Lizz Görgl: Warum das Ego im Job oft zum Hindernis wird

Elisabeth „Lizz“ Görgl kennt den Druck der großen Bühne: 2010 gewann sie bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver zwei Bronzemedaillen. Heute arbeitet die Ex-Doppel-Weltmeisterin als Coach und veröffentlichte erst kürzlich mit Michael von Kunhardt „Die Magie des Flows“ (Campus Verlag). Mit Blick auf Cortina 2026 erklärt sie, was Unternehmen vom Spitzensport lernen können und warum Höchstleistung vor allem professionelle Vorbereitung braucht. Frau Görgl, Olympia gilt als mentaler Ausnahmezustand. Worin unterscheidet sich dieser Druck von einem „normalen“ Weltcup? Lizz Görgl: Bei Großereignissen liegt eine besondere Spannung in der Luft. Man spürt: Das passiert nur alle zwei bzw. vier Jahre, es gibt kein „nächste Woche wieder“. Umso wichtiger ist es, bei sich zu bleiben – und ein Werkzeug zu haben, um im richtigen Moment Leistung abrufen zu können. Viele Athletinnen und Athleten dominieren eine gesamte Saison und scheitern dann ausgerechnet bei den Olympischen Spielen. Was macht diesen Moment so heikel? Weil man nicht nur gegen die Strecke fährt, sondern auch gegen Erwartungshaltungen: von außen, vom Team, von sich selbst. Dazu kommen andere Rahmenbedingungen – Abläufe, Medienpräsenz, manchmal auch die Stimmung vor Ort. Das kann tragen oder blockieren. Sie haben 2010 in Vancouver zweimal Bronze geholt. Was bleibt von solchen Momenten? Dass man kultiviert, im entscheidenden Moment präsent zu sein. Im Riesentorlauf wurde wegen Nebels mehrfach verschoben. Ich bin als Führende schlafen gegangen und am nächsten Tag mit einer völlig veränderten Ausgangslage gestartet. Bis zur letzten Zwischenzeit hatte ich das Gefühl, dass es nicht reichen würde. Und dennoch muss man genau dann noch einmal alles investieren – ohne Zögern, ohne Blick zurück und durch meine Risikobereitschaft schaffte ich dann noch die Medaille. Winterspiele wie Cortina werden auch wirtschaftlich diskutiert: Bühne, Investitionen, Standort. Was kann die Wirtschaft konkret aus diesem olympischen Stichtagsdruck lernen? Vor allem, dass Höchstleistung kein Zufallsprodukt ist. Hinter einem Rennen stehen jahrelange Vorbereitung, ein präzises Set-up und klare Entscheidungswege. Genau das gilt auch für Unternehmen – gerade wenn ein Großprojekt, ein Börsengang oder ein internationaler Auftritt ansteht. Wer Prozesse beherrscht, sein Team kennt und Verantwortung klar übernimmt, kann im entscheidenden Moment liefern. Druck ist dann nicht Bedrohung, sondern Signal: Jetzt zählt es. In Ihrem Buch beschreiben Sie Flow als Zustand hoher Leistungsfähigkeit. Wie kommt man dorthin – im Sport wie im Berufsleben? Flow entsteht, wenn Herausforderung und Fähigkeit im Gleichgewicht stehen. Ist eine Aufgabe zu leicht, verliert sie an Reiz. Ist sie zu schwer, entsteht Überforderung. Dazwischen liegt jener Bereich, in dem es fordert, aber erreichbar scheint – dort findet Entwicklung statt. Regeneration, Schlaf, Mindset und die Einordnung des eigenen Egos spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sprechen vom Ego als möglichem Störfaktor. Worin zeigt sich das konkret? Wenn ich permanent darüber reflektiere, wie ich wahrgenommen werde und welche Erwartungen ich erfüllen soll, verliere ich innere Freiheit und Energie. Gewinnt das Außen weniger Gewicht, entsteht Raum für echte Selbstführung. Paradoxerweise entfaltet gerade dieser Zustand die größte Wirkung nach außen – weil er authentisch bzw. echt ist. Was ist aus Ihrer Sicht das zentrale Instrument im Umgang mit Druck? Entscheidend ist die Konzentration auf den gegenwärtigen Moment. Im Starthäuschen hilft es nicht, alle Eventualitäten durchzuspielen. Maßgeblich ist, das umzusetzen, was jetzt gefordert ist. Diese Präsenz ist trainierbar – Spitzensportler schulen genau diesen Fokus und erweitern so ihre Grenzen. In Unternehmen dominiert oft das System. Wie verteilt sich im Spitzensport die Verantwortung und was lässt sich daraus lernen? Erfolg ist Teamarbeit: Trainer, Service, Material und Mentalcoach greifen ineinander – wie Abteilungen in einem Unternehmen. Doch im entscheidenden Moment liegt die Verantwortung beim Athleten. Analysen sind die Grundlage, die finale Entscheidung und ihre Konsequenzen trägt die handelnde Person selbst. Systeme schaffen Stabilität, aber Verantwortung entsteht im Moment der Entscheidung. Was ist Ihre zentrale Lehre für Unternehmerinnen und Unternehmer – gerade bei Großereignissen, wo Timing zählt? Am Anfang steht die Frage: Wofür brenne ich? Dann gilt es bewusst zu entscheiden, statt im Autopilot zu leben. Zudem muss man die Komfortzone dosiert erweitern. Nachhaltige Leistungsfähigkeit ist kein Dauerfeuer. Sie entsteht, wenn man sein System kennt und im entscheidenden Moment präsent ist.