Vom Tschocherl zum Kult-Ort: Das Erfolgsrezept des Wia z’haus

Jedes, aber auch wirklich jedes Stück erzählt eine Geschichte. Da ist das alte Werbeplakat für Linde-Kaffee mit der blonden Frau in weißer Schürze, dahinter der Ehemann im Anzug, der schon bei Tisch aufs Essen wartet. Das alte Blechschild einer Brauerei mit den Lipizzanern, die eine sogenannte Levade ausführen – das erhabene Stehen auf den Hinterbeinen. Da ist die Romy – Schneider, wer sonst? – auf einem Filmplakat , der fesche Mick von den Rolling Stone s, der junge Alain Delon , so unfassbar schön, dass man kaum hinschauen kann, der schwer pomadisierte Falco und Curd Jürgens mit Kapitänsmütze, das „Rauhbein aus St. Pauli“. Über 23 Jahre haben sich die Wände des Gasthauses „Wia z’haus“ auf der Wieden mit Memorabilia und Artefakten gefüllt. „Alles echt“, sagt Wirtin Natascha Orlik , „nichts davon ist später irgendwann einmal nachgemacht worden.“ Und zu jedem dieser Objekte besteht eine Beziehung. Die Frau mit Schürze in der Linde-Werbung, sagt sie, „schaut total aus wie meine Oma“. Das alte blecherne Bier-Schild hat ihr Lebensgefährte Andreas Kafka auf einer Online-Plattform entdeckt – und wurde zwecks Übergabe in einer nebeligen Novembernacht zum Tor III des Zentralfriedhofs beordert, wo der Verkäufer die Ware aus dem Kofferraum holte, als handle es sich um einen gestohlenen Picasso. „Er ist damals heimgekommen und hat gesagt, ich war jetzt in einem Kottan-Film“, erzählt Natascha Orlik schmunzelnd. Ja, und all die Stars, Romy, Curd, Alain, Falco, Mick... „Das sind halt meine Lieblinge.“ Entdeckung des Tschocherls Jetzt könnte man sich hier natürlich auch wie in einem Museum fühlen, aber Museen sind meist stille Orte des Bewahrens. Natascha Orliks Lokal ist ein quicklebendiges Gasthaus , in dem ein buntes Publikum aus allen Altersklassen entspannte Abende mit dem Kanon der österreichischen Küche und einem von der Wirtin bestimmten Soundtrack in moderater Lautstärke – „von den Beatles über die Bee Gees bis weit in die 80er“ – verbringt. Dazu dürfen die Gäste von der Schank verlangen, man bringe ein paar kreative Spritzweine, einen Wachauer Bellini oder einen Enzian Tonic. „Die Gegend hier war damals absolute kulinarische Wüste“, erinnert sich die Wirtin, die zuvor mit ihrem damaligen Mann das Gasthaus „Zum Alten Fassl“ in Margareten führte, neben dem sie auch aufgewachsen war. Über dem Fassl wohnte damals Stammgast Falco. „Einmal,  da war ich noch ein Mädchen, hat er zu mir gesagt: Morgen muasst Radio horch’n, i bin Numma ans.“ Es war „Der Kommissar“, an dem er auch am Stammtisch im „Alten Fassl“ gearbeitet hatte. Das Leben hatte aber anderes mit Natascha Orlik vor, und 2002 suchte sie ihr eigenes Lokal. Eines Tages fuhr sie zu einer erfolglosen Besichtigung in die Gußhausstraße. Als sie zu ihrem Auto zurückkehrte, sah sie aus dem Augenwinkel ein Schild im Fenster eines dunklen Beisls: „Wegen Krankheit geschlossen“. Wenig später traf sie die Eigentümer: „Die Chemie hat gleich gepasst, nach 20 Minuten haben sie mir den Schlüssel gegeben.“ Das Lokal, vormals ein veritables Tschocherl namens „Karlwirt“, hat schlimm ausgesehen, erinnert sich Natascha Orlik. „In der Küche war fast nix außer ein vierflammiger Haushaltsherd.“ Öffentliches Wohnzimmer Sie überlegte, wie sie ihr Gasthaus wohl nennen könnte, entdeckte in einem alten Buch den früher geläufigen Namen „Wia z’haus“ und fand, das würde ihrer Vision einer Zusammenführung von Wohnzimmer und Gaststube durchaus gerecht werden. Eines war jedenfalls von Anfang an klar. Natascha Orlik wollte mit Köchinnen und Köchen arbeiten, „weil ich kann mir nicht vorstellen, in der Küche zu verschwinden und nicht zu wissen, was draußen passiert“. Ich kann mir nicht vorstellen, in der Küche zu verschwinden und nicht zu wissen, was draußen passiert. Natascha Orlik / Die Wirtin wollte nicht in der Küche stehen. So trägt sie jetzt ein Potpourri aus althergebrachten Klassikern wie Blunzenradln , Backhendln , Cordon bleu, Tafelspitz und Gulasch ebenso zu Tisch wie die besonders gefragten Koteletts vom Weidelamm mit Kräutern und Bärlauch-Zitronenbutter – und Vegetarisches , „weil ohne so ein Angebot geht es heute nicht mehr, und mir ist es auch wichtig“. Das sind, je nach Saison, Kürbisrisotto, Spargelgerichte, Krautfleckerln (aus Rotkraut), Rote-Rüben-Laibchen, Bergkäsenockerln oder gegrillter Schafkäse mit Vogerlsalat und Parmesan (auf Wunsch auch mit Speck). Dass das Gasthaus, in dem es laut Natascha Orlik nach 23 Jahren ähnlich aussieht wie bei ihr daheim, nun seine endgültige Gestalt angenommen hätte, kann die Wirtin jedenfalls nicht behaupten. Lebensgefährte Andreas Kafka steht immer noch jeden Samstag um vier Uhr in der früh auf, um auf dem Flohmarkt „was Echtes“ zu finden. „Dafür such´ ich dann hier einen Platz und finde ihn auch.“ Nur einen Verlust betrauert sie heute noch. Als sie das Tschocherl Ende 2002 übernahm, wollten die Vorbesitzer ihr einen Gefallen tun und räumten vor der Übergabe den mit antiquarischem Krimskrams vollgestopften Keller. „Was ich da noch alles gefunden hätt’!“