„Fun Home – Eine Familie von Gezeichneten“ hieß die erste Graphic Novel von US-Autorin Alison Bechdel. Sie erschien in 23 Ländern, wurde 2007 vom Time Magazin zum „besten Buch des Jahres“ gekürt und stand 40 Wochen lang auf der New York Times-Bestseller-Liste. Mit „Fun“, mit „Spaß“ hatte das Comic-Drama allerdings wenig zu tun. Alison Bechdel stellte in ihrer gezeichneten Autobiografie Fragen zu elterlichen und eigenen Depressionen, sexueller Identität und rekapitulierte Kindheit und Jugend im ländlichen Pennsylvania der 1960er-Jahre. Literarische Streifzüge von Virginia Woolf bis Marcel Proust inklusive. Sprachlich wie zeichnerisch brillant, schilderte Bechdel das Familienleben bis zum Selbstmord des versteckt homosexuellen Vaters. Ein außergewöhnliches Buch. 2013 wurde „Fun Home“ als Musical adaptiert, und gewann bei den Tony Awards fünf Auszeichnungen, unter anderem als „bestes Musical“. Ein Welterfolg, mit dem Alison Bechdel in ihrer neuen Graphic Novel „Kaputt“ kämpft. Auf ihrem Zwergziegen-Gnadenhof in Vermont grübelt die Comiczeichnerin, die hier mit ihrer Frau Holly inmitten einer Gruppe linker Babyboomer lebt, über das bevorstehende Ende der Menschheit. Sie hadert mit ihren Privilegien und fragt sich: Ist es legitim, lukrative internationale Buchverträge zu verhandeln, während das Schicksal der Welt am seidenen Faden hängt? Bechdel hat mit „Kaputt“ eine ebenso berührende wie messerscharfe Satire geschaffen. Ihre Clique erfüllt viele Klischees, die manche als „woke“ bezeichnen würden. Selbstironisch, herzergreifend und sehr lustig ist diese Geschichte, in der Bechdel von ihrem Leben zwischen Ziegen, Aussteigern und Waffennarren berichtet. Wie immer steckt viel Autobiografie in diesem Buch. Doch bei aller Authentizität ist hier auch einiges erfunden. Etwa die Ziegen. Sie sind von Bechdels Großvater inspiriert, der als Bub in Südtirol Ziegen hütete. Und selbst im Bemühen, die Wahrheit zu erzählen, gibt es bekanntlich keine absoluten Gewissheiten. Das betrifft insbesondere Familienerinnerungen. „Eine Sache, die ich im Laufe der Jahre beim Schreiben über mein wirkliches Leben gelernt habe, ist, dass nicht jeder damit einverstanden war. Das war eben meine persönliche Sichtweise. Jeder in meiner Familie hatte andere Erfahrungen gemacht. Das thematisiere ich in diesem Buch. Es geht darum, wie es ist, wenn jemand aus einer Familie berühmt wird, weil er über sie geschrieben hat, und die anderen sehen das ganz anders“, sagt Bechdel im Gespräch mit dem KURIER. Der Erfolg hat also auch eine Kehrseite. Ihr Buch war früher Schullektüre, nicht zuletzt wegen der Weltliteratur-Bezüge. Kritiker nannten sie die „Virginia Woolf der Graphic Novel“. Unter der Trump-Regierung ist sie aus Schulbibliotheken und vielen Colleges verschwunden, unter anderem wegen „Förderung des schwulen und lesbischen Lebensstils“. In „Kaputt“ berichtet Bechdel aber vor allem von innerfamiliären Problemen nach „Fun Home“. Ihre Schwester war nicht begeistert über Alisons Sichtweise auf die Familie. Ob sie mit dem aktuellen Buch einverstanden ist? Wohl nicht. Sie ist Trump-Anhängerin. Bechdels Protagonistinnen, lesbisch und vegan, erfüllen jedes Klischee, das Amerikas Rechte hasst. Sie selbst macht gerne Witze über die Klischee-„Woken“. „Ich hoffe, die Leute verstehen das nicht falsch, ich bin ja einer von diesen Menschen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so erfolgreich sein würde. Ich war immer eine Außenseiterin, als Lesbe und als Cartoonistin, beides Bereiche, die kulturell gesehen eher am Rande stehen. Seltsamerweise wurde es im Laufe meiner Karriere okay, Bücher über meine Erfahrungen als homosexuelle Person zu schreiben und es wurde sogar noch okayer, Comics zu zeichnen, es wurde trendy. Ich versuche, mit dem Gefühl fertigzuwerden, dass ich für eine Sache, von der ich nie gedacht hätte, dass sie je etwas bringen würde, viel Geld bekomme. Ich fühle mich schuldig.“