"Young Sherlock": Als Moriarty noch Holmes' Buddy war

Wer sich immer schon gefragt hat, was Sherlock Holmes zur modischen Entscheidung zum Deerstalker-Hut bewogen hat, der ist mit „Young Sherlock“ gut bedient. Da trifft der spätere Meisterdetektiv auf einen rundlichen Scotland-Yard-Beamten mit nämlicher Kopfbedeckung, die er höflich komplimentiert. Das Problem an der Situation: Dieser Polizist ist eigentlich auf der Jagd nach Sherlock. Guy Ritchie hat Sherlock-Holmes-Erfahrung Guy Ritchie, der Arthur Conan Doyles weltberühmte Figur schon zweimal für das Kino umgesetzt hat (mit Robert Downey Jr. und Jude Law), führte nun Regie bei der Amazon-Produktion „Young Sherlock“. Die basiert wiederum auf einer Buchreihe von Andrew Lane, in der Holmes erst 14 Jahre alt ist. In der Serie ist er (Hero Fiennes Tiffin) nun gerade noch ein Teenager. Im besten Alter, um von Bruder Mycroft, nachdem er ihn aus dem Gefängnis gerettet hat, in der Uni in Oxford untergebracht zu werden. Allerdings nicht als Student, sondern als Hausdiener. Dort freundet er sich mit James Moriarty (Donal Finn) an und schlittert gleich in einen Fall, in dem es erst um eine gestohlene chinesische Schriftrolle, dann um eine Bombe und schließlich um viel Größeres geht. Holmes wird auch wieder im Gefängnis landen, aber nicht lang. Ist der Feind ein Freund? Er und sein späterer Erzfeind Moriarty werfen sich die Deduktionserkenntnisse wie in einer Screwball-Komödie hin und her, es gibt in regelmäßigen Abständen hübsch choreografierte Kampfszenen mit Trinklied-Soundtrack und die beiden können gemeinsam in Sherlocks Erinnerung zurückreisen, um Hinweise zu entschlüsseln. Außerdem spielt Colin Firth mit herzlich alberner Gesichtsbehaarung mit. (Den Holmes-Vater spielt übrigens Joseph Fiennes, im echten Leben Onkel von Hero Fiennes Tiffin). Das Ganze wird unterströmt von einer düsteren Kindheitsvergangenheit – dem Tod von Sherlocks Schwester. Das fügt sich nur holprig in die grundsätzliche Unterhaltsamkeit der Serie ein. Unerreichter "Sherlock" Sie kommt natürlich nicht an den großen Geniestreich im Holmes-Kosmos heran – aber das erwartet auch keiner. Fast schon kultisch verehrt wird die BBC-Adaption „Sherlock“ (2010) mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman, die den Tüftler genial in die Jetztzeit versetzte – und seine exzentrischen „Besonderheiten“ recht nüchtern als Soziopathie diagnostizierte. Trotzdem ist die Serie mit ihren ausgeklügelten Fällen nicht nur spannend, sondern auch sehr lustig, vor allem wegen der Beziehung des Ermittlers zu seinem Kompagnon Dr. Watson, den er mit seinen Unwägbar- und Unhöflichkeiten trefflich in den Wahnsinn treibt. („Sherlock“ ist auf Netflix abrufbar) Diese Dynamik ist kaum anders in der Serie „Elementary“ mit Johnny Lee Miller, die denselben Kniff wie „Sherlock“ 2012 angewendet hat: Auch hier wird das Geschehen in die Moderne übersiedelt. Und eine weitere Neuerung gab es: Dr. Watson ist eine Frau, Joan (Lucy Liu). Die ist Sherlocks Suchttherapeutin – denn hier hat sich der Drogengebrauch, den Sir Arthur Conan Doyle mehr als Zeitvertreib beschrieben hat, zur handfesten Heroinsucht ausgewachsen. Die Serie selbst ist nicht so sophisticated geschrieben wie „Sherlock“ und erinnert mehr an „Monk“, ist aber gefällig unterhaltsam und hat sieben Staffeln überlebt (abrufbar bei Joyn). Baker Streets Straßenkinder Das kann man von „Die Bande aus der Baker Street“ (Original „The Irregulars“) nicht behaupten. Diese Netflix-Serie wurde schon nach einer Staffel abgesetzt. Die Idee war aber neu: Im Mittelpunkt standen nämlich die sonst als Randfiguren rangierenden „Baker Street Irregulars“. Das ist eine Gruppe Straßenkinder, die Sherlock Holmes als Undercover-Agenten einsetzt, um an Informationen zu kommen. In der Serie ist allerdings Dr. Watson der Auftraggeber der verwahrlosten Jugendlichen, die in einem Keller im viktorianischen London leben, denn Holmes ist den Drogen zu sehr zugetan. Die Fälle haben alle einen übernatürlichen Einschlag. Auch in den Netflix-Filmen über „Enola Holmes“ spielt der Detektiv nur eine Nebenrolle: Als Bruder der Titelfigur. Sie („Stranger-Things“-Star Millie Bobby Brown) wird vom Verschwinden ihrer Mutter zum detektivischen Handeln inspiriert. Die Filme basieren auf einer beliebten, soft-feministischen Jugendbuchreihe. Ärzte auf Holmes' Spuren Der jüngste Neuzugang im Holmes-Kosmos ist die Serie „Watson“ (Sky). Hier hat sich – ebenfalls in unserer Gegenwart – Holmes’ Vertrauter zurück in die Medizin begeben nach dessen mutmaßlichem Tod in den Reichenbach Fällen. Er arbeitet mit besonders ausgefallenen Krankheitsbildern. Kommt einem bekannt vor? Ja, wie „Dr. House“. Der verhaltensauffällige Ausnahmearzt ist übrigens auch von Sherlock Holmes inspiriert. Er wohnt sogar auch in einer Wohnung mit der Nummer 221B. Nur nicht in der Baker Street.