Ihr Männerlein kommet: Warum es Männer gegen Sexismus braucht

Liebe Männer! Dieser Text ist für euch. Eine Einladung. Vielleicht ist es das Frühlingserwachen. Vielleicht war es das unfassbare System der Protektion von Tätern, das durch die Epstein-Files so augenscheinlich wurde. Vielleicht waren es die zwei Femizide bereits in den ersten Tagen des neuen Jahres. Vielleicht eine persönliche Erfahrung, weil ein Kumpel "zu weit" gegangen ist. Aber es ist passiert: Ein enger Freund von mir ist endlich wütend. Er, der in dieser Kolumne schon öfter als negatives Demonstrationsobjekt dafür herhalten musste, wie tief patriarchale Muster auch in selbst ernannten Feministen verwurzelt sind, ist endlich richtig nachhaltig wütend . Und zwar wütend über ein System des Frauenhasses. So wütend, dass er (endlich) aktiv gegen Sexismus auftreten will; dass er (endlich) recherchiert, was er als Mann tun kann; dass er an der gestrigen Männerdemo in Wien gegen Gewalt an Frauen teilgenommen und andere Männer in unserem Freundeskreis aufgefordert hat, auch zu gehen. Warum es männliche Feministen braucht Mein Freund sah sich schon vor seiner "Erweckung" als Feminist. Damit ist er nicht alleine. Viele Männer tragen die Bezeichnung "Feminist" als Label einer Gruppenzugehörigkeit. "Ich bin eh für die Gleichstellung der Geschlechter. Ich find Sexismus eh blöd. Ich finde den Gender-Pay-Gap eh eine Frechheit. Ich bin eh einer von den Guten." Aber das reicht nicht. Ja, mein Freund hat auch jeden einzelnen Täter der Femizide der letzten Jahre für seine Tat verachtet. Diese Verachtung aber richtet sich immer gegen dieses eine Individuum, das seine Frau, Ex-Freundin, Geliebte, Tochter getötet hat. Sie richtete sich (noch) nicht gegen das misogyne System, das Femizide in Österreich nicht zu Einzelfällen, sondern zu einem Strukturproblem macht. Hinter Femiziden stecken patriarchale Machtansprüche und tradierte Rollenbilder. Aber der Groschen ist gefallen: Frauenhass hat System. Und das geht alle etwas an. Also müssen wir über die Notwendigkeit von männlichem Feminismus sprechen. Aber: Leider sind viele der Meinung, es brauche gar keinen Feminismus mehr, dass dieser bereits "zu weit" gehe. Daher hier Fakten auf einen Blick: Gleichberechtigung aller Geschlechter wird noch 123 Jahre dauern, wenn es im derzeitigen Tempo weitergeht. Das geht aus dem "Gender Gap Report" der UNO hervor. Jede dritte Frau hat ab dem Alter von 15 sexuelle und/oder körperliche Gewalt erlebt. In Österreich werden jährlich rund 15.000 Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen. Körperliche oder sexuelle Gewalt geht meistens vom Partner oder Ex-Partner aus. 2025 gab es hierzulande 34 Mordversuche an Frauen und 15 Femizide, 2026 bereits 3 getötete Frauen und 19 Mordversuche. Die meisten Täter von Femiziden sind Österreicher. Das geht aus einer Studie für das Innenministerium aus dem Jahr 2024 hervor. 98 Prozent der Täter von sexualisierter Gewalt sind Männer. Der Gender-Pay-Gap liegt bei gleicher Arbeit bei 17,6 Prozent. Österreich liegt deutlich hinter dem EU-Schnitt von 11,1 Prozent. Die unbezahlte Care-Arbeit wird nach wie vor hauptsächlich von Frauen übernommen. Laut einer Studie des Global Institutes for Women's Leadership in 29 Ländern und mit 23.000 Teilnehmern ist ein Drittel der Gen-Z-Generation der Meinung, Frauen sollten sich ihren Männern unterordnen . Not all men = Nicht mein Problem Und hier ist in euren Köpfen vielleicht schon der erprobte "Not all men"-Impuls ("Nicht alle Männer") losgegangen. Wer Debatten über strukturelle Gewalt an Frauen, Femiziden, Missbrauch, Sexualisierung von Teenagern immer noch damit quittieren möchte, dem sei gesagt: Du bist Teil des Problems. Ist es wirklich drängender, sich persönlich angegriffen zu fühlen, als anzuerkennen, dass das Töten von Frauen System hat? "Nicht alle Männer" sind andere Worte für "Nicht mein Problem" oder "Geht mich nichts an". Das stimmt nur nicht. Gewalt an Frauen ist ein Männerproblem, kein Frauenproblem, kein Ausländerproblem. Es ist Männergewalt. Und deswegen brauchen wir euch. Männer, die Frauen verachten, hören nicht auf uns Frauen, wenn wir sagen "Hört auf uns umzubringen". Es braucht männliche Stimmen. Es braucht Männer, die ihre Söhne erziehen, keine Täter zu werden und Frauen zu respektieren. Es braucht Männer, die ihren Söhnen und kleinen Brüdern Werte der Gleichberechtigung beibringen. Es braucht Männer, die einschreiten, wenn der Kumpel in der Runde einen sexistischen Witz macht; die "Stopp" sagen, wenn der Saufkumpane ausnutzt, dass eine Frau in einer Bar zu viel Alkohol getrunken hat; sexistische Witze macht; abfällig über Frauen spricht; Teenager sexualisiert oder die Partnerin wie seinen Besitz behandelt. Da fängt Männergewalt nämlich bereits an. Schon beim kleinen Witz fängt es an. Der Femizid ist "nur" die Spitze des Eisbergs. Ihr könnt die gesamte Last des gesellschaftlichen Wandels nicht auf unseren Schultern lassen - und der Weg ist noch sehr weit. Liebe Männer, es ist Zeit. Und wir brauchen euch wütend. Wir brauchen euch laut. Wir brauchen euch an unserer Seite.