ein bereits um 25 Prozent niedrigeres Schlaganfallrisiko.“ Erhöhte Cholesterinwerte und Diabetes sollten optimal behandelt und eingestellt sein. Jeder Mensch sollte einmal im Leben den Wert des Blutfettes Lipoprotein(a) bestimmen lassen. Ein hoher Wert erhöht das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall massiv. Wichtig zur Prävention bestimmter neurologischer Erkrankungen (Gehirnhaut- und Gehirnentzündungen) sind auch Impfungen – besonders jene gegen FSME, Haemophilus influenzae, Meningokokken und Pneumokokken. „Der Rückgang der Impfraten ist ein Problem, weil wir ein Vorzeigeland waren“, unterstrich Weber. Beispiel FSME: Trotz abnehmender Impfrate gebe es jährlich in Österreich dank einer Impfstrategie nur rund 120 Fälle der durch Zecken übertragenen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) , darunter circa zehn schwere Verläufe. „In Tschechien, einem Land mit vergleichbarer Größe, aber keiner Impfstrategie, sind es 900 Fälle. Diesen Vorteil sollten wir nicht verspielen.“ Unverzichtbare Empathie Rund ein Viertel der neurologischen Patientinnen und Patienten in Spitälern lebt mit einer dauerhaften Behinderung . „Das ist im Durchschnitt rund doppelt so häufig wie in anderen Fächern“, sagte der Neurologe Johannes Fellinger, der am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz eine Ambulanz für Inklusive Medizin aufgebaut hat. Einerseits sind es Behinderungen durch erworbene Krankheiten wie Schlaganfall, Parkinson, Multipler Sklerose oder Querschnittlähmung. Andererseits handelt es sich um angeborene neuronale Entwicklungsstörungen, acht Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. „Wir lernen unglaublich viel von Menschen mit Behinderungen. Weil sie, wie durch ein Brennglas vergrößert, die Probleme aller Menschen zeigen “, betonte Fellinger. „Wir müssen wahrnehmen, was Menschen mit Behinderung selbst wollen und dürfen sie nicht bevormunden. Empathie ist keine weiche Zusatzqualifikation, sondern eine zentrale Dimension ärztlicher Qualität. Menschen mit Behinderung brauchen eine medizinische Heimat.“