Schopp über die Bundesliga: "Zeit zur Entwicklung kriegst du nicht"

Seit seinem Aus beim LASK im April ist Markus Schopp ohne Trainerjob. Wie er die Zeit nützt, welche Entwicklung er in der Bundesliga vermisst und wer es in die Meistergruppe schafft. KURIER: Wie nützen Sie die Zeit, die Sie aktuell haben? Markus Schopp: Zum einen mit Reflexion, zum anderen mit dem Studium vieler Spiele. Es ist eine total intensive Zeit, mit dem Unterschied, dass ich am Wochenende keinen Stress habe. Es ist aber auch eine schöne Zeit, weil ich mit der Familie Dinge machen kann, die sonst nicht möglich sind. Mit meinen Eltern ebenso wie mit meinen Kindern. Was ist denn das Resultat Ihrer Selbstreflexion? Es ist wichtig, sehr ehrlich zu sich zu sein. Das war ich auch als Spieler schon. Für mich war immer wichtig, dass ich eine klare Idee habe, wie ich auftreten möchte, aber auch, wie ich in der Rolle des Trainers meine Mannschaften entwickeln will. Bei diesem Punkt gibt es eine permanente Entwicklung und die ist total spannend. Und deshalb ist es für mich total wichtig, nicht nur die Bundesliga zu verfolgen, sondern auch über den Tellerrand zu schauen. Beobachten Sie eine spezielle Liga, oder bunt gemischt? Die Premier League ist spannend, sie repräsentiert aber den wirklichen Fußball nicht mehr, weil sie sich infrastrukturell und wirtschaftlich in Sphären bewegt, wo der Rest nicht mehr mitkann. Ich fokussiere mich auf Trainer aus diversen Ländern und darauf, mit welcher Idee sie starten und dann adaptieren. Trainer, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, wie Sie – mit vielen Lösungen im Ballbesitz? Genau. Da will ich wissen, wie sie es in verschiedenen Umfeldern schaffen, klar in ihrer eigenen Idee zu bleiben und sich nicht anstecken lassen von Spielanlagen anderer Mannschaften, sondern ihre Dinge durchziehen. Trainer, für die nicht nur das hohe Pressing Thema ist. Trainer, die auch einmal in einem tiefen Block verteidigen oder einmal in dieser und dann wieder in einer anderen Formation spielen. Diese totale Flexibilität sehen wir in Österreich nur noch selten. Beobachten Sie – unabhängig von der Spielidee – auch Österreichs Trainerlegionäre? Ja, bei Christian Ilzer sind zum Beispiel zwei Dinge auffallend: Einerseits, dass er mit Andreas Schicker einen Sportchef hat, der ihn in einer sehr schwierigen Phase unterstützt hat. Andererseits ist zu sehen, wie er seinen Prinzipien immer treu geblieben ist, aber trotzdem total flexibel geworden ist, wie viel er in den Ballbesitz investiert hat. Das fasziniert mich, weil es die Bereitschaft zeigt, immer den nächsten Schritt gehen zu wollen. Ein anderes Beispiel ist Pep Guardiola, der sich letztes Jahr Pep Lijnders dazu geholt hat, der zuvor viele Jahre der Assistent seines schärfsten Konkurrenten, Jürgen Klopp, war. Ich glaube, dass Guardiola auf der Suche nach jemandem war, der ihm bei strategischen Themen einen Konterpart gibt. Machen wir einen Steilpass nach Österreich. Ihr Ex-Klub Hartberg ist schon wieder kurz davor, in die Meistergruppe einzuziehen. Wie ist das möglich? Und sie könnten ganz weit vorne stehen, hätten sie nicht Spiele wie gegen den LASK nach einer 3:0-Führung aus der Hand gegeben. Hartberg verkörpert nicht das, was viele andere in Österreich ausmacht – nämlich nur hohes Pressing und schnelles Umschalten. Sie verteidigen in einem tiefen Block und es findet sich fast keine Mannschaft, die es schafft, sie zu knacken. Bei dieser Thematik muss man genau hinschauen. Und was sieht man dann? Hartberg gibt seinen Gegnern nicht das, was sie brauchen. Sie ermöglichen kaum Umschaltmomente und haben kaum dumme Ballverluste in der Aufbauzone. Und plötzlich hast du Gegner, die damit nichts mehr anfangen können. Ein anderes Beispiel war der Auftaktsieg im Februar der Austria in Salzburg, als die Austria tief verteidigt hat und die Salzburger nichts damit anzufangen wussten. Und das meine ich mit Flexibilität. Um diese Variabilität zu forcieren, braucht es wohl mehr Zeit für Trainer. Die durchschnittliche Amtszeit bei uns ist zuletzt auf ein Jahr gesunken, während sie in Deutschland doppelt so lang ist. Diese Entwicklung bringt auch das Ligaformat mit sich, weil du von Anfang an unter Druck bist – vor allem Klubs, die oben dabei sein wollen. Es gibt aber noch andere Faktoren wie schlechte Plätze im Winter. Gute Abstände gegen den Ball und gute Strategien im Anlaufen und Pressen ist das, was am einfachsten und schnellsten zu implementieren ist. Die Zeit, etwas zu entwickeln, die kriegst du nicht. Beim Thema Ballbesitz schon gar nicht, weil dieser Begriff bei uns gefühlt total negativ behaftet ist. Es gehört aber alles dazu. Wenn du eines dieser Themen weglässt, siehst du die Konsequenzen. In dem Fall beim Abschneiden der Klubs im Europacup. International ist keiner mehr von unserem Fußball überrascht. Sollte man das Ligaformat wieder überdenken? Die Norweger spielen eine normale Meisterschaft. Die Entwicklung dort ist grandios, wenn ich mir die Spieler und die Nationalmannschaft anschaue. Die dürften irgendwas besser machen als andere, auch als wir. Was das genau ist, weiß ich nicht. Fakt ist aber: Die haben kein Play-off-System. Auch in Belgien kehrt man im Sommer wieder vom Play-off-System zum alten Ligaformat zurück. Würde der eine oder andere Trainer in Österreich anders spielen lassen, hätte er mehr Zeit und weniger Druck? Davon bin ich überzeugt. Allerdings gehört der Druck auch zu unserem Beruf dazu. Darum gilt es einen gute Mischung zwischen allen Phasen des Spiels, passend zu seiner Mannschaft, zu finden. Sollte die Bundesliga nicht eine Ausbildungsliga sein? Alles andere ist nicht möglich. Wer schafft es am Sonntag in die Meistergruppe? Hartberg als Fünfter, es geht also um Platz sechs. Ich traue Altach zu, auch in Graz zu gewinnen. Rapid wird also gewinnen müssen. Mein Tipp auf Platz sechs ist die WSG.