Der Kampf um das einzig grüne Bundesland Deutschlands

Eigentlich wollte Winfried Kretschmann Priester werden. Doch es wurde der Lehrberuf, Chemie und Biologie. In die Geschichte der Bundesrepublik geht der 77-Jährige aber als erster und bisher einziger grüner Ministerpräsident ein – es sei denn, der ehemalige Landwirtschaftsminister Cem Özdemir holt bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am Sonntag die meisten Stimmen und führt Kretschmanns Erbe fort. In der letzten Umfrage lagen Grüne und CDU gleichauf (28 Prozent). Ihren Vorsprung der vergangenen Monate (bis zu 14 Prozent) hat die CDU auf den letzten Metern verloren. Auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart vor gut zehn Tagen hatte Generalsekretär Carsten Linnemann noch jubilierend davon gesprochen, dass die CDU bald auch in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten stellen könnte. Einen Tag vor der Wahl sieht das anders aus. Das liegt einerseits daran, dass Özdemir weitaus bekannter ist als der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel , der zudem mit einer wenig vorteilhaften Aussage von vor acht Jahren zu kämpfen hat: Der damals 29-jährige Landtagsabgeordnete berichtete damals vom Besuch einer Schulklasse mit 16-jährigen Mädchen, schmachtete den "rehbraunen Augen" der Schülerin Eva nach. Das von einer grünen Bundestagsabgeordneten auf Social Media veröffentlichte Video könnte zwar bei Wechselwählern für Missbilligung gesorgt haben, bei loyalen CDU-Wählern aber weniger. Querschuss aus der eigenen Partei Viel schwerer trifft die CDU wohl ein zweiter Querschuss aus den eigenen Reihen: Ein Kölner CDU-Mitglied warnte auf X vor Özdemir, weil er Muslim ist; Özdemir unterstütze die "Islamisierung" der Bundesrepublik. Selbst Hagel verurteilte den Post: "So ein Unsinn. Das ist nicht unser Wahlkampfstil." Ein Verfahren wurde eingeleitet. Es liegt wohl an den Grünen selbst, dass sie in der Bevölkerung punkten. Der 60-jährige Özdemir, dessen Eltern als Gastarbeiter aus der türkischen Schwarzmeerregion in den Schwarzwald ausgewandert sind, ist dem "Realo"-Flügel der Ökos zuzuordnen – pragmatisch, wirtschaftsfreundlich, bürgerlich-konservativ. So hat er sich auch als Landwirtschaftsminister in der unbeliebten Ampel-Regierung gegeben, und überzeugt. Sofort distanzierte er sich etwa von dem umstrittenen Grünen-Votum im Europäischen Parlament, das EU- Mercosur -Freihandelsabkommen nochmals überprüfen zu lassen. Ähnlich hatte es übrigens auch Kretschmann selbst während seiner Amtszeit gehandhabt, weswegen ihm zum Missfallen mancher Grüner mitunter mehr Nähe zur CDU als zum linken Flügel nachgesagt wird. Auch deswegen hat der Grüne die letzten drei Landtagswahlen im Zentrum der deutschen Maschinenbau- und Autoindustrie gewonnen. Als Kretschmann 2011 nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima auf einer grünen Welle in die Villa Reitzenstein, den Regierungssitz, gespült wurde, bot der CSU-geführte Nachbar Bayern baden-württembergischen Firmen "Asyl" an, wollten sie vor der drohenden "Planwirtschaft" fliehen. Dazu ist es nicht gekommen. Seit 2016 koalieren die Grünen mit der CDU in Stuttgart – und werden es wahrscheinlich weiterhin tun: SPD, FDP und Linke liegen in den Umfragen abgeschlagen im einstelligen Bereich; die wahrscheinlich Drittplatzierte , die AfD , ist für beide ein Tabu. Wahlberechtigt sind nur ein paar weniger, als Österreich Einwohner hat: nämlich 7,7 Millionen Menschen.