Wir treffen die Juristin im Museum Josephinum, dessen Direktorin sie ist. KURIER: Sie leiten einen Lehrstuhl für Bioethik. Was ist das eigentlich? Christiane Druml: Das ist ein Teilbereich der Ethik. Und Ethik ist die Theorie der Moral. Es geht darum, was zulässig und erlaubt ist, beispielsweise in Bereichen wie Intensiv- und Reproduktionsmedizin oder in der Forschung. Die heikelsten Fragen betreffen Beginn und Ende des Lebens? Eindeutig. 1978 wurde das erste Kind aus künstlicher Befruchtung geboren. Das hat alles verändert und die Bioethik als Fach gegründet. Am Lebensende geht es auch um Fragen wie den assistierten Suizid. Unter verschiedenen Einschränkungen ist er nun in Österreich möglich. Beim Einfrieren von Eizellen ohne medizinische Gründe sind Gesundheits- und Justizministerium derzeit dabei, eine Regelung auszuarbeiten. Wir von der Bioethikkommission sehen mehrheitlich keinen Grund, den Frauen diese Möglichkeit der künstlichen Befruchtung zu verbieten. Wie ernst nimmt die Politik ethische Fragen? Wir würden uns natürlich wünschen, noch viel mehr Gehör zu finden. Die Bioethikkommission ist ein Teil des Bundeskanzleramts, die den Regierungschef direkt berät. Umstritten ist die freie Geschlechterwahl. Die Kommission hat sich mit dem Thema der Kinder beschäftigt, die bei der Geburt nicht eindeutig Bub oder Mädchen sind. Nicht die Eltern sollten darüber entscheiden, sondern man sollte darauf warten, wie sich das Kind entwickelt. Insgesamt ist das ein breites Feld. Es ist wichtig, nicht zu früh Entscheidungen zu treffen, die dann nicht mehr rückgängig zu machen sind. Geschieht das oft zu leichtfertig? Möglicherweise. Andererseits gibt es Personen, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg im falschen Geschlecht fühlen. Wenn dieser Wunsch bestehen bleibt, muss man das ernst nehmen. Was halten Sie vom Longevity-Trend? Das ist groß in Mode. Es ist natürlich schön, wenn sich Menschen überlegen, wie sie länger gesünder leben können, aber da geht es schon auch oft nur ums große Geschäft. Wie wählen Sie die Themen aus? Einerseits werden sie von der Regierung an uns herangetragen, andererseits wählen wir selbst Themen, die in der Luft liegen, wie 2009 die humane embryonale Stammzellendiskussion, wo wir eine umfassende Stellungnahme abgegeben haben. Auch die Klimakrise ist natürlich ein Thema. Sind wir ein besonders konservatives Land, das Innovationen reserviert gegenübersteht? Ich denke schon, dass wir konservativ sind und dass das konservative Gedankengut auch aus religiösen Gründen in Wertefragen stärker durchschlägt, als das liberale. Sie besuchen viele internationale Konferenzen. Worüber ärgert man sich nach der Rückkehr in Wien, und was findet man toll? Wien ist eine großartige Stadt und Österreich ein wunderbares Land. Ärgern? Zum Beispiel über die Architektur. Es wird bei uns sehr viel gebaut in einer Art und Weise, wie es genauso in Spanien oder Bulgarien stehen könnte. Es fehlt uns das, was in Italien schön zu beobachten ist: eine klare eigenständige Linie, die auf die traditionelle Baukultur des eigenen Landes Rücksicht nimmt, vor allem in den Stadtzentren. Und ich bin gegen diese totale Verbauung der Peripherie mit allen Formen von Großmärkten. Weil wir schon beim Thema sind: Sie sind passionierte Eisläuferin und oft im Eislaufverein. Wie soll es auf dem Heumarkt weitergehen? Schon mein Schulweg hat am Hotel Intercontinental vorbeigeführt – damals ein hochmodernes Gebäude, das Wien mit der weiten Welt verbunden hat. Es ist in die Jahre gekommen, einen guten Neubau