Neun Worte, die die Welt veränderten: „Mr Watson – kommen Sie her – ich möchte Sie sehen.“ Gesprochen am 10. März 1876 von Alexander Graham Bell zu seinem Assistenten, der sich außer Hörweite befand und doch herbeieilte. Denn Bell hatte sie in ein Mundstück gesprochen, Watson sie durch den Hörer empfangen. Auch wenn gleichzeitig auch andere an der Erfindung arbeiteten und Bell als Vater der Telekommunikation heute teilweise angefochten wird: Dieser Anruf markiert den Beginn einer neuen Kommunikationsära. „Es war eine Revolution“, sagt Jörg Matthes, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. „Sie brachte eine absolute Beschleunigung .“ Wurde die direkte Kommunikation damit doch von der physischen Anwesenheit entkoppelt. Sozialer Eindringling Wie so häufig kam der Paradigmenwechsel mit einer großen Portion Skepsis , erläuterte Kommunikationsexperte Roger Bridgeman in der BBC: „Wenn man reich genug war, um sich ein Telefon leisten zu können, hatte man einen Butler, der für einen ans Telefon ging.“ Das Telefon stand oft nahe der Eingangstür, als wäre sie eine weitere Tür ins Haus. „Und in vielen Fällen eine unwillkommene.“ Das Telefon, ein sozialer Eindringling. Sobald sich die Menschen jedoch an das neue Medium gewöhnt hatten, begann es sich rasant auszubreiten. Bis 2008 gab es weltweit rund 1,3 Milliarden Festnetzanschlüsse , bis 2010 etwa 5 Milliarden Mobiltelefone . Die Ablehnung war einer Neugier gewichen, erörtert Psychotherapeutin Béa Pall vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie. „Man fragt sich: Wer ist am anderen Ende des Apparats? Wer denkt in diesem Moment denn gerade an mich?“ Der Klingelton wurde zur Aufforderung: Heb ab! Lieber asynchron Doch 150 Jahre nach Bells telefonischem Assistentenruf hat die Skepsis dieser Tage einen neuen Höhepunkt erreicht – vor allem in der jungen Generation. Laut einer Umfrage des britischen Telekomanbieters Uswitch ziehen 70 Prozent der 18- bis 34-Jährigen eine Textnachricht einem Anruf vor; mehr als ein Drittel schickt am liebsten Sprachnachrichten. Wie kam es zu dem Wandel? „Zum einen“, sagt Matthes, „ist die junge Generation mit asynchroner Kommunikation aufgewachsen . Sie hat also schlichtweg die Möglichkeit, zurückzutexten oder eine Sprachnachricht zu schicken. Wenn ich telefoniere , dann ist das verbindlicher . Es verlangt meine ganze Aufmerksamkeit. Man muss dem anderen zuhören und ist unmittelbar zur Antwort gefordert. Damit hat man im Moment weniger Kontrolle.“ Man kann nicht, erörtert Pall, wie bei einer Sprachnachricht den Wortlaut überlegen und auch nicht wie bei einer Textnachricht die Botschaft vor dem Absenden noch einmal durchlesen. Die Konfliktvermeidung Ein Viertel der 28- bis 34-Jährigen gab in der Uswitch Umfrage an, das Telefon gar nicht mehr abzuheben. Doch warum vermeiden immer mehr Menschen Telefonate? Einerseits, meint Pall, nehmen soziale Ängste und Leistungsdruck zu. Dazu fehle der Umgang mit unangenehmen sozialen Situationen. „Wir verlernen es“, ergänzt Jörg Matthes, „Themen auszuargumentieren, in Gesprächen in einen tieferen Diskurs zu gehen.“ Angst , fährt Pall fort, liebt zudem die Vermeidung . „Wenn ich mich vor etwas fürchte und daraufhin etwas vermeide, wird die Angst schnell größer.“ Gleichzeitig sagt Matthes, „ist die jüngere Generation an einer Maximierung des eigenen Wohlbefindens interessiert.“ Der Professor und die Psychotherapeutin sind sich deshalb einig, dass es wichtig ist, der Vermeidung nicht immer nachzugeben . „Jeder kleine Schritt bringt ein Erfolgserlebnis, das den Selbstwert steigert“, sagt Pall. „Und für echte Freundschaften“, ergänzt Matthes, „ist direkte Kommunikation unabdingbar. Echte Bindung entsteht im Miteinander, in der Präsenz, in der Selbstöffnung.“ Roboter am Apparat Und doch steht uns derzeit womöglich noch eine andere Kommunikationsrevolution bevor: Zwei Drittel der Menschen im Kundenservice haben vergangenes Jahr zumindest einmal mit einem Chatbot telefoniert. Die KI ist mittlerweile so ausgefeilt, dass der Computer am anderen Ende der Leitung nicht immer sofort als solcher identifiziert wird und sich das Gespräch zeitweise wie zwischen zwei Menschen anfühlt. „ Chatbots “, sagt Matthes dazu, „ vermitteln die Illusion eines echten Menschen , deshalb reagieren wir Menschen wie auf eine echte Stimme.“ Nimmt diese Art der Kommunikation weiter zu, sollte man sich dabei einer Sache unbedingt bewusst sein. „Die Künstliche Intelligenz will uns im Gespräch halten und liefert uns deshalb genau die Antworten, die wir hören wollen.“ Anders als bei der Einführung des Telefons, bei der sich die Apparate über Jahre hinweg in den weltweiten Haushalten etablierten, ist dieser Paradigmenwechsel rasant. 97 Prozent der Österreicher nutzen das Smartphone für den Internetzugang . Die schnelle Entwicklung kann also ein Ohnmachtsgefühl hervorrufen. Dennoch rät Matthes einmal mehr nicht zur Vermeidung. „Bei neuen Entwicklungen in der Technologie gilt im Allgemeinen die Strategie: Am besten ist eine Mischung aus Nutzung und Nicht-Nutzung .“ Denn wer die KI verweigert, verliert den Anschluss. Doch wer sie ausschließlich nutzt, verliert die Kontrolle. Vielleicht mehr denn je.