„Hilfe, der Sprit wird immer teurer!“: Aida Loos über Krisen

„Hilfe, der Sprit wird immer teurer!“ Oh, Sie leben noch! Wie ausdauernd. Kommen Sie herein und sprechen Sie bitte leise. Ich habe Migräne. Nicht von Ihnen, von der Weltlage. Schuhe können Sie heute anlassen. Seele bitte ausziehen. Sie wollen also meine Hilfe. Was fühlen Sie vor der Zapfsäule genau? Ohnmacht? Ja. Wut? Sicher. Diese spezielle Kränkung, die entsteht, wenn man merkt, dass man nicht mehr Herr des eigenen Tankdeckels ist, richtig? Das ist ganz normal. Das ist das große Trauma des freien Westens: Er kann sich die Freiheit nicht mehr volltanken. Er ertastet die Geopolitik am eigenen Geldbörsel. Das ist wie Blindenschrift. Nur halt für Leute, die nicht lesen wollen. Wissen Sie, wer gerade noch um Hilfe bittet? Die Iranerinnen und Iraner. Dort fällt einem Mann sein Haus auf den Kopf. Hier fällt einem Mann die Tankrechnung aus der Hand. Und beides nennt man Krise. Sie und der Iraner, vereint in einem Hilfeschrei. Das ist die Solidarität des Vokabulars. Berührend. Wissen Sie, was das Tragischste an Ihnen ist? Nicht, dass Sie jammern. Jammern ist menschlich. Nicht, dass Sie den Iran auf der Weltkarte nicht finden würden. Geografie ist schwer. Nicht einmal, dass Sie Ihren Mazda lieben. Liebe ist irrational. Das Tragischste ist, dass Sie von einem System profitieren, das seit Jahrzehnten dafür sorgt, dass die Bomben immer woanders fallen. Immer schön weit weg, wo Menschen Namen haben, bei denen ihre Zunge einen Bandscheibenvorfall erleidet. Dieses watteweiche System hat einen Preis. Und dieser Preis steht an der Zapfsäule. Sie leben im Paradies und beschweren sich über den Eintrittspreis. Tragisch ist auch noch etwas anderes. Das alte Persien hat Ihnen Algebra geschenkt, die Alchemie und Menschenrechte. Und was machen Sie daraus? Preisvergleiche. Wo ist der Liter zwei Cent billiger? Und dann fahren Sie elf Kilometer Umweg dorthin, verbrennen dabei für fünf Euro Sprit, um siebzig Cent zu sparen, weil es Ihr gutes Recht ist. Das ist die wahre Alchemie des Westens: aus Gold Blei machen. Nur umgekehrt hat es nie funktioniert. Nein, nein. Ihr Privileg besteht nicht darin, dass Sie reich sind. Sind Sie nicht. Das wissen wir beide. Sie fahren einen Mazda. Sondern dass der Spritpreis gerade Ihr größtes Problem ist. Das ist ein Abschlusszeugnis in Privilegiertheit, mit Auszeichnung bestanden. Summa cum tanke. Was ich Ihnen rate? Fahren Sie ruhig. Aber diesmal in den Iran. Schauen Sie sich das an. Und wenn Sie zurückkommen – falls Sie zurückkommen –, dann tanken Sie und sagen an der Zapfsäule ganz laut: Mein Gott, ist das schön. Eins neunzig und niemand schießt auf mich. Das ist Ihnen zu radikal? Sie könnten auch nur noch Speiseöl tanken. Wenn Ihr Auto im Stau nach Pommes riecht, haben Sie zumindest das Gefühl, sich etwas gegönnt zu haben. Entwickeln Sie eine Benzinallergie! Die gibt es nicht? Vor zehn Jahren gab es auch keine Hafermilch. Fahren Sie mit dem Auto nur noch zu Begräbnissen und kriechen Sie sonst. Kriechen ist gut für die Demut. Und Demut ist der einzige Kraftstoff, der nie teurer wird. Weil ihn keiner will. Darüber sprechen wir nächste Woche, sofern ich mir die Praxismiete noch leisten kann. Denn wissen Sie, was auch noch teurer geworden ist? Alles. So, das macht dann 280 Euro bitte. Das sind umgerechnet in Ihre Sprache drei Tankfüllungen. Super.