kann ich mir schon vorstellen. Er soll noch massiver werden. Ob das die richtige Idee ist, um diesen Platz zu beleben und den Blick auf die Stadt zu bewahren, weiß ich nicht. Die ursprünglichen Pläne, um vor allem den Eislaufverein neu zu gestalten, waren durchaus attraktiv. Gut gelungen finde ich übrigens den Erste Campus am Hauptbahnhof. Schade, dass er durch die dahinterstehenden Gebäude irgendwie erdrückt wird. Sie waren in der Corona-Taskforce des Gesundheitsministeriums und wurden offiziell vom Verfassungsschutz wegen Morddrohungen gewarnt. Wie belastend war das? Ich habe das ein bisschen verdrängt, es ging damals allen so, die zum Thema öffentlich auftraten. Es war sehr unangenehm zu sehen, dass in einer Pandemie, wo eigentlich alle zusammenhalten sollten, alles so auseinandergedriftet ist. Was ist schlecht gelaufen, was gut, wäre eine Aufarbeitung sinnvoll? Zumindest am Beginn ist es bei uns sehr gut gelaufen. Es wäre besser gewesen, wenn die Politik die medizinischen Entscheidungen der Wissenschaft überlassen und diese dann nur kommuniziert hätte. So gab es eine unglückliche Vermischung. Die FPÖ hat einen Kampf gegen alles Vernünftige geführt. Ich bin nicht sicher, ob eine Aufarbeitung nicht einfach nur zu einer Fortsetzung des politischen Grabenkampfes führen würde. Aber natürlich müssen wir überlegen, welche Strukturen für etwaige zukünftige Pandemien vernünftig sind. Die Glaubwürdigkeit der Corona-Impfung hat gelitten, weil man erwartete, dann nicht mehr erkranken zu können, was nicht stimmte. Die Pandemie hat insgesamt zu einer Impfmüdigkeit geführt. Aber es waren eher die Ungeimpften, die auf den Intensivstationen gelandet sind. Durch die Impfungen kennt man heute generell manche Krankheiten gar nicht mehr und weiß daher auch nicht mehr, wie gefährlich sie sind. Liegt das Gesundheitswesen insgesamt im Krankenbett? Es herrscht zunehmend Zwei-Klassen-Medizin. Österreich hat dennoch ein sehr effizientes Gesundheitswesen. Man könnte es aber besser überregional organisieren. Es bestehen zu viele Krankenhäuser nebeneinander, nur durch eine Landesgrenze getrennt. Man kann nicht jede Diagnostik oder Behandlung in jedem Krankenhaus anbieten. Natürlich sind beispielsweise für eine Herzoperation jene Krankenhäuser vorzuziehen, wo eine Herzoperation nicht nur dreimal im Jahr gemacht wird, sondern große Expertise vorhanden ist. Einige der Probleme sind dem Föderalismus geschuldet. Sie leiten das Josephinum mit seiner einzigartigen Sammlung historischer Wachspräparate. Sollte jeder Wiener/jede Wienerin einmal bei Ihnen gewesen sein? Ja, weil wir ja nicht nur die großartigen anatomischen Wachsmodelle haben, die Josef II. 1785 mithilfe von Maultieren aus Florenz nach Wien geholt hat, sondern weil man auch den Körper kennenlernt – aber nicht auf Basis von präparierten Leichen. Von 26. März bis 28. Juni gibt es auch noch eine Klimt-Ausstellung. Klimt hat im Salon von Berta Zuckerkandl unter anderem den Anatomen Zuckerkandl kennengelernt und durch sein Mikroskop geschaut. Das hat seine Malerei beeinflusst – siehe die Ornamente im Hintergrund der Bilder oder als Kleidermuster, die wie Ei- und Samenzellen ausschauen. Wir erzählen auch die Geschichte des Gemäldes, das Klimt für die Medizinische Fakultät der Universität schaffen sollte. Es wurde abgelehnt, daraufhin von Klimt zurückgekauft und ist später verbrannt. Google und das Belvedere haben es mit Künstlicher Intelligenz rekonstruiert. Eine Nachbildung des Bildes wurde nun auf einem großen Gebäude im neuen MedUni-Wien-Campus angebracht